"Es ist der Traum, mal ganz oben zu stehen"

Von Florian Goosmann

Freitag, 30.06.2017 | 10:32 Uhr
© getty

Jule Niemeier ist seit dieser Woche die bestplatzierte deutsche Juniorin. Mit ihrem Sieg beim G1-Turnier in Berlin am vergangenen Sonntag hat sie sich auf Rang 36 eingereiht - so hoch wie nie zuvor. Niemeier trainiert seit 2015 in der Alexander Waske Tennis-University in Offenbach.

tennisnet: Jule, nächste Woche beginnt Wimbledon und jeder über 30 denkt da gleich an die Siege von Boris Becker und Steffi Graf. Du bist einen Monat nach Beckers letztem Wimbledonauftritt 1999 geboren - woran denkst du?

Niemeier: Ein wirkliches Bild habe ich nicht im Kopf, aber die Vorfreude ist natürlich groß. Ich habe noch nie auf Rasen gespielt, von daher bin ich gespannt, wie sich das anfühlt. Ich spiele zwei Turniere, ein Vorbereitungsturnier in Roehampton, das beginnt zum Ende der Woche, und im Anschluss Wimbledon. Mal schauen, wie es läuft.

tennisnet: Du hast in diesem Jahr in Melbourne und in Paris zum ersten Mal die Majors bei den Juniors gespielt. Ist Wimbledon noch mal eine andere Hausnummer?

Niemeier: Ein Grand-Slam-Turnier hat ja immer eine besondere Bedeutung, für mich ist es egal, welches das ist. Wimbledon ist vielleicht etwas Besonderes, weil es auf Rasen stattfindet - und natürlich aufgrund der Tradition.

tennisnet: Läuft man bei den Junior-Majors auch mal den Profis über den Weg?

Niemeier: In Melbourne waren wir in einem anderen Gebäude, da hat man nicht viel mitbekommen. In Paris gibt es eine Umkleide unter dem Court Suzanne Lenglen und eine unter dem Philippe Chatrier. Wir waren unter dem Lenglen, da haben die Profis auch ihre Kabinen. Im Warm-up-Bereich hat man schon einige erlebt, das war cool. Auch, wie der Fokus ist vorm Match.

tennisnet: Ist das ein großer Unterschied zu euch?

Niemeier: Teilweise schon. Ich habe Simona Halep, Caroline Wozniacki und Jelena Ostapenko vorm Match beobachtet, da merkt man die Anspannung - aber auch eine gewisse Lockerheit. Manche sind sehr fokussiert und professionell.

tennisnet: Hast du ein Vorbild unter den Profis?

Niemeier: Ja - Rafa! Schon von Anfang an. Ich mag es, wie er spielt, wie er seine Vorhand zieht, wie er fightet, der ganze Spirit. Er ist vom Typ her sehr bodenständig. Und erfolgreich... (lacht)

tennisnet: Hättest du gedacht, dass er noch mal so aufdreht wie zuletzt?

Niemeier: Ich habe in Melbourne sein Halbfinale gegen Grigor Dimitrov geschaut, das war richtig gut. Ich war ziemlich sicher, dass er Paris gewinnt, hatte auch eine Wette mit meinem Coach abgeschlossen - und gewonnen. (lacht) Ich bin zuversichtlich, dass er in Wimbledon gut spielen wird, und hoffe, dass er das Jahr als Nummer eins abschließt.

tennisnet: Du trainierst seit 2015 in der Alexander Waske Tennis-University - hast du dort viel Kontakt zu Profis? Bei euch trainieren unter anderem Andrea Petkovic und Philipp Petzschner.

Niemeier: Mit Petzsche verstehe ich mich echt gut, habe auch ein, zwei Mal mit ihm trainiert. Auch mit Petko während der Vorbereitung in Dubai. Zuschauer und Fans können sich oft nicht vorstellen, wie die im realen Leben sind, aber wenn man sie privat kennt und redet, merkt man, dass alle recht bodenständig und super nett sind.

tennisnet: Du kommst eigentlich aus Dortmund. Wie kam es dazu, dass du in Offenbach trainierst?

