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NBA Playoffs - Thompson und die Warriors in Spiel 6: Die Maschine legt den Schalter um

Von Ole Frerks

© getty

Die Golden State Warriors geben mit ihren Leistungsschwankungen nicht zuletzt ihrem Head Coach Rätsel auf. Spiel 6 gegen die Houston Rockets hat jedoch gezeigt, dass der Champion den sprichwörtlichen Schalter immer noch finden kann - und dass Klay Thompson genau die richtige "Maschine" dafür ist.

Steve Kerr ist durchaus bekannt dafür, Reporter-Fragen ehrlich zu beantworten, nicht zuletzt deshalb wurde er kürzlich zum zweiten Mal mit dem Rudy Tomjanovich Award für seine Kooperation mit den Medien ausgezeichnet. Seine Aussagen nach Spiel 6 der Western Conference Finals machten da keine Ausnahme - im Gegenteil. Sie ließen tief blicken.

"Heute war ein ziemlich guter Mikrokosmos unseres Teams, auf mehrere Arten", erklärte der Head Coach der Warriors. "Wir haben diese Aussetzer und diese Explosionen. Ich habe keine Ahnung, warum wir so sind. Wenn ihr es wisst, sagt es mir bitte." Im Prinzip erklärte das fast alles, was man über die 2018er Warriors wissen muss.

Kein anderes Team in der NBA streut so sehr nach unten wie nach oben, nicht einmal die Cavaliers. Sogar einzelne Viertel können sich bei den Dubs wie Tag und Nacht unterscheiden - wie eben in Game 6 gesehen.

Golden State Warriors: Kein Rückstand ist zu hoch

Im ersten Viertel machte Golden State fast alles falsch, was man falsch machen konnte. Die Dubs starteten überhastet, sie waren defensiv unkonzentriert, gerade in Transition. Sie ließen die Shooter der Rockets blank stehen und kassierten dafür die Quittung in Form eines 17-Punkte-Rückstands, der gut und gerne höher hätte sein können, wenn die Rockets nicht ihrerseits so viele Turnover produziert hätten.

Vermutlich hätte der Vorsprung aus Houstons Sicht mindestens 25 Punkte betragen müssen. Aber selbst so eine Differenz ist für die Warriors nicht uneinholbar. Denn während sie zweifellos dazu in der Lage sind, 20 Minuten oder mehr im Halbschlaf zu agieren und lustlos aufzutreten, haben sie auch nach wie vor die höchste Upside aller Teams, wenn sie fokussiert zu Werke gehen.

Dann ist kein Rückstand zu hoch, keine Führung sicher. Kaum ein Team war jemals so gut darin, innerhalb von 30, 40, 50 Sekunden einen 10:0-Run hinzulegen, gerade in der Oracle Arena, wo sich die Atmosphäre mit jedem Dreier, mit jedem Stop noch weiter hochschaukelt. Wenn die Warriors in ihrem Element sind, kann man teilweise gar nicht so schnell gucken, so schnell zappelt der Ball nach einem Ballverlust oder Fehlwurf wieder im Netz - so wie in der zweiten Halbzeit von Game 6.

Rückkehr zum Warriors-Basketball

Die Rockets wussten bisweilen kaum, wie ihnen geschah. Es brauchte für die Warriors ganze 95 Sekunden im dritten Viertel, um aus dem 10-Punkte-Rückstand zur Pause einen 2-Punkte-Rückstand zu machen, eine Auszeit und einen Stop später wurde die Führung daraus, als Stephen Curry von Downtown traf. In der Folge hielt Houston zwar noch einige Minuten stand, aber lange geht das selten gut, wenn die Warriors ihren Basketball zelebrieren.

Ihren Basketball, das heißt: Das Tempo ist hoch, der Ball bewegt sich und hat "Energie", die sich auch auf die Defense überträgt, die dann fast schon frenetisch wird. In den Spielen 4 und 5 hatten es die Rockets beeindruckend fertiggebracht, die Warriors von "ihrem" Basketball abzubringen, Golden State spielte ungewöhnlich langsam und viel mehr Isolationen als gewohnt, was vor allem daran lag, dass Kevin Durant offensiv einen Großteil der Entscheidungen traf. Zeitweise erinnerte ihr Spiel fast mehr an die OKC Thunder früherer Tage als an den Golden State-Basketball der letzten Jahre.

Spiel 6 war, in der zweiten Hälfte, ein Sieg im Stil der "alten" Warriors. Curry übernahm wieder mehr die Zügel in der Offense, Draymond Green war defensiv überall zu finden und vorne der wohl wichtigste Playmaker: Eine Statline von 4 Punkten (2/3 FG), 10 Rebounds, 9 Assists, 4 Steals und 5 Blocks und einem Plus/Minus von +27 gab es in den Playoffs noch nie - von nun an sollte man diese wohl einfach als "quintessenzieller Draymond" bezeichnen. Der größte "Held" von Spiel 6 war jedoch Klay Thompson.

