Die Boston Celtics nach der Trade Deadline

Der Spatz in der Hand

Ole Frerks

Mittwoch, 01.03.2017 | 12:12 Uhr

Die Boston Celtics haben sich zur Trade Deadline zwar bemüht, letztendlich aber keinen Deal eingefädelt - wieder einmal. Präsident Danny Ainge hat erneut Geduld bewiesen. Wird sich das eines Tages rächen?

Am vergangenen Donnerstag war es mal wieder soweit. Es war kurz nach 21 Uhr deutscher Zeit, nach Ablauf der Trade Deadline, als klar wurde, dass die Celtics tatsächlich keinen einzigen Deal eingefädelt hatten. Kein Paul George, kein Jimmy Butler würde kommen. DeMarcus Cousins war ja schon einige Tage vorher getradet worden. Und auch der offensichtlich benötigte Rebounder wurde nicht geholt, zumindest nicht per Trade.

"Letztendlich hatten wir zwar viele Gespräche, aber nichts war gut genug für einen Trade", wurde Danny Ainge wenig später über den Twitter-Account der Celtics zitiert. "Wir haben viel darüber nachgedacht. Uns gefällt, was wir haben. Wir mögen unsere derzeitige Position und wir mögen unsere Zukunft ganz besonders."

Ein letzter Zusatz: "Wir versuchen, unser Team zu verbessern, aber es ist bei uns ein delikater Balance-Akt zwischen kurz- und langfristigen Zielen."

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Es waren Aussagen, die man so oder so ähnlich in den letzten Jahren ziemlich regelmäßig gehört hat. Die frustrieren können, suggerieren sie doch einen gewissen Stillstand. Es waren aber auch Aussagen, die durchaus nachvollziehbar waren. Den Druck, den alle Welt den Celtics auferlegen will, haben sie nämlich einfach nicht.

Historisch ohne Vergleich

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Danny Ainge (2. v.l.) und sein "Process" - die Boston Celtics

Boston ist in einer beneidenswerten und historisch vergleichslosen Situation. Mit Hilfe des längst legendären Paul-Pierce-Trades nach Brooklyn haben sie die mathematisch höchste Chance auf den No.1-Pick im kommenden, sehr gut besetzten Draft. 2018 könnte es ebenso kommen, sollten die Nets nicht völlig überraschend bis dahin zu einem echten NBA-Team mutieren.

Tanken a la Philadelphia müssen sie dafür nicht - im Gegenteil. Die Celtics stellen derzeit nach Bilanz eins der fünf besten Teams der Liga und können sich im Osten sogar noch Außenseiter-Chancen auf den ersten Platz ausrechnen. Im Sommer haben sie die Möglichkeit, ausreichend Cap-Space für einen Maximalvertrag für beispielsweise Gordon Hayward freizuschaufeln, der Celtics-Coach Brad Stevens bekanntlich noch bestens aus gemeinsamen College-Zeiten kennt.

Wie gesagt: Die Situation ist beneidenswert. Und Ainge hatte durchaus seine Gründe, diese rosige Perspektive nicht mit einem oder mehreren Win-Now-Moves aufs Spiel zu setzen. Insbesondere dann, wenn die Forderungen der potenziellen Trade-Partner unrealistisch waren.

Bedenken bei Boogie

Cousins war zwar offensichtlich günstig zu haben - allerdings wollte Stevens scheinbar nicht viel mit ihm zu tun haben und Isaiah Thomas, der in Sacramento drei Jahre lang mit Boogie spielte, sah das offensichtlich ganz ähnlich. "Wir schließen nicht oft jemanden aus charakterlichen Gründen aus, aber manchmal muss es sein, wenn das Talent die Probleme nicht wert ist", sagte Ainge kürzlich - und es war klar, wen er damit meinte.

Solche Bedenken gab es bei George nicht, weshalb sich die Celtics durchaus auch um ihn bemühten. Laut The Vertical wurde dabei sogar der 2017er Nets-Pick ins Spiel gebracht, aber auch dieser reichte Indiana nicht. Das Risiko, beide Nets-Picks und zwei oder drei Rotationsspieler abzugeben, wäre für PG-13, der 2018 als Free Agent angeblich bei den Lakers unterschreiben will und in dieser Saison nicht einmal zu den sechs besten Forwards der Liga gehört, jedoch einfach nicht gerechtfertigt gewesen.

