Legenden-Serie: Jim Brown

Alleskönner vom dreckigen Dutzend

Von Adrian Franke

Mittwoch, 01.04.2015 | 17:14 Uhr
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Er dominierte den College-Football und die NFL wie kaum ein zweiter Athlet vor oder nach ihm. Jim Brown war eine Naturgewalt auf dem Platz und ließ gegnerische Verteidiger häufig wie Statisten aussehen. Der legendäre Fullback der Cleveland Browns trug mit seinen Leistungen in einer gesellschaftlich schwierigen Zeit auch dazu bei, dass Afro-Amerikaner anders gesehen wurden - und doch ging auch Brown nicht ohne Fehler durchs Leben.

Ab und zu kommt ein Athlet in einen Sport, der seiner Zeit voraus ist. Ein Spieler, der physisch und psychisch über derart großes Potential verfügt und die Disziplin hat, dieses auch abzurufen, so dass er auf dem Spielfeld wie ein Roboter wirkt, den zu stoppen nahezu ein Ding der Unmöglichkeit scheint. Der schneller, stärker und schlicht besser als jeder andere auf dem Platz ist.

Genau so jemand war Jim Brown. "Er war ein Biest. So hart wie ein Ziegelsteinhaus, außerdem schnell und stark", beschrieb der legendäre Lawrence Taylor Brown vor einigen Jahren und der einstige Bills-, Panthers- und Colts-Geschäftsführer Bill Polian fügte hinzu: "Paul Brown sagte mal, dass er der beste Footballspieler war, den er je gesehen hat. Ich bin der gleichen Meinung."

Dabei war sich Paul Brown, Clevelands Coach von 1946 bis 1962, anfangs noch gar nicht so sicher, nachdem er den Back mit dem sechsten Pick im 1957er Draft gewählt hatte. Jahrelang musste er sich die Sticheleien seines Fullbacks Ed Modzelewski anhören, der seine Karriere 1957 eigentlich beenden und als College-Trainer beginnen wollte.

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"Ed erzählte Paul von der Coaching-Chance, aber der wollte, dass er bleibt, denn er war sich wegen dieses jungen Fullbacks nicht sicher", berichtete der damalige Browns-Defensive-End Paul Wiggin: "Dieser Fullback war Jim Brown." Doch war Jim Brown so viel mehr als ein Fullback - auf wie abseits des Platzes und im positiven wie im negativen Sinne.

Glücklich auch ohne die Eltern

Die Geschichte des Hall-of-Famers beginnt im tiefsten Süden der 1930er Jahren, eine Zeit, in der Restaurants oder öffentliche Plätze in den Südstaaten noch in Bereiche für Weiße und Bereiche für Afro-Amerikaner aufgeteilt waren. Nur zwei Wochen nach seiner Geburt auf St. Simons Island vor der Küste Georgias verließ sein Vater Swinton, ein Profi-Boxer, die Familie und als er zwei Jahre alt war zog auch seine Mutter Theresa in den Norden, um Geld zu verdienen.

Brown wuchs, da seine Oma Alkoholikerin war, bei der Urgroßmutter auf, und hat viele positive Erinnerungen an seine Kindheit: "Wir waren nicht arm. Wir hatten Krabben, Fisch und Gemüse, so viel wir essen konnten. Das Haus war klein und vom Wetter gezeichnet, aber es ging mir gut. Die ganze Gemeinde dort hat sich umeinander gekümmert. Das war mein Ursprung und ich fände es schlimm, hätte ich ohne das aufwachsen müssen."

"No one could run like Jim Brown"

In der Grundschule lernte er ebenfalls noch die Rassentrennung kennen, ehe er schließlich als Achtjähriger zu seiner Mutter nach Manhasset, New York zog. Brown stieg an der dortigen High School innerhalb kürzester Zeit zum Vorzeigeathleten auf und spielte Football, Basketball, Baseball und Lacrosse, darüber hinaus war er Teil des Leichtathletik-Teams.

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Manchmal kombinierte er dabei auch mehrere Sportarten auf einmal: So lief Brown während manchen Lacrosse-Spielen in der Halbzeit die 400 und die 800 Meter für das Leichtathletik-Team und immer wieder geisterte ein Satz durch die Stadien: "No one could run like Jim Brown." 1956 hatte er sich so auch für den Zehnkampf bei Olympia qualifiziert, sagte aber ab, um sich auf seine letzte College-Football-Saison zu konzentrieren.

Der Umzug als Lebensretter

Dabei weiß er bis heute, dass sein Leben ohne den Umzug in den Norden und zu seinen ambitionierten Lehrern und Coaches wohl ganz anders verlaufen wäre. Im Gespräch mit dem Journalisten Steve Rushin gab Brown einst zu: "Ohne Manhasset, ohne Dr. Collins und Ken Malloy und Mr. Dawson und Ed Walsh wäre das alles nicht möglich gewesen. Diese Leute haben mein Leben gerettet. Ohne sie wäre aus mir nie etwas geworden."

Auch im College wurde Brown stets gefördert und gefordert und entwickelte sich zum absoluten Überflieger - und auch zum Botschafter eines Umbruchs. Zu Browns College-Zeit gab es noch Universitäten, die keine schwarzen Sportler zuließen und bei Auswärtsfahrten in den Süden mussten die Athleten in getrennten Hotels übernachten. "Man hatte noch immer häufig den Eindruck, als wäre einem ein Gefallen gewährt worden", erzählte Brown: "Das gab dir das Gefühl, dass du viel, viel mehr leisten musstest."

Viel mehr zu leisten war in gewisser Weise sein Motto. Das Multi-Talent verzeichnete in seinem letzten Schuljahr im Football unfassbare 14,9 Yards pro Carry sowie im Basketball 38 Punkte pro Spiel. Und doch gilt noch heute trotz seiner unglaublichen Leistungen auf dem Gridiron das Lacrosse als sein größtes Talent. "Ich war größer als die meisten anderen Jungs, dadurch hatte ich einen Vorteil", grinste Brown mit Blick auf seine Lacrosse-Karriere: "Wir hatten ein tolles Team und in meinem Senior-Jahr in Syracuse gelang uns eine Saison ohne Niederlage."

College-Abschluss mit einem Knall

Zwar wurde Brown 1983 auch in die Lacrosse-Hall-of-Fame aufgenommen, doch eine Zukunft in dem Sport gab es nach dem College nicht - Profi-Lacrosse existierte schlicht nicht. Und doch gab es für Clevelands Boss Paul Brown eigentlich keinen Grund zur Sorge, denn wie kaum ein zweiter Spieler vor ihm hatte der Fullback auch den College-Football dominiert. Obwohl Syracuse nur acht Spiele absolvierte, gelangen Brown in seiner letzten Saison 986 Yards (6,2 Yards pro Run) sowie 14 Touchdowns.

Würde man Browns College-Karriere in zwei Partien zusammenfassen, wären es darüber hinaus wohl seine finalen beiden Spiele gewesen. Bei der 61:7-Demontage von Colgate erlief Brown 197 Yards und sechs Touchdowns und kickte sieben Extra-Punkte, im Cotton Bowl gegen TCU erlief er 132 Yards, drei Touchdowns und kickte drei Mal den Extra-Punkt.

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