Die San Antonio Spurs und Kawhi Leonard: Ist auch Feuer, wo Rauch ist?

Von Ole Frerks

Mittwoch, 24.01.2018 | 13:10 Uhr
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In den letzten Tagen tauchten die San Antonio Spurs in ungewöhnlicher Weise in den Schlagzeilen auf - es war von einem Rift mit Kawhi Leonard die Rede. Was steckt dahinter? Gibt es Anlass zur Sorge?

Es existiert im gesamten US-Sport keine Franchise, die so sehr für Kontinuität und ein harmonisches Miteinander steht wie die Spurs - nein, auch nicht die Patriots. Seit über 20 Jahren etabliert Gregg Popovich am Alamo eine Atmosphäre, in der sich die allermeisten Spieler pudelwohl fühlen und in der gleichzeitig auch klar ist, wer am Ende das Sagen hat. Pop. Die Spieler gehorchen, egal ob Franchise Player oder Rollenspieler. Das ist seit langer Zeit der Schlüssel für ihren Erfolg.

Dementsprechend überraschte es nicht, dass ein Spieler wie Tony Parker - ein Finals-MVP, mehrfacher All-Star und sicherer Hall-of-Famer - es hinnahm, dass Popovich ihn nach über einem Jahrzehnt als Starter auf die Bank beorderte wie vor wenigen Tagen. "Wenn Pop etwas sieht, das dem Team hilft, unterstütze ich das", war der Kommentar des Franzosen - erwartungsgemäß. So läuft das eben in San Antonio.

Dementsprechend überraschte es allerdings, dass die Spurs in dieser Woche auch aus einem anderen Grund in den Schlagzeilen auftauchten. Am Montag veröffentlichte ESPN einen Bericht, in dem von einem Rift zwischen der Franchise und Kawhi Leonard die Rede war. Am Dienstag legte Jalen Rose dann nach, als er bei "First Take" sagte, dass Leonard die Spurs verlassen wolle.

Man kann davon halten, was man möchte - aus Leonards Camp und von den Spurs wurde alles dementiert, andererseits würden Reporter wie Adrian Wojnarowski, Michael C. Wright und Zach Lowe nichts veröffentlichen, das ihnen nicht von mindestens einer Quelle gesteckt wurde. Aber dass so eine Story überhaupt aufkommt, ist alles andere als Spurs-typisch.

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Kawhi Leonard erlebt bisher eine Saison zum Vergessen.

Kawhi Leonard: Frustrierende Reha

Nun stellt sich natürlich die Frage, was das Ganze bedeuten soll beziehungsweise welche Ursachen es für die vermeintliche Frustration Leonards gibt. Laut Rose gibt es dafür zwei primäre Faktoren, wobei man zumindest den ersten davon nicht groß anzweifeln muss: Leonard ist von seiner Reha genervt.

Am 30. September hatten die Spurs verkündet, dass sich Leonard am Quadrizeps verletzt habe und dass er die Preseason (!) verpassen würde. Aus dieser Prognose wurde später das berühmte "Out indefinitely", Leonard verpasste letztendlich die ersten 27 Saisonspiele.

Dann absolvierte er neun Spiele, bevor er vergangene Woche erneut aus dem Verkehr gezogen wurde. Out indefinitely, schon wieder. Es scheint, als wisse niemand so richtig Bescheid. Natürlich ist das frustrierend.

R.C. Buford: "Das ist für uns alle schwierig"

"Das ist für uns alle schwierig", sagte General Manager R.C. Buford zu ESPN. "Es ist schwierig für Kawhi und es ist auch schwierig für das Team. Wir waren in der Vergangenheit meistens in der Lage, uns erfolgreich um Verletzungen zu kümmern. Diese Reha ist bisher aber nicht einfach verlaufen und keiner linearen Entwicklung gefolgt."

Auch Popovich betonte unlängst, dass Leonards Verletzung kompliziert sei. "Die Reha dauert länger, als wir erwartet hatten. Wenn wir etwas falsch machen, dann lieber auf der konservativen Seite. Wir haben Timmy [Duncan] auch mal aufgrund einer Knieverletzung in den Playoffs nicht eingesetzt, obwohl er wahrscheinlich hätte spielen können. Das ist nichts Neues für uns."

Leonard aber drängt natürlich darauf, wieder zu spielen, und konsultierte daher auch Ärzte außerhalb der Spurs-Organisation - was aber nichts Besonderes ist, so Popovich: "Viele Spieler holen zweite Meinungen ein und haben private Ärzte oder Trainer. Zweite Meinungen sind gut. Sie sprechen nur dafür, dass du alles dafür tust, um wieder gesund zu werden."

Am Ende ist es aber bekanntlich das Team, das die Freigabe erteilen muss - und das daher auch den bösen Cop mimen muss, der im Zweifel den Unmut des Spielers auf sich zieht. "Niemand will lieber zurückkommen als Kawhi. Ich glaube, ich bin Nr. 2. Wir alle wollen ihn wiederhaben", stellte Popovich daher klar. "Es ist für uns alle frustrierend."