Bei Butler schien eine Einigung etwas wahrscheinlicher, letztendlich kam sie aber auch hier nicht zustande - nicht zuletzt wohl deshalb, weil Boston laut ESPN wenig Lust hatte, Jae Crowder, Marcus Smart und einen der Nets-Picks abzugeben. Man kann darüber streiten, ob dies zu zögerlich war oder ob die Celtics mit dieser Einschätzung richtig lagen. Wer weiß, ob es eine Rolle gespielt hätte, wenn Kevin Durant und Kyle Lowry sich schon vor einer Woche verletzt hätten.

Das Spiel mit den Wahrscheinlichkeiten

Es ist gewissermaßen eine Glaubensfrage. Das alte Sprichwort besagt, dass der Spatz in der Hand besser ist als die Taube auf dem Dach. Bezogen auf die Celtics ließe sich das so interpretieren: Warum von einem Franchise Player via Draft träumen, wenn man in Butler oder George einen tatsächlich existierenden Star haben könnte? Wie groß ist die Chance, dass beispielsweise Markelle Fultz eines Tages so gut wird wie Butler jetzt?

Man könnte es allerdings auch so drehen: Sind wir wirklich sicher, dass ein Trade für Butler oder George zu diesem Zeitpunkt der Saison das Team deutlich besser macht, wenn man dafür Leistungsträger abgeben muss? Und: Wenn ja, würde es reichen, um LeBron James oder den eventuellen West-Vertreter in den Finals wirklich anzugreifen?

Gut sein reicht nicht

Die letzte Frage ist dabei die entscheidende. Es geht in Boston um Titel, nicht darum, in den Conference Finals zwei Achtungserfolge gegen ein deutlich überlegenes Team einzufahren, wie es die Raptors 2016 taten. Es gibt keinerlei Garantien, dass der nun gewählte Weg sie dorthin führen wird, aber Ainge und Co. haben versucht, die Wahrscheinlichkeiten zu bewerten.

Es ist dabei gut möglich, dass sie im Vergleich zu Washington oder Toronto, die jeweils auf dem Trade-Markt aktiv waren, kurzfristig Boden verloren haben. Es fehlt noch immer ein zweiter Scorer neben Thomas und allen voran ein Rim-Protector/Rebounder. Da Andrew Bogut sich für die Cavaliers entschieden hat, wird es schwer, diesen jetzt noch zu bekommen.

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Ainge ist all dies bewusst - Kopfschmerzen muss es ihm aber (noch) nicht bereiten. Auch Boston hat noch Luft nach oben: Avery Bradley etwa, der im Jahr 2017 erst drei Spiele bestreiten konnte, hat soeben endlich sein Comeback gegeben. "Wir haben das Beste von diesem Team noch nicht gesehen. Es standen nur sehr selten alle Spieler zur Verfügung", sagte Ainge richtigerweise.

Und selbst wenn die "Decke" der Celtics in dieser Zusammenstellung ein Aus in der zweiten Playoff-Runde sein sollte - es ist sehr wahrscheinlich, dass Butler und George auch im Sommer noch verfügbar sein werden. Die Celtics sitzen in diesem Fall am längeren Hebel und können es sich daher auch leisten, ein wenig zu pokern.

Auch in Boston tickt die Uhr

Sie dürfen damit nur nicht zu lange warten. Al Horford ist 30, Thomas 28. Im Jahr 2018 werden Bradley, Thomas und Smart allesamt Free Agents - drei Spieler, die bisher kilometerweit unter Marktwert bezahlt werden. Will man noch einen hochkarätigen Free Agent unter Vertrag nehmen, müsste das geschehen, bevor die Deals der drei Guards erneuert werden.

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Ainge muss all dies im Auge behalten und entscheiden, wer bleibt, wer geht, wer einen langfristigen Deal wert ist und wer vielleicht noch kommen soll. Boston hat ja nicht nur die eigenen Spieler, sondern auch noch in Europa oder der D-League "geparkte" Talente wie Guerschon Yabusele oder Ante Zizic, der momentan durch die Türkei pflügt und angeblich ein Top-10-Pick wäre, wenn er sich erst zum kommenden Draft angemeldet hätte.

Ainge steuert seinen eigenen "Process" - und gleichzeitig ein Team mit Chancen auf den One-Seed. Wie schon erwähnt, eine beneidenswerte Situation. Das heißt aber nicht, dass man nicht auch diese auf vielfache Art versauen kann. Keine Wahrscheinlichkeitsrechnung funktioniert ohne Streuung. Das können die Herren in Golden State mit Sicherheit bestätigen.

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