Snooker

Snooker-Kommentator Rolf Kalb im Interview: "Ronnie O'Sullivan schadete sich damit selbst"

Von Lukas Zahrer

© getty

Rolf Kalb gilt seit Jahrzehnten als der größte Snooker-Experte im deutschsprachigen Raum. Der Eurosport-Kommentator kennt die Szene wie kaum ein anderer und gibt in seinem Buch "Die Faszinierende Welt des Snooker" spannende Einblicke und Anekdoten.

Im Interview mit SPOX spricht der studierte Mathematiker vor der am Samstag beginnenden Snooker-WM in Sheffield über die Top-Favoriten auf den Weltmeistertitel und verrät, warum Ronnie O'Sullivan im Crucible scheitern könnte.

Außerdem erzählt er, dass Frauen in der Snooker-Szene vereinzelt diskriminiert werden und erklärt, warum Ex-Formel-1-Boss Bernie Ecclestone sauer auf das chinesische Fernsehen ist.

Herr Kalb, seit vielen Jahren sind Sie die Stimme des Snookers. Was ist Ihre Zielsetzung beim Kommentieren?

Kalb: Die Zuschauer sollen verstehen, was gerade am Tisch passiert und das Spiel genießen. Ich selbst liebe diesen Sport. Wenn sich diese Faszination auf mein Publikum überträgt, freut mich das besonders.

Ihre Übertragungen leben vom engen Kontakt mit Ihrem Publikum. Schon lange vor den Zeiten der sozialen Medien tauschten Sie sich regelmäßig mit der Snooker-Community aus. War das geplant?

Kalb: In Sachen Interaktivität waren wir bestimmt Vorreiter. Entstanden ist das Ganze aber durch einen kompletten Zufall.

Tatsächlich?

Kalb: Bei einer Übertragung lief plötzlich ein Schriftband durch das Bild: 'Fragen Sie Ihren Kommentator!' Das Problem dabei war: Der Kommentator hatte keine Ahnung davon. (lacht) Ich fragte also bei den Kollegen nach.

Und die antworteten?

Kalb: 'Um Himmels Willen, das war nur ein Test!' Plötzlich wollte aber jeder wissen, wie man mir nun Fragen stellen kann. Also richteten wir einen Mail-Account ein. Nach einem halben Tag hatte ich 600 Mails in meinem Postfach. Dann gab es ein Forum, im Laufe der Jahre verlagerte sich der Austausch auf Twitter. So etwas kann aber nur funktionieren, wenn es authentisch bleibt. Wo Rolf Kalb drauf steht, ist auch Rolf Kalb drin - das garantiere ich.

In den sozialen Netzwerken melden Sie sich auch zu politischen Themen zu Wort. Warum ist Ihnen das wichtig?

Kalb: Ich bin ein denkender Mensch, der sich eben über gewisse Dinge freut, aber auch ärgert. Es ist mein privater Account, daher schreibe ich manchmal auch gerne über Dinge, die mir am Herzen liegen.

Sie schreiben auch über die Behandlung Ihrer Frau, die an Krebs erkrankt ist.

Kalb: Die Diagnose war ein großer Schock. Für mich war klar, dass die Unterstützung meiner Frau die absolute Priorität hat. Ich sagte Termine und Sendungen ab, um für sie da zu sein. Die Zuschauer waren natürlich meine Stimme gewohnt - denn Rolf ist immer da. Schnell kochte die Gerüchteküche, Eurosport wolle mich gar loswerden. Das wollte ich schnellstmöglich einfangen. Wir gingen von Beginn an offen mit der Krankheit um, das war dann ein weiterer Schritt. Im Nachhinein war es eine wunderbare Entscheidung. Wir erfuhren Mitgefühl und bekamen viel Kraft, das war überwältigend.

Mittlerweile hat Ihre Frau glücklicherweise den Krebs besiegt und befindet sich auf dem Weg der Besserung. Darf ich das Thema wechseln und zum Sport kommen?

Kalb: Sehr gerne.

Was ist Ihr höchstes Break?

Kalb: Oh, oh. Darüber decke ich den gnädigen Mantel des Schweigens.

Nur zum Vergleich: Sie sprechen mit jemandem, dessen High Break eine läppische 32 ist. Also, nur Mut! Kann ich Ihnen nun etwas entlocken?

Kalb: (lacht) Ich sage nur so viel: Als Kommentator kann ich mehr für Snooker bewegen denn als Spieler.

Rolf Kalb: "Man musste fürchten, dass Snooker wegstirbt"

Also gut, sprechen wir über etwas anderes. Wie empfinden Sie die Entwicklung des Snooker-Sports in den letzten Jahren? Geht es in die richtige Richtung?