Klay Thompson: Wie damals, 2016

Vor zwei Jahren hatten die Warriors zuletzt in den Conference Finals ein Elimination Game absolvieren müssen, als sie mit einem 2-3-Rückstand in Oklahoma City antreten mussten. Damals rettete Thompson ihre 73-Siege-Saison mit elf Dreiern und 41 Punkten und veränderte damit den Lauf der jüngeren NBA-Geschichte - Durant wäre wohl kaum ein Warrior geworden, wenn OKC dieses Spiel gewonnen hätte.

Ganz so dramatisch war die Lage in diesem Spiel 6 zwar wohl nicht, erneut stand jedoch sehr viel auf dem Spiel für die Dubs, die erstmals in der Zeit mit Durant richtig unter Druck waren. Und wieder war es Thompson, der dieses Spiel prägte - diesmal mit neun Dreiern und 35 Punkten, vor allem aber auch absolut spektakulärer Defense gegen James Harden, den er teilweise über das ganze Feld presste.

"Klay war unglaublich heute", sagte daher auch Kerr. "Der Typ ist eine Maschine. Er ist physisch so unglaublich fit. Diese Situationen scheinen ihn anzuspornen. Er war fantastisch." Als Durant später gefragt wurde, ob ihn diese Leistung Thompsons an das schicksalsträchtige Spiel 2016 erinnert habe, bat dieser nur: "Lasst uns nicht darüber sprechen. Ich weiß es nicht. Nächste Frage, bitte." Kein Wunder, dass er daran nicht zurückdenken wollte.

Klay Thompson: "Ich wollte noch nicht nach Hause"

Thompson geht bei den Warriors aufgrund seiner unscheinbaren (unbekümmerten?) Art oft unter, es gab auch in diesen Playoffs schon Spiele, in denen er auch auf dem Court unsichtbar war. Gegen die Rockets war er in den Spielen 1 und 5 gut, dazwischen aber kaum in Erscheinung getreten. Die neue Drucksituation stachelte ihn in Spiel 6 aber merklich an, ab dem zweiten Viertel mutierte das Spiel zur Thompson-Show.

"Ich wollte noch nicht nach Hause. Wir haben zu hart dafür gearbeitet", erklärte Thompson im Anschluss seine Leistung. "Ich schätze, man könnte sagen, dass ich für so etwas geboren wurde. Man, das hat Spaß gemacht." Für einen stoischen Charakter wie ihn, der sonst bei den meisten Interviews einzuschlafen droht, konnte man dies fast als emotionalen Ausbruch bezeichnen.

Allerdings auch berechtigt: Die Warriors gewannen die zweite Hälfte mit 39 Punkten Unterschied, was mal wieder einen Playoff-Rekord darstellte. Vor allem dank Thompson, Curry und Green. Es war ein elektrischer Auftritt des amtierenden Champions, bei dem auch ein verhältnismäßig anonymer Auftritt Durants nicht negativ ins Gewicht fiel, im Gegenteil. KD war bei einigen der besten Phasen der Dubs gar nicht auf dem Court.

Die Offensiv-Zahlen der Warriors in den Conference Finals

Spiel (Sieg/Niederlage)PunkteFG3FGAssistsTurnover
1 (S)11942/8013/33249
2 (N)10539/859/302115
3 (S)12948/9213/32208
4 (N)9235/899/271416
5 (N)9432/7210/261818
6 (S)11543/8716/382612

Rockets vs. Warriors: Game 7 in Houston

Nun sind Rekorde natürlich nicht (mehr) das, was die Warriors am meisten interessiert. Sie wollen den nächsten Titel holen und dazu müssen sie, anders als 2016 in den Conference Finals, das siebte Spiel in fremder Halle gewinnen. Selbst wenn Chris Paul weiter ausfallen sollte, was laut ESPN noch nicht sicher ist, ist das keine leichte Aufgabe. Die Rockets werden noch einmal aus allen Rohren feuern, so wie sie es zu Beginn von Spiel 6 nahezu perfekt machten, bevor Golden State den Spielverlauf auf den Kopf stellte. Die Serie ist mitnichten entschieden.

Selbstbewusst nach Texas reisen können die Warriors dennoch, ungeachtet der Verletztensituation. Denn Spiel 6 hat wieder einmal gezeigt, dass ihr bester Basketball nach wie vor der beste der Liga ist, auch wenn sie diesen bei weitem nicht immer zeigen. Solange sie den sprichwörtlichen Schalter rechtzeitig finden können, ist ihre Nonchalance im Lauf der Saison und im Lauf der Playoffs zwar frustrierend, auch für ihren Coach, andererseits aber irgendwie verständlich.

Sie müssen sich nur eben auf das besinnen, was sie ausmacht. "Ich habe das Gefühl, dass wir das beste und das spaßigste Team der Welt sind, wenn wir den Ball pushen", sagte Thompson, sonst kein Mann der großen Worte. "Wir haben zu viel Talent ... wir müssen dem Mann vor uns vortrauen. Meistens wird dann alles gut für uns ausgehen."

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