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NBA Offseason – die Philadelphia 76ers: Ein Marathon, kein Sprint

Von Ole Frerks

© getty

Die Philadelphia 76ers gehören zu den Teams, die im Osten in das Machtvakuum vorstoßen wollen, das durch den Abgang von LeBron James entstanden ist. Hat ihre Offseason dafür die Weichen gestellt? Eine Analyse.

Philadelphia 76ers: Die Transaktionen

Der große Knall ist ausgeblieben. Zwar sagte Sixers-Co-Owner Josh Harris, dass LeBron James "sehr stark über uns nachgedacht" hat, dieser ging aber nach L.A. - und auch Kawhi Leonard landete nicht in Philly. Dafür gab es einen ganzen Haufen kleinerer Transaktionen.

Am Draft-Abend fädelten die Sixers mitsamt ihrer Wagenladung Picks mehrere Trades ein: Für No.10-Pick Mikal Bridges holten sie sich No.16-Pick Zhaire Smith sowie einen 2021er Erstrundenpick (via Miami) von den Suns, dazu wurde an Position 26 Landry Shamet gedraftet. Die Zweitrundenpicks Kostas Antetokounmpo und Ray Spalding wurden für Shake Milton nach Dallas getradet, Isaac Bonga wurde für Cash und einen 2019er Zweitrundenpick nach Los Angeles und Khyri Thomas für zwei weitere 2nd-Rounder nach Detroit geschickt.

Auch in der Free Agency waren die Sixers aktiv. Die 1,6-Mio.-Dollar-Option von T.J. McConnell wurde gezogen, dazu wurden die Deals von J.J. Redick (12,25 Mio.) und Amir Johnson (2,39 Mio.) für je ein Jahr verlängert, aus Übersee kam Jonah Bolden für vier Jahre und 7 Millionen Dollar.

Per Trade wurden zudem Wilson Chandler aus Denver und Mike Muscala von den Hawks geholt. Abgänge gab es auch: Richaun Holmes spielt fortan für die Suns, Ersan Ilyasova für die Bucks und Marco Belinelli für die Spurs. Justin Anderson (Atlanta) und Timothe Luwawu-Cabarrot (OKC) verließen per Trade ebenfalls das Team.

Zwei kuriose Personalien gab es obendrein: Nemanja Bjelica stand bei den Sixers im Wort, bevor er zurückzog, weil er stattdessen wieder in Europa spielen wollte, um dann wenige Tage später in Sacramento zu unterschreiben. GM Bryan Colangelo hingegen musste gehen, nachdem er (oder seine Frau) dabei erwischt wurde, pikante Tweets über Burner-Accounts zu veröffentlichen. Ein ganz normaler Sommer also.

Philadelphia 76ers: Die Strategie

Die Sixers sind angetan von ihrem jungen Kern aus Joel Embiid, Ben Simmons und Co. und wollten diesen daher nicht auseinanderreißen, weshalb allem Anschein nach auch nie ernsthaft mit den Spurs bezüglich eines Kawhi-Trades diskutiert wurde - diese wollten gestandene Spieler, diese waren für Philly aber tabu. Man wird den Jungstars mindestens diese Saison geben und dann evaluieren, was gegebenenfalls noch fehlt.

Deswegen wurde der Kader rund um die "FEDS" (Fultz, Embiid, Dario, Simmons) eher punktuell ergänzt. Der wichtigste Neuzugang ist Chandler, der den Sixers auf dem Flügel einen vielseitigen und defensivstarken Athleten gibt - etwas, was ihnen in der Zweitrundenserie gegen die Celtics teilweise fehlte.

Smith sollte diese Qualität ebenfalls liefern, mit dem Trade für ihn entschied sich Philly für Upside und gegen den Spieler, der ihnen in der kommenden Saison wohl mehr geholfen hätte (Bridges). Natürlich war nicht abzusehen, dass sich Smith umgehend den Fuß brechen würde. Aufgrund des Miami-Picks war der Trade dennoch richtig, auch wenn er sie in der kommenden Saison nicht weiterbringen wird.

Die Verpflichtung von Muscala könnte sich dagegen als wertvoll erweisen: Der Ex-Hawk gehört zu den besseren "großen" Shootern der NBA und soll mehr Platz für den Drive von Simmons und auch Fultz schaffen. Generell dürften die Sixers viel Smallball spielen- das Team ist variabler aufgestellt als im letzten Jahr.

