NFL: Die neuen Head Coaches unter der Lupe

Jugendwahn, neue Trends, Vitamin B

Adrian Franke

Donnerstag, 09.02.2017 | 16:00 Uhr

Der Super Bowl verschwindet langsam aber sicher im Rückspiegel, der Blick geht auf die Offseason: Free Agency, Draft und Co. rücken in den Fokus! Sechs Teams gehen diesen Irrsinn 2017 mit neuen Head Coaches an, SPOX nimmt sie unter die Lupe - und erklärt, wem welche Probleme bevorstehen, und wer bei den Coordinator-Verpflichtungen voll ins Schwarze getroffen hat.

Die Wochen nach dem Super Bowl sind in der NFL von einem konstanten Thema geprägt: Neuanfänge. Die neuen Head Coaches stehen ab sofort voll im Fokus, insgesamt sechs Teams gehen 2017 mit neuem Cheftrainer in die Saison. Für die Entlassungen gab es verschiedene Gründe, die Teams stehen an unterschiedlichsten Punkten.

Trotzdem werden sich alle Coaches mehr oder weniger schnell beweisen müssen - wer hat dafür die besten Voraussetzungen? Was verraten die Coordinator und die Beziehungen untereinander über die Pläne der Teams?

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Ein Trend zeichnet sich in jedem Fall ab: Waren in den vergangenen Jahren oft die gerade heißesten Coordinator auch unweigerlich die Topkandidaten auf die vakanten Head-Coaching-Posten, scheint hier ein Umdenken stattgefunden zu haben. Teams behandeln, das wird etwa in Buffalo oder auch Denver deutlich, die Head-Coaching-Position zunehmend als das, was sie ist: Eine Art CEO-Job, in dem nicht zwangsläufig derjenige mit dem besten Scheme-Verständnis auch den größten Erfolg hat.

Wer kann delegieren? Wer kann den kompetentesten Trainerstab um sich herum aufbauen? Wer setzt auf sinnvolle Beziehungen? Diese und weitere Fragen stehen offenbar stärker im Fokus, das zeigt sich bei mehreren der neuen Trainer-Teams.

Buffalo Bills

Neuer Head Coach: Sean McDermott (letztes Team: Carolina Panthers)

Bisherige NFL-Erfahrung: Defensive Backs Coach (2004-2006), Secondary Coach (2007), Linebacker Coach (2008), Defensive Coordinator (2009-2016)

Wichtigste Baustelle: Disziplin und Komplexität. Erstere muss erhöht, Letztere reduziert werden. "Ich glaube, wir hätten defensiv aggressiver sein müssen, denn dafür haben wir das Personal. Wir wollen den Fuß auf dem Gas haben und nicht auf jedes Matchup reagieren. Wir wollen unsere eigene Identität", lautete die Botschaft von Bills-Defense-Säule Marcell Dareus an Ex-Coach Rex Ryan, nachdem der entlassen worden war.

Disziplin und Komplexität, beides sind klare Umbrüche im Vergleich zu Ryan. Dennoch ist es keine komplette 180-Grad-Drehung: Wie sein Vorgänger ist auch McDermott klar defensiv zuhause und hat über die letzten sechs Jahre dabei geholfen, die Panthers-Defense auf Vordermann zu bringen - auch wenn es in der vergangenen Saison ohne Josh Norman und durch die Verletzung von Luke Kuechly rapide bergab ging.

Er spielt eine simplere 4-3-Defense mit weniger komplizierten Blitz-Paketen. Darüber hinaus ist McDermott deutlich ruhiger und zurückgezogener als Ryan, an dieser Front also das klare Gegenteil.

Personelles Fragezeichen: Tyrod Taylor. Bleibt er oder geht er? Buffalo müsste sich finanziell verpflichten, doch haben die Bills eine wirklich bessere Option in der Hinterhand?

Coordinator: Rick Dennison (Offense), Leslie Frazier (Defense). Interessant ist vor allem Dennison. Der kennt Taylor einerseits noch aus gemeinsamen Tagen in Baltimore, wo Taylor als Backup für Joe Flacco fungierte.

Andererseits aber spielt er als Schüler von Gary Kubiak eine andere Offense als das, was Buffalo in der Vorsaison zum gefährlichsten Running-Team der Liga machte: Zone Run Game statt Gap-Scheme. Bleibt er dabei, wäre das eine drastische Umstellung für mehrere O-Liner - und auch für LeSean McCoy. Taylor dagegen sollte in beiden Schemes zurechtkommen.

Denver Broncos

Neuer Head Coach: Vance Joseph (Miami Dolphins)

Bisherige NFL-Erfahrung: Defensive Backs Coach (2005-2015), Defensive Coordinator (2016)

Wichtigste Baustelle: Zweierlei: Auf der einen Seite steht vor Joseph und seinem Trainerstab offensiv eine große Herausforderung - wie kann man die anfällige Offensive Line verbessern? Auf der anderen Seite geht es auch um die Defense: Nach dem überraschenden Abschied von Defensive Coordinator Wade Phillips wird Joseph als Defensiv-Coach hier besonders im Fokus stehen.