Kalb: Der Sport ist in einer so guten Position wie noch nie zuvor. Noch vor zehn Jahren musste man ja fürchten, dass Snooker wegstirbt. Es gab nur noch sechs Ranglisten-Turniere pro Saison. Heute gibt es deutlich mehr Preisgeld, die Übertragungen erreichen ein immer breiteres Publikum. Zudem ist das Niveau an der Weltspitze unglaublich hoch.

Wo gibt es Verbesserungspotenzial?

Kalb: Vielleicht könnte man sich ein Ranking-System überlegen, bei dem Turniersiege nicht so schwer gewichtet werden. Strukturelle Probleme sehe ich aber keine. Das unterstreicht auch die Attraktivität der Main Tour. Unzählige Spieler träumen davon, diese zu erreichen.

Der Snooker-Kalender ist dicht wie nie zuvor. Besteht die Gefahr einer Übersättigung?

Kalb: Das weiß ich nicht. Als wir auf Eurosport mit der WM 2003 begonnen haben, tendierte ich auch dazu, das Publikum nicht zu überfüttern. Die Entwicklung hat mich aber Lügen gestraft: Das Interesse ist bei jedem Turnier da, wie unsere Zuschauerzahlen zeigen.

Das letzte große Turnier fand in China statt. Diese Events fallen mehr durch leere Hallen auf, trotzdem bietet World Snooker den asiatischen Turnieren einen festen Platz im Kalender. Kaufen die Chinesen den Snooker-Sport kaputt?

Kalb: Die schwachen Zuschauerzahlen haben verschiedene Gründe, allen voran die Ticketpreise. China gilt als wichtiger Markt, ich sehe aber Bemühungen, eine gesunde Balance zu finden, um nicht zu sehr in den chinesischen Markt zu rutschen. Asiatische Kollegen bestätigen mir immer wieder, Ding Junhui zähle zu den fünf populärsten Sportler Chinas. Die Begeisterung ist riesig, dazu fällt mir auch eine berühmte Anekdote ein.

Bitte erzählen Sie uns davon.

Kalb: Einst kollidierte eine Finalpartie von Ding zeitlich mit einem Formel-1-Grand-Prix. Das chinesische Fernsehen, CCTV, entschied sich dazu, beim Match von Ding zu bleiben. Bernie Ecclestone, der damalige Impresario der Formel 1, rief erbost bei CCTV an, und meinte: 'Leute, das dürft ihr gar nicht. Schaut doch einmal in unseren Vertrag! Das kostet Euch eine hohe Strafe.' Das chinesische Fernsehen antwortete ganz kühl mit der Aufforderung, er solle doch die Kontonummer durchschicken, sie überweisen das Geld gerne.

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Das Crucible Theatre ist der Schauplatz der Snooker-WM.

Snooker-WM: "Früher gingen Finals über 145 Frames"

Die Fernsehstationen würden sich wohl öfter kürzere Matches wünschen. Gibt es Bestrebungen, mit Traditionen zu brechen?

Kalb: Das ist zum Teil schon passiert. Die Top-16 der Setzliste bekommen keine Freilose, viele Turniere setzen auf kürzere Distanzen. Man versucht, unterschiedliche Angebote zu schaffen, damit nicht jedes Turnier die gleiche Soße ist. Dennoch will der Weltverband seine Kronjuwelen unbeschadet lassen. Niemand denkt daran, das Format der WM zu ändern - weder Ort, noch Matchlänge. Das Produkt funktioniert ausgezeichnet. Man muss sich vor Augen halten: Früher gingen WM-Finals über sage und schreibe 145 Frames.

Bitte was?

Kalb: Damals gab es noch keine Fernseh-Übertragungen, TV- und Sponsorengelder fehlten. Die Spieler lebten einzig und allein davon, was an der Abendkasse eingenommen wurde. Das WM-Finale lief über zwei Wochen, an denen täglich abends Tickets verkauft wurden.

Wahre Ticket-Seller stammen nach wie vor zum großen Teil aus Großbritannien oder Asien. Was erleben wir zuerst: Einen deutschsprachigen Snooker-Weltmeister oder eine hawaiianische Ski-Gesamtweltcupsiegerin?

Kalb: (lacht) Ich bin wahrlich kein Ski-Experte. Aber es gibt immer wieder einige Snooker-Talente, die großzügig von ihren Familien unterstützt werden. Klar ist, die Verbände in Deutschland oder Österreich sind nicht in der Lage, jene Förderung zu ermöglichen, die für eine Welt-Karriere nötig wäre. Snooker ist hierzulande ein kleiner Teich. Wenn ein großer Fisch aus diesem Teich umgesetzt wird ins Weltmeer des Profibereichs, sieht er, dass es doch noch einige viel größere Fische gibt. Die Matchhärte, die notwendig ist, bekommt man nur in einer harten Wettkampfumgebung.

Gelten solche Annahmen auch für Frauen im Snooker-Sport?

