Legenden-Serie: Jerry Rice

The American Dream

Von Marcus Blumberg

Dienstag, 07.04.2015 | 16:36 Uhr
© getty
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Vom Tagelöhner zum Hall-of-Famer. Jerry Rice ist diese Sport-Version des amerikanischen Traums mit Nachdruck gelungen. Der Superstar der einstigen 49ers gilt bei vielen als bester Spieler der NFL-Geschichte und hat dies vor allem harter Arbeit zu verdenken. Er revolutionierte das Spiel und setzte Maßstäbe, an die noch heute kaum jemand herankommt. Einzig beim Aufhören hatte er so seine Probleme.

Jeder Sport hat einen Spieler, der über alle Zeiten herausragt und Synonym ist für sein Spiel. Basketball hat Michael Jordan, Baseball Babe Ruth und Eishockey Wayne Gretzky. Im Football ist es nach Meinung vieler Jerry Rice, der legendäre Wide Receiver der San Francisco 49ers in der Ära Bill Walsh. Der Mann, der alle relevanten Receiving-Rekorde hält und drei Ringe an der Hand hat.

Der größte Unterschied zu vielen anderen Stars in der NFL ist, dass er nicht nur in einem Team herausragte, sondern gleich zwei Generationen der Niners dominierte. In den 80ern war er der Go-To-Guy von Quarterback-Legende Joe Montana und verhalf diesem zu den Ringen drei und vier seiner einzigartigen Karriere.

Doch nach Montanas Ende in der Bay Area war für Rice noch nicht Schluss. Er schaffte es, den Erfolg zu bestätigen und auch mit Steve Young Mitte der 90er eine Meisterschaft zu gewinnen. Und wer weiß? Mit etwas mehr Glück und ohne die berüchtigte Tuck Rule wäre eventuell im darauffolgenden Jahrzehnt auch noch ein Titel mit den Oakland Raiders drin gewesen.

Steinewerfen auf dem Bau

Jerry Rice wird von seinen Weggefährten immer wieder als harter Arbeiter bezeichnet. Jemand, der nie aufhörte, immer der Erste und der Letzte auf dem Trainingsplatz war. Ein akribischer Perfektionist eben. Diese Lebenseinstellung kam nicht von ungefähr. Sie entstand aus der Notwendigkeit heraus.

Rice wuchs in Crawford/Mississippi auf, einem kleinen Dorf mitten im Nirgendwo. Sein Vater war nebst anderen Tätigkeiten Maurer und arbeitete jeden Tag hart, um seine Familie zu versorgen. Im Teenager-Alter nahm er schließlich seine Söhne mit auf den Bau, um bei der Arbeit zu helfen. Jerrys Aufgabe war es, die Steine zum Einsatzort zu liefern.

Wie ging das am schnellsten? Indem man sie warf. Also warf er sie teils zwei Stockwerke hoch bzw. fing sie dort oben. Das, wie er selbst anmerkt, hat wohl zur Entwicklung seiner herausragenden Hände geführt. Die Arbeit auf dem Bau prägte seine nie nachlassende Motivation, jeden Tag alles aus sich herauszuholen und nie nachzulassen.

"The Hill"

Folglich lag es für den heute 52-Jährigen nahe, schon früh in seiner NFL-Karriere weiter zu schuften. Er überließ nichts dem Zufall und quälte sich täglich für den Erfolg. Um die optimale Fitness zu erlangen, nutzte er das ultimative Fitnessterritorium: "The Hill". Ein Laufweg am Edgewood Park in der Nähe von San Francisco wurde sein Trainingsparcours. Man rennt essenziell 2,5 Meilen den Berg rauf, idealerweise ohne zu stoppen.

Rice und Running Back Roger Craig haben dieses Gebiet für sich entdeckt und daraus eine Trainingsroutine gemacht. Noch heute gilt diese Strecke als Willensbeweis, Generationen von Niners sind dort schon gelaufen. Viele jedoch mit Problemen. Selbst Terrell Owens, sein direkter Nachfolger bei den Niners, musste Pausen einlegen, um auf die Spitze zu gelangen.