Niemeier: Ich kannte Louis Wessels ganz gut, unsere Eltern sind befreundet. Durch ihn bin ich mit der University in Kontakt gekommen. Bei einem Turnier in Nürnberg habe ich dann Alex Waske kennengelernt. Er hat vor Ort eine Einheit mit mir trainiert und angeboten, dass ich mal vorbeikommen kann. Drei Monate später habe ich das für eine Woche gemacht, einen Monat später war ich fest dabei.

tennisnet: Hast du in Offenbach einen Hauptcoach oder wechselt ihr durch?

Niemeier: Mein Hauptcoach ist Bastian Suwanprateep, mit ihm reise und trainiere ich. Wenn es sich ergibt, trainiere ich auch mit Alex. Auch Sascha Nensel ist mit im Team, da er bei uns den Top-Damenbereich leitet, zu dem ich mittelfristig natürlich gehören will. Die beiden waren beispielsweise auch mit in Paris, um Petra Martic und ein paar andere Spieler von uns dort zu betreuen.

tennisnet: Bei Alex kannst du dir gute Tipps fürs Spiel auf Rasen holen - er war ja mal der "French-Open-Sieger-Besieger", als er Rafael Nadal in Halle geschlagen hatte.

Niemeier: Das Match hat er mir zugeschickt, das habe ich auf meinem Laptop. Da hat er nicht so schlecht gespielt (lacht).

tennisnet: Gehst du parallel zum Tennisleben noch zur Schule?

Niemeier: Ja, ich bin in Mannheim auf dem Kurpfalz-Gymnasium, die University hat damit eine sehr enge und gut funktionierende Kooperation. Nächstes Jahr ist dann Abi.

tennisnet: Klappt das gut? Du bist ja oft unterwegs auf Turnieren...

Niemeier: Ich versuche, das so gut wie möglich unter einen Hut zu bringen. Ich habe meine Schulsachen immer dabei und bearbeite meine Aufgaben, wenn ich unterwegs bin. Da ich bei den Turnieren eigentlich immer auf der Anlage bin, muss ich das dann abends auf dem Zimmer machen. Außer ich weiß, dass ich nachmittags viel Zeit habe, dann nehme ich die Sachen mit auf die Anlage.

tennisnet: Ist dir ein Abschluss wichtig, zur Sicherheit?

Niemeier: Auf jeden Fall. Wenn man sich mal schwer verletzt und nicht weiterspielen kann, hat man eine zweite Option. Ich habe mich nicht zu sehr damit beschäftigt, weil ich mich in erster Linie auf Tennis konzentrieren und den Schritt wagen will. Aber wenn man sein Abitur hat, ist es einfacher.

tennisnet: Bis zum Ende des Jahres kannst du noch bei den Juniorinnen spielen, danach wird's ernst...

Niemeier: Nach Wimbledon spiele ich noch ein Grade-1-Turnier in Kanada, danach die US Open, dann bin ich fertig mit den Juniors. Dann fangen wir mit Damenturnieren an. Vor den US Open will ich auch noch zwei 25.000er-Turniere spielen.

tennisnet: Hast du konkrete Ziele, wenn's zu den Profis geht?

Niemeier: Zunächst will ich den Sprung zu den Damen schaffen, mich spielerisch und menschlich positiv entwickeln. Ich hoffe, dass es schnell geht, dass ich weit hochkomme und in zwei oder drei Jahren die Grand Slams spielen kann. Natürlich ist es der Traum, ganz oben zu stehen, in Richtung Top Ten. Das will jeder erreichen, dafür muss man hart arbeiten.

Das Gespräch führte Florian Goosmann.

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