Spurs: Auch ohne Kawhi auf Heimvorteil-Kurs

Die Spurs befinden sich ohne ihren besten Spieler derzeit in einer Art Zwischenstadium. Auf den Schultern von All-Star LaMarcus Aldridge, der seinen eigenen Ärger beiseitegelegt hat und eine bärenstarke Saison spielt, hat San Antonio bisher eine 31-18-Bilanz hingelegt und teilt sich damit die drittbeste Bilanz im Westen mit den Timberwolves. Andererseits macht sich niemand Illusionen, dass die Spurs ohne Leonard in den Playoffs viel erreichen könnten.

Angesichts ihres perfekt einstudierten Systems und der Professionalität im Kader haben die Spurs in der Regular Season fast in jedem Spiel einen Vorteil, weil sie einfach weniger Fehler machen als andere Teams und jeder einzelne seine Rolle kennt und versteht. Dieser Vorteil schrumpft aber, wenn sich Teams in den Playoffs vernünftig vorbereiten können und das Talent umso wichtiger wird.

Die Spurs haben als Team weniger Upside als viele andere Playoff-Teams im Westen, auch wenn sie mit ihrem System viel wettmachen können. Sollte Leonard bald komplett fit zurückkehren, ändert sich das zwar - aber in Zeiten der "Superteams" hätte San Antonio selbst dann einen vergleichsweise (überspitzt formuliert) mittelmäßigen Kader. Und das ist laut Rose der zweite Grund, warum Leonard sich ein wenig distanziert hat.

Spurs: Fragliche Verträge

Kawhi sei sauer, weil die Spurs nicht in der Lage waren, ihm "All-NBA Talent" an die Seite zu stellen, sagte Rose - was faktisch allerdings falsch ist. Aldridge war 2015 einer der meistumworbenen Free Agents der Liga, auch wenn er das seitdem nicht immer gerechtfertigt hat. Dennoch gibt es legitime Kritikpunkte an den Entscheidungen der Spurs, insbesondere im Sommer 2017.

Mit Jonathon Simmons wurde ein wertvoller Rollenspieler ohne Gegenwert abgegeben, obwohl er nicht übermäßig teuer war (3 Jahre, 13,3 Millionen Dollar garantiert in Orlando), dafür gab es üppige neue Deals für Aldridge, Patty Mills und Pau Gasol, wobei gerade letzterer mit drei Jahren und 48 Millionen Dollar ziemlich überbezahlt ist.

Die Spurs haben schon jetzt 98,5 Millionen an Gehältern für die kommende Saison in den Büchern stehen, ohne dass die Cap Holds von Tony Parker, Kyle Anderson und Davis Bertans mit einberechnet sind. Aus der Free Agency 2018 hat man sich damit schon lange im Voraus komplett rausgenommen. Leonard ist das natürlich auch bewusst.

The Klaw war bereits in seiner dritten Saison Champion und Finals-MVP, in den letzten beiden Jahren war er Zweiter und Dritter bei der MVP-Wahl. Der Mann ist extrem erfolgshungrig und auch wenn die Spurs das Symbol für kontinuierlichen Erfolg in der NBA sind: In Zeiten der Superteams ist ein legitimer Superstar wahrscheinlich nicht ausreichend, um einen Titel zu gewinnen. Dieser wird in den nächsten Jahren aber schwer zu bekommen sein, wenn Dejounte Murray nicht einen Sprung a la Kawhi Leonard hinlegt (wer weiß...).

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Kawhi: Der Supermax winkt

Es kann also gut sein, dass Leonard tatsächlich ein bisschen verärgert ist. Wie gesagt: Woj und Co. würden es nicht berichten, wenn es ihnen nicht irgendjemand gesagt hätte, seien es Agenten, Team-Offizielle oder auch Mitspieler. Trotzdem sollte man als Spurs-Fan aber noch (lange) nicht den Kopf in den Sand stecken. Vermutlich verpufft ein Großteil der Frustration schnell wieder, sobald Kawhi gesund auf den Court zurückkehrt.

Leonard steht in der kommenden Saison noch fest unter Vertrag, für 2019/20 verfügt er über eine Spieleroption. Bereits im kommenden Sommer besteht zudem die Möglichkeit, dass die Spurs ihm einen Supermax-Deal über 219 Millionen Dollar (via San Antonio Express News) anbieten können. Sollte er diesen ausschlagen, könnte man sich Sorgen machen, jetzt ist dies aber noch nicht angebracht.

Das deutete auch Popovich an, als er gefragt wurde, ob dies nun ausnahmsweise eine "Seifenoper" für die sonst so ruhigen Spurs sei. "Es ist eine Seifenoper, wenn wir jeden Tag darüber reden, nehme ich an. Das werden wir aber nicht. Es gibt nichts, worüber wir reden müssten." Zumindest jetzt noch nicht. Dass man aber mal aufhorcht, ist dennoch angebracht - es sind eben die Spurs.

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