Der Kader der Philadelphia 76ers

Point GuardShooting GuardSmall FowardPower ForwardCenter
Ben SimmonsJ.J. RedickRobert CovingtonDario SaricJoel Embiid
Markelle FultzFurkan KorkmazWilson ChandlerMike MuscalaAmir Johnson
T.J. McConnellLandry ShametZhaire SmithNorvel Pelle
Jerryd Bayless Jonah Bolden

Philadelphia 76ers: Die Schwachstellen

Auch wenn die Sixers letzte Saison 52 Siege holten, offenbarte die Serie gegen Boston, dass sie noch einige gravierende Schwachstellen haben beziehungsweise hatten. Die Unerfahrenheit ist dabei ein Punkt, der sich mit der Zeit von alleine klären sollte, der Mangel an Two-Way-Wings wiederum ist eine Schwachstelle, die von den Sixers schon adressiert wurde, wenngleich hier gilt: Man kann nie zu viele davon haben. Chandler ist ein Upgrade, vorerst aber auch nur eine Ausleihe, sein Vertrag läuft aus. Wie Smith in der NBA funktioniert, werden wir erst zu einem späteren Zeitpunkt erfahren.

Die Celtics haben indes eine noch problematischere Schwachstelle offenbart: Philly hat offensiv viele Spezialisten, will sagen: Spieler wie Redick, Covington oder jetzt auch Muscala können werfen, aber sonst wenig mit dem Ball in der Hand anfangen. Die Lead-Playmaker Simmons und McConnell hingegen strahlen von außerhalb der Zone keine Gefahr aus und machen es klugen Defensiven damit viel leichter, sie zu verteidigen; wenn man den Shootern auf den Füßen steht und gegen die Ballhandler meterweit absinkt, hat auch Embiid keinen Platz und die Offense wird zur verstopften Toilette.

Man darf sehr gespannt sein, wie sich Simmons in Jahr zwei als Finisher präsentiert und ob er wenigstens aus der Mitteldistanz erste Fortschritte zeigt. Bei aller individuellen Klasse, die er jetzt schon hat, kann das sonst zum Handicap werden, auch langfristig.

Philadelphia 76ers: Der Hoffnungsträger

Die Sixers hatten vergangene Saison schon ziemlich viel Erfolg - und das, obwohl sie vom No.1-Pick nahezu überhaupt nichts bekamen. Das soll sich jetzt ändern: Markelle Fultz soll, mit repariertem Wurf und neuem Selbstvertrauen, den Neustart wagen und die Dynamik ins Sixers-Spiel bringen, die man sich schon letztes Jahr von ihm erhofft hatte. Deshalb war er auch in Kawhi-Diskussionen nie "auf dem Tisch".

Der junge Guard soll spielerisch die perfekte Ergänzung für die beiden Einhörner Embiid und Simmons sein, ein legitimer dritter Star. Gewissheiten gibt es natürlich nicht, aber die Indizien sprechen dafür, dass die zweite Saison um einiges erfolgreicher verläuft als die erste.

Philadelphia 76ers: Das Fazit

Ein dicker Fisch kam nicht - und trotzdem hat Coach und "Interims-GM" Brett Brown einen ordentlichen Job gemacht. Zumal die Möglichkeit, dass der Bayless-Vertrag noch für einen weiteren Wing (Korver?) eingesetzt wird, noch im Raum steht.

Man muss aber auch festhalten, dass die Sixers bisher keinen großen Schritt nach vorne gemacht haben. Belinelli und Ilyasova hatten ihren Wert, Chandler ist zwar ein besserer Spieler, aber ein schwächerer Shooter als beide. Bjelica hätte hier geholfen, wobei Philly für seine Absage ebenso wenig kann wie für die Verletzung von Smith.

Die Deals für Redick und Johnson sind derweil positiv zu bewerten, zumal sie den Sixers auch keine Flexibilität nehmen. Nächstes Jahr hätte Philly Platz für einen Maximalvertrag - bis dahin wird darauf gesetzt, dass der nächste große Sprung von innen kommt. Das ist angesichts des Talents im Kader sicherlich auch keine blöde Strategie, obwohl dieses Team mit Leonard wohl der Topfavorit im Osten gewesen wäre.

Die Note: 3+

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