Gibt es dabei früh Probleme, werden die Kritiker auf Josephs mangelnde Erfahrung (nur ein Jahr als Coordinator) deuten. Er täte wohl gut daran, schematisch nicht allzu viel zu verändern.

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Gleichzeitig aber gilt Joseph in NFL-Kreisen als hochrespektierter, talentierter und mental starker Anführer. Nicht umsonst war er schon im Vorjahr bei diversen Teams auf dem Zettel und der zurückgetretene Gary Kubiak hat bereits von 2011 bis 2013 in Houston mit Joseph zusammengearbeitet - Phillips an gleicher Stelle übrigens auch. Eine Vertrautheit mit dem Scheme ist also vorhanden, ein wichtiger Fakt.

Personelles Fragezeichen: Paxton Lynch und Trevor Siemian. Auch in Denver geht es um die Quarterbacks. Siemian ist aktuell der Favorit auf den Starting-Job 2017, unantastbar ist er aber sicherlich nicht, sollten die Coaches Lynch doch schneller weiterentwickeln können. Klar ist aber auch: Ohne eine signifikant verbesserte O-Line ist es fast egal, welcher der beiden Anfang September die Snaps erhält.

Coordinator: Mike McCoy (Offense), Joe Woods (Defense). Ein Rückkehrer und ein Gebliebener - McCoy war bereits von 2009 bis 2012 bei den Broncos, als Offensive Coordinator und QB-Coach. Einen Offensive Coordinator mit Head-Coach-Erfahrung (2013-2016 bei den Chargers) zu verpflichten, macht für Joseph Sinn, so kann er McCoy diese Seite des Balls weitestgehend überlassen.

Die Entscheidung für Woods als Defensive Coordinator spricht derweil ebenfalls für Scheme-Kontinuität. Woods hat in den letzten beiden Jahren unter Phillips die Defensive Backs gecoacht.

Eine weitere interessante Personalie: Der neue QB-Coach Bill Musgrave. Der 49-Jährige war über die letzen beiden Jahre Offensive Coordinator in Oakland, hat aber auch jahrelange Erfahrung als Quarterback-Coach in der NFL. Mit McCoy und Musgrave haben die Broncos ein gutes Duo, was Game Plans, aber auch die Entwicklung der Quarterbacks angeht.

Jacksonville Jaguars

Neuer Head Coach: Doug Marrone (Jacksonville Jaguars)

Bisherige NFL-Erfahrung: Offensive Line Coach (2002-2005, 2015-2016), Offensive Coordinator (2006-2008), Head Coach (2013-2014)

Wichtigste Baustelle: Die Offense. Unter Gus Bradley entwickelte sich die talentierte Defense im Laufe der Saison kontinuierlich weiter, doch durch die massive Regression der Offense half ihm das letztlich nicht. Das betrifft mehrere Facetten: Können Marrone, der als Head Coach der Bills vor einigen Jahren aus freien Stücken seinen Hut nahm, und sein Trainerstab Quarterback Blake Bortles wieder die enormen technischen Probleme austreiben? Können sie ein stabiles Running Game installieren?

Sollte das Bortles-Experiment in Jacksonville nach der kommenden Saison beendet werden (müssen), wäre der nächste generelle Umbruch nicht unwahrscheinlich.

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Personelles Fragezeichen: Tom Coughlin. Was die Spieler angeht, ist hier natürlich Bortles ganz oben, und wurde auch ausführlich diskutiert. Ein möglicher X-Faktor allerdings ist Coughlin: Der wird, das hat Team-Besitzer Shad Khan klar gestellt, das finale Wort in allen Football-Aspekten haben und hatte bereits seinen Einfluss auf die Einstellung der neuen Position-Coaches.

Die Entscheidung für Marrone ist eine Entscheidung für die Kontinuität und dafür, dem eingeschlagenen Weg eine weitere Chance zu geben. Coughlin könnte das schnell ändern, sollte auch die kommende Saison enttäuschend beginnen.

Coordinator: Nathaniel Hackett (Offense), Todd Wash (Defense). Hackett war hier die Überraschung. 2015 als Quarterbacks-Coach gekommen, übernahm er im Laufe der vergangenen Saison als Offensive Coordinator - trotz Bortles' massiver Probleme. Chip Kelly war ein Kandidat, beide Seiten konnten sich aber nicht einigen.

Hackett hat bereits in Buffalo unter Marrone gearbeitet und dürfte eine neue Offense spielen lassen. Während der Saison drehte er nur an einigen Schrauben von Vorgänger Greg Olson, über das Frühjahr ist damit zu rechnen, dass Hackett seine eigenen Spielzüge installiert. Ob das Bortles in seiner Entwicklung hilft, bleibt abzuwarten.

Und auch Wash, 2013 bis 2015 D-Line-Coach und Run Game Coordinator in Jacksonville (davor D-Line-Coach in Seattle und Tampa Bay) steht vor einer schwierigen Aufgabe: Mehrere Spieler hatten sich nach Saisonende lautstark darüber beschwert, dass sie sich vom Scheme eingeschränkt gefühlt haben - Rookie-Cornerback Jalen Ramsey forderte gar einen "kompletten Umbruch" im Defensiv-Trainerstab. Mögliche Umstellung: Eine traditionellere 4-3-Front, mehr Cover 2 in der Secondary.

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