Jahr der verpassten Chancen

Von Jörg Allmeroth

Montag, 18.09.2017 | 13:13 Uhr
© Jürgen Hasenkopf

Der Einzug der Belgier in das Davis-Cup-Finale führt den deutschen Tennis-Fans vor allem eines vor Augen: Nämlich die Tatsache, dass für Deutschland in diesem Jahr alles möglich gewesen wäre.

Lissabon/Frankfurt. Am Abend dieses sonnigen Septembersonntags konnte die deutsche Tennisabordnung in Portugal noch einmal besichtigen, wohin die Davis-Cup-Saison 2017 auch hätte führen können. Gerade war das eigene Relegationsspiel mit Müh´und Not erfolgreich über die Bühne gegangen, mit einem Fünf-Satz-Sieg des Ostwestfalen Jan-Lennard Struff gegen Joao Sousa zum entscheidenden dritten Punktgewinn - da schwang sich wenig später das kleine Belgien ein paar Tausend Kilometer entfernt endgültig zum Höhenflug auf. Ersatzgeschwächt hatten die Belgier im Februar in Frankfurt gegen Deutschlands Beste in der Auftaktrunde die Sensation geschafft, gegen die Zverevs und Philipp Kohlschreiber, nun bezwangen sie mit Australien im Halbfinale eine der Großmächte der Branche - und rückten ins Endspiel gegen Frankreich auf. Deutschland wieder einmal, wie so oft in den letzten Jahren, in der Fahrstuhl-Existenz, im Pendelbetrieb zwischen Erster und Zweiter Liga, Belgien aber als möglicher Champion - das waren, bei aller Hochstimmung nach dem nervenaufreibenden deutschen Happy-End, die etwas seltsamen und unbefriedigenden Realitäten.

Natürlich hätte alles viel schlimmer kommen können für die DTB-Equipe. Abstieg in die B-Gruppe, in die sportliche Bedeutungslosigkeit. Spott und Häme für den neuen Oberaufseher Boris Becker, ein verlorenes Jahr für die Nationalmannschaft, weitere Absagen der Topspieler in allgemeiner Perspektivlosigkeit. Aber es hätte eben auch besser kommen können für die Deutschen, den neuen Traum von Davis Cup-Größe und Pokalsieg hätten sie sich in dieser Saison so leicht wie selten zuvor erfüllen können. Doch auch 2017 blieb ein Jahr, in dem sie erst einmal das Mögliche unmöglich machten und nur das absolute Mindestziel erreichten: Den Verbleib in der Champions League. "Stolz" sei er auf sein Team, sagte Kapitän Michael Kohlmann hinterher. Das stimmte auch, denn die Reservisten spielten gemeinschaftlich stark, zeigten, dass es im deutschen Männertennis durchaus personelle Alternativen in Bedrängnis gibt, etwa auch mit dem Schwaben Cedrik-Marcel Stebe. Aber für mehr als ein "Ausreichend" in der Gesamtnote taugte das alles nicht in dieser Spielzeit 2017.

Künftig wieder Ergänzungsspieler

Romantik hat in der Branche keinen Platz. Deshalb werden die Sieger von Lissabon mit einiger Sicherheit wieder die Zuschauer oder Ergänzungsspieler von Morgen sein. Jedenfalls dann, wenn den Zverev-Brüdern und eventuell auch Kohlschreiber der Erstrundentermin 2018 in die eigene Planung hineinpaßt. "Es gibt ein grundsätzliches Ja zu Davis Cup-Einsätzen bei Sascha und Mischa", sagt DTB-Vize Dirk Hordorff. Aber Hordorff weiß genau so wie Becker, der Chef der Herrenabteilung, dass nur fallbezogen, also von Match zu Match, gedacht werden kann. Insoweit war der Ausflug nach Portugal eine Ermutigung auch nach Beckers Eindruck: "Die Leistungsbreite ist durchaus da."

Es gibt allerdings nun nicht bloß eine Personalfrage auf dem Platz, sondern auch daneben. Denn der Vertrag von Teamchef Kohlmann läuft in diesem Jahr aus, und wie es scheint, ist die Verlängerung des Kontrakts alles andere als eine bloße Formalie. Es sei sogar die Frage, "ob überhaupt in Verhandlungen gegangen wird", ließ Kohlmann selbst etwas genervt in Lissabon verlauten. Dem engagierten, stets umsichtig agierenden Bankchef war schon länger nicht entgangen, dass es innerhalb der DTB-Spitze manche Kritiker gab. Die Kritik betraf nicht nur, aber zuallererst das Ergebnisdefizit des Teams. "Es wird eine zeitnahe Klärung geben, im September oder Oktober", kündigte Hordorff an, "jetzt muss erst mal in Ruhe diese Saison analysiert werden." Becker und Sportdirektor Klaus Eberhard sollen demnach eine Beschlussvorlage für das Präsidium vorbereiten, nicht ausgeschlossen scheint, dass schon Ende dieser Woche die Würfel fallen. Dann wird sich das Präsidium auch noch mit einer anderen hochwichtigen Angelegenheit befassen - mit der Zukunft des Hamburger Masters-Turnier.

Der Südhesse Tim Pütz hatte nach der gewonnenen Davis-Cup-Relegationspartie im Namen der Mannschaft ein flammendes Plädoyer für Kohlmann gehalten und gesagt, "in dem ganzen Trubel um Boris" sei die Leistung des Teamchefs untergegangen: "Dass wir hier 3:2 gewonnen haben, dafür gebührt Michael der größte Respekt." Zuvor hatte Kohlmann sich in seinem Resümee der Tage von Lissabon im kleinen Kreis "für die letzten drei Jahre" bedankt. Also nicht ganz zufällig für die Zeit, in der er bisher deutscher Teamchef war.

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