The Satellite Express

Nach seiner High-School-Zeit ging es aufs College Mississippi Valley State, damals in der Division I-AA beheimatet - gewissermaßen die 2. Liga des College Footballs. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, für Furore zu sorgen und zusammen mit Quarterback Willie Totten den "Satellite Express" zu bilden.

Benannt nach Totten, dessen Spitzname "The Satellite" war, hatte Archie Cooley, der damalige Head Coach der Delta Devils, eine revolutionäre Idee. Er implementierte eine No-Huddle Offense Anfang der 80er, also fast drei Jahrzehnte vor Leuten wie Speedfanatiker Chip Kelly. Mit dieser Philosophie pulverisierte das Team seine Gegner nach Belieben und stellte zahlreiche NCAA-Division-I-AA-Rekorde auf.

Rice - Spitzname: "World", weil es keinen Pass auf der Welt gab, den er nicht fangen konnte - war dabei die zentrale Figur im Receiving Corps. Er war es, der in Fünf-Receiver-Sets meist alleine auf einer Seite stand. Mit dieser verrückten Formation erreichte Cooley immer einen Matchup-Vorteil: Entweder musste der Gegner Rice Mann-gegen-Mann covern, was keiner konnte. Oder er war mit zwei bis drei Mann gedeckt, was irgendjemanden auf der anderen Seite ungedeckt ließ. Eine Formation, die damals unmöglich zu verteidigen war, zumal das Tempo zu hoch war, um personelle Anpassungen vorzunehmen.

Eines Nachts im Hotel

In den Augen vieler war Rice aber eben nur der Star einer zweitklassigen Schule. Im Rahmen der Scouting Combine 1985 lief er zudem nur eine überschaubare Zeit im 40-Yard-Dash und sorgte somit für wenig Begeisterung bei vielen Scouts. Unter anderem auch bei den San Diego Chargers, die halbwegs interessiert waren, aber am Ende doch passten.

Einen Mann überzeugte Rice jedoch schon sehr früh: Bill Walsh, zweifacher Super-Bowl-Champion mit den San Francisco 49ers. Der Coach schaute am Vorabend eines Auswärtsspiels bei den New Orleans Saints in seinem Hotelzimmer fern und sah Sportnachrichten. Genau genommen Highlights von einem Spiel der Mississippi Valley State. Was ihm sofort auffiel, war der Receiver mit der Nummer 88, Jerry Rice.

Dieser hatte es ihm angetan. Das ging so weit, dass Walsh bereits vor dem Draft begonnen hatte, Spielzüge speziell für Rice zu kreieren, obwohl da noch nicht mal klar war, dass er ihn würde kriegen können. Am Drafttag aber gingen die Niners, die gerade Super Bowl XIX gewonnen hatten, auf Nummer sicher: Sie machten einen Trade mit den New England Patriots für unter anderem zwei Erstrundenpicks, um auf Position 16 zu gelangen. Mit diesem Pick zogen sie schließlich Rice und ebneten den Weg für eine beeindruckende Ära.

Monday Night Party

Rice öffnete schon früh im Camp die Augen aller Beteiligten. Im Training lief er locker an Stars wie Ronnie Lott vorbei als gäbe es nichts Leichteres. Doch zum Saisonstart verkrampfte er dann doch und fiel eher durch fallengelassene Pässe auf. Damit stand er freilich in der Kritik, denn seine hohe Draftposition und der dafür gezahlte Preis wollten gerechtfertigt werden.

Diese Rechtfertigung folglich schließlich auf großer Bühne: Im Monday NIght Game gegen die Los Angeles Rams. Rice fing zehn Pässe für 241 Yards und erzielte einen Touchdown. Die Yards bedeuteten im Übrigen prompt einen neuen Franchise-Rekord. Rice war angekommen und drehte fortan auf.

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