Kalb: Im Prinzip ja. Es gibt erheblich mehr Männer, die Snooker spielen. Das macht sich auch im Spitzenbereich bemerkbar. Leider gibt es zudem immer noch Klubs, die keine Spielerinnen zulassen, etwa in Großbritannien.

Wie bitte?

Kalb: Erst kürzlich konnte die Nummer vier der Damen-Weltrangliste zu einem Liga-Auswärtsspiel nicht antreten, da dieser Klub ihr den Zutritt verwehrte.

Das ist Wahnsinn.

Kalb: Wir sprechen hier nicht von Sportvereinen, wie wir sie kennen. So etwas geschieht in den britischen Social Clubs, etwa Arbeiterklubs, die ihre Freizeitaktivitäten gesammelt organisieren. Diese Social Clubs sind die eigentlichen Wurzeln des Snookers - ein Sport, der in Offizierscasinos groß geworden ist.

Größte Aufmerksamkeit erfährt der zum Saisonhöhepunkt, der WM in Sheffield. Was macht die Faszination an diesem Turnier aus?

Kalb: Die Stadt lebt und atmet Snooker. Karrieren definieren sich über Erfolge bei der WM. Dort werden Legenden geboren, aber auch tragische Helden geschaffen - etwa Jimmy White, der sechs Mal ins Finale kam und nie den Titel holte. Das Crucible Theatre mit seinen steilen Rängen ist der perfekte Ort dafür. Es ist ein charmanter Anachronismus, im Grunde könnte man die Location locker drei Mal ausverkaufen. Die Zuschauer in den ersten Reihen könnten den Spielern ins Queue greifen. Sie spüren, was in den Köpfen der Spieler vorgeht.

Snooker-WM: Die Weltmeister der letzten zehn Jahre

JahrSiegerFinalistErgebnis
2018Mark WilliamsJohn Higgins18:16
2017Mark SelbyJohn Higgins18:15
2016Mark SelbyDing Junhui18:14
2015Stuart BinghamShaun Murphy18:15
2014Mark SelbyRonnie O'Sullivan18:14
2013Ronnie O'SullivanBarry Hawkins18:12
2012Ronnie O'SullivanAli Carter18:11
2011John HigginsJudd Trump18:15
2010Neil RobertsonGraeme Dott18:13
2009John HigginsShaun Murphy18:9

Rolf Kalb: Ronnie O'Sullivan? "Keine Liebe zum Crucible"

Kommen wir ans Eingemachte: Wird Ronnie O'Sullivan seinen sechsten WM-Titel holen?

Kalb: Er gehört zu den Top-Favoriten. Er spielt lange nicht mehr jedes Turnier, sondern wählt seine Auftritte gezielt aus. Man darf aber auch nicht vergessen: Es ist alles andere als eine große Liebe zwischen O'Sullivan und dem Crucible. Er betont gerne, wie sehr er sich darauf freue, wieder von der WM weg zu dürfen. Es ist ein 17-Tage-Marathon, es bleibt abzuwarten, ob Ronnie die Bereitschaft und mentale Stärke dafür hat.

Die scheint er hin und wieder vermissen zu lassen. Im vergangenen Jahr rempelte er etwa im Viertelfinale Ali Carter und geriet in der Folge aus dem Konzept.

Kalb: Keiner wollte in dieser Situation nachgeben. Beide wollten zeigen, wer der Platzhirsch ist. Psycho-Spielchen gehören auch im Snooker dazu. O'Sullivan schadete sich damit selbst, Carter ging als der mentale Sieger dieser Situation hervor. Dabei ist die Präsenz am Tisch eigentlich O'Sullivans große Stärke. Das ist der Grund, warum viele seiner Gegner schon vor dem ersten Ball verloren haben. Diese Dominanz verlor er in diesem Moment.

Wer ist bei der WM 2019 O'Sullivans größter Konkurrent?

Kalb: Er selbst nannte ein Duo, dem kann ich nur zustimmen: Judd Trump und Neil Robertson. Diese drei Spieler ragen aus dem Feld hinaus.

Wenn ich schon solch einen großen Experten fragen darf: Auf wen soll ich mein Geld am ehesten setzen?

Kalb: Da können Sie eine Münze werfen! Auch in meinem Blog lege ich mich bewusst nicht fest. In jedem Jahr entwickelt die WM eine eigene Dynamik, die nicht absehbar, aber ganz entscheidend für die Titel-Entscheidung ist. Ich denke da an die WM-Titel von Shaun Murphy 2005, Graeme Dott 2006, aber auch Mark Williams im letzten Jahr: Die hatte absolut niemand auf dem Zettel. Doch die Dynamik einer WM spült diese Spieler Jahr für Jahr nach vorne, das ist nicht vorhersehbar. Das macht das Turnier so schön.

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