"Ich bekenne mich als Federer-Fan"

Florian Mayer nach seinem größten Karrieretriumph, dem Sieg bei den Gerry Weber Open 2016
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tennisnet.com: Das absolute Highlight Ihres abgelaufenen Jahres war sicherlich der Triumph in Halle. Wie stark ist die Erinnerung noch an Ihren größten Karriere-Erfolg?

Mayer: Ich war in Halle richtig "in the zone". Das kann man auch nicht so oft im Jahr schaffen, so fokussiert, so konzentriert zu spielen. Das kostet unheimlich viel Kraft. Aber ich habe es gespürt bei dem Turnier, dass irgendwie alles zusammenläuft. Dass Federer im Halbfinale verliert gegen Zverev, dass Thiem irgendwie müde war, habe ich gewusst. Und ich wusste auch, so eine Chance bekomme ich vielleicht nie wieder, so viele Punkte zu machen und Dich wieder in die 100 reinzuspielen. Ich wollte kämpfen wie ein Löwe, wenn´s klappt, dann klappt´s, und wenn nicht, dann eben nicht, aber nutze diese Chance. Und das hat dann auch funktioniert.

tennisnet.com: Nach dem zweiten Satz in jenem Finale gegen Alexander Zverev hatte man den Eindruck, dass Sie körperlich an die Reserven gehen mussten. Inwieweit hilft in solchen Momenten die Routine?

Mayer: Klar war es in diesem Moment echt bitter, weil ich wusste, so eine Chance kommt wahrscheinlich eh nie wieder. Klar war ich müde, Rasen strengt die Gelenke auch unwahrscheinlich an, wenn man lange Ballwechsel spielt, am Schluss war es dann aber umso schöner.

tennisnet.com: Tobias Summerer ist seit Jahren an Ihrer Seite. Warum funktioniert das Team Mayer/Summerer so gut?

Mayer: Wir kennen uns einfach schon so lange, er hat früher ja auch selbst gespielt, und es passt einfach menschlich zwischen uns. Wie er Tennis denkt, wie ich Tennis denke, das passt einfach.

tennisnet.com: Muss sich der Gegner auf Florian Mayer einstellen oder läuft das umgekehrt?

Mayer: Gerade in Matches wie gegen Dominic Thiem in Halle will ich dann schon mein Spiel spielen, sehr variabel, öfter ans Netz, viel Slice. Klar weiß ich auch, dass, wenn ich Dominic schlage, eher auf Rasen als in Paris in einem Best-of-Five-Match. Er kannte mich nur vom TV, hat zwar Tipps bekommen von seinem Trainer, aber er hat noch nie gegen mich gespielt. Und den Vorteil habe ich jetzt in meinem Alter, mit meiner Erfahrung, wenn ich gegen junge Spieler spiele, die mich noch nicht so kennen, dass ich die mit meinem variablen Spiel immer noch gut ärgern kann.

tennisnet.com: Alexander Zverev ist jünger als Thiem, hat heuer sein erstes ATP-Turnier gewonnen. Sehen Sie für ihn Limits?

Mayer: Nein. Ich sehe keine Limits. Wenn die Top Vier in den nächsten Jahren altersbedingt aufhören werden, dann sehe ich ihn sehr weit oben. Auch schon sehr bald.

tennisnet.com: Vielleicht im nächsten Jahr schon Top Ten?

Mayer: Nicht völlig unrealistisch, aber da sind die Top Ten wahrscheinlich noch zu stark.

tennisnet.com: Die jungen Spieler sind nicht nur stark, sondern auch frech. Aus Ihrer Sicht mit gutem Grund?

Mayer: Ja, natürlich braucht man das. Ich war in jungen Jahren vielleicht ein bisschen zu nett, zu brav, hab mir zu wenig zugetraut, als ich 20 war. Deshalb bin ich halt vielleicht auch immer 30 bis 50 gestanden, aber ein Typ wie Zverev geht auf den Platz und denkt wirklich, er schlägt jeden Gegner. Das braucht man vielleicht nicht so extrem wie bei ihm, aber in Bisschen davon täte vielen Spielern gut.

tennisnet.com: Durch die sozialen Medien wissen die Fans auf der anderen Seite auch viel mehr von Spielern wie Alexander Zverev oder Nick Kyrgios. Ist das ein Fluch oder Segen?

Mayer: Es gibt einfach Charaktere wie den Kyrgios, der ist halt sehr speziell. Aber so wie früher ist das nicht mehr, als ein McEnroe ausgerastet ist. Es geht alles homogen zu, die meisten Kollegen verstehen sich auch sehr gut. Und man muss auch sehen, wie hoch die Strafen sind, die da ausgesprichen werden, vor allem bei den Grand Slam Turnieren. Wenn man da einmal den Ball rausschießt oder den Schläger wirft, zahlt man sofort 1.500 US Dollar. Und da überlegen es sich einige Spieler ganz genau, lieber ruhig zu sein und sich zu benehmen.

tennisnet.com: Der Eindruck als Beobachter ist: Die Strafen werden zu schnell ausgesprochen.

Mayer: Ich finde: auf jeden Fall. Wenn man als Reflex mal einen Ball raus schießt, wenn man etwas wirklich Harmloses macht, dann aber gleich eine Strafe bekommt, finde ich das übertrieben.

tennisnet.com: Die Turnier-Veranstalter in Deutschland haben es nicht immer gut mit Ihnen gemeint. In diesem Jahr mussten Sie in München und Stuttgart durch die Qualifikation, haben keine Wild Card bekommen. Fehlt Ihnen da der Respekt Ihnen gegenüber?

Mayer: Ich war natürlich enttäuscht, aber das kann ich jetzt nicht mehr ändern. Ich habe es allen gezeigt, dass ich wieder vorne bin, und werde bei den deutschen Turnieren hoffentlich keine Wild Card mehr brauchen. In München war es in Ordnung, dass ich Quali gespielt habe, das wollte ich auch selber, weil es erst mein zweites Turnier war. Stuttgart hat mich schon geärgert. Das war auf Rasen, und am Schluss sind alle deutschen Spieler reingerutscht. Eine Wild Card wurde dann an den Gewinner der Toni Nadal Challenge vergeben, das finde ich dann schon grenzwertig, auch wenn man junge Spieler immer fördern sollte.

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