Der Größte unter Großen

Von Dietmar Lüer

Freitag, 15.04.2016 | 14:12 Uhr
© getty
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Der Gewinn der Europameisterschaft 2016 löste in Deutschland zumindest vorübergehend einen Handballhype aus. Vor fast 40 Jahren gelang der Mannschaft ähnliches. Damals ging der Stern eines Riesentalents auf: Erhard Wunderlich.

Geboren 1956 in Augsburg, versuchte sich der junge Erhard in verschiedenen Sportarten - Fußball, Basketball, Eishockey - bis er sich dann mit fast 14 Jahren für Handball entschieden hatte. Kaum verwunderlich, da auch schon sein Vater ein erfolgreicher Feldhandballspieler in den 70er Jahren war.

Einige Jahre spielte Wunderlich unbemerkt in Augsburg, bis er sein bis dato größtes Spiel zum Durchbruch nutzte: In einem Freundschaftsspiel gegen den Bundesligisten Gummersbach warf der 19-Jährige bis dahin unbekannte Wunderlich den etablierten Bundesligisten die Dinger nur so um die Ohren.

Ein professionelles Scoutingsystem war nach heutigen Maßstäben nicht wirklich vorhanden, sonst wäre solch ein Talent wohl niemals so lange unter dem Radar geflogen. Der damalige Gummersbacher Manager Eugen Haas verpflichtete Wunderlich noch am selben Tag und veränderte damit das Leben des jungen Rückraumspielers und die deutsche Hallenhandballlandschaft dauerhaft. Es folgte eine beispiellose und von dauerhaftem Erfolg gekrönte Karriere.

Größter Titel in jungen Jahren

Nach nur sechs Monaten stand Wunderlich das erste Mal für Deutschland auf der Platte - 139 weitere Länderspiele sollten folgen. Einer seiner Nationalmannschaftskollegen Kurt Klühspies, Star des Dauer- und Erzrivalen Großwallstadt, erinnert sich: "Da kam dieser Schlacks aus Augsburg, der unglaublich hoch springen konnte. Er war kaltschnäuzig, frech und hatte schon in jungen Jahren ein großartiges Spielverständnis. Der Sepp war ein Filigrantechniker, ein überragender Angriffsspieler."

Gemeinsam mit dem späteren Bundestrainer Heiner Brand und Jo Deckarm gewann er 1978 den Weltmeistertitel und krönte seine sportliche Karriere. In einem der spannendsten Finals der Geschichte schlugen sie den haushohen Favoriten UdSSR denkbar knapp mit 20:19. Der Triumph der Mannschaft des schillernden Trainers Vlado Stenzel über die damals als unbesiegbar geltenden Spieler aus dem Ostblock, gilt bis heute als einer der größten Momente in der deutschen Sportgeschichte der Bundesrepublik. Der zu dem Zeitpunkt 21-jährige Wunderlich stand noch im Schatten von Deckarm, was sich auf tragische Weise ändern sollte.

"Das größte Talent, das wir je hatten"

Die Karriere Wunderlichs nahm nach der WM so richtig Fahrt auf, was in der Nationalmannschaft einher ging mit dem Unfall von Deckarm im März 1979. Deckarm stieß auf dem Feld mit einem Gegenspieler zusammen, und erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. An Handball war nicht mehr zu denken. Die entstandene Lücke füllte Wunderlich recht schnell. Jedoch mit einer Einschränkung: Wunderlich pausierte in der Abwehr und konnte sich daher voll auf das Angriffsspiel konzentrieren.

Es ist nicht nur die Größe von 2,04 Meter, die Wunderlich auf seiner Position im linken Rückraum Vorteile verschaffte, auch seine herausragende Technik, seine Kreativität und Übersicht waren außergewöhnlich. Sepp, wie er genannt wurde, weil er in Bayern groß geworden ist, interpretierte die Position des Rückraumspielers ganz neu.

Taktisch flexibel suchte er nicht nur selbst immer wieder den Weg zum Tor, sondern setzte auch gekonnt seine Mitspieler in Szene. Hallenhandball war auf einmal "en Vogue" und in aller Munde - so populär, dass die Jugendlichen - wie auch ich selbst - keine Poster von Popstars in den Zimmern hängen hatten, sondern von Handballern. Auf einmal war es cool Handball zu spielen.

Weltmeistertrainer Stenzel sagte über ihn: "So einer wird nur alle 100 Jahre geboren. Er war ein Genie, er war der Beste, er war der Kompletteste." Auch sein Mitspieler und der spätere Bundestrainer Brand sprach voller Lob: "Sepp war im Angriff das größte Talent, das wir je in Deutschland hatten. Er besaß ein unglaubliches Potenzial"

Der Michael Jordan des Handballs

EM-Helden im Kanzleramt

Mit seinem technischen Repertoire, darunter der berühmte verzögerte Sprungwurf, seinem Auge und seiner Nervenstärke, avancierte er zum Gesicht der Sportart. Wunderlich war derjenige, der auch mal neun von zwölf Toren in einem Spiel warf, der Typ, dem man den Ball gab, wenn es eng wurde und dem dann immer noch etwas einfiel - so etwas wie ein Michael Jordan des Handballs.

Die Liste seiner Erfolge sind mehr als beeindruckend, mit dem VfL Gummersbach gewann er alle Titel, die man mit einer Vereinsmannschaft gewinnen kann. Mit der Nationalmannschaft holte er Medaillen bei Olympischen Spielen, Europa- und Weltmeisterschaften. Darüber hinaus wurde Wunderlich zweimal Bundesliga-Torschützenkönig und ebenfalls zweimal Handballer des Jahres. Seine größte Ehre wurde ihm jedoch 1999 teil, als er zu Deutschlands "Handballspieler des Jahrhunderts" ausgezeichnet wurde.

Große Nummer in der "Tagesschau"

Wunderlich spielte auf solch einem hohen Niveau, dass er auch im Ausland Begehrlichkeiten weckte. So war Barcelona bereit für ihn den finanziellen Rahmen im Handball zu sprengen. Waren die deutschen Spieler noch bis vor ein paar Jahren Hobbyathleten, bot Barcelona dem deutschen Sprungwunder für einen Vierjahresvertrag unglaubliche 2,5 Millionen Deutsche Mark. Als der Wechsel bekannt gegeben wurde, brachte es dieser zu den Topnachrichten der "Tagesschau" - ein Novum im Handball.

Die große Karriere wollte Wunderlich im Ausland jedoch nicht gelingen. Schon nach einem Jahr war der heimatverbundene Sepp wieder in Deutschland - jedoch nicht zurück zum Stammklub Gummersbach. Als einer der besten Spieler der Welt heuerte er 1984 beim Münchner Stadtteilklub und Zweitligisten Milbertshofen an.

Die Karriere nach der Karriere

Wunderlich beendete 1988 seine aktive Laufbahn, um sie ein Jahr später dann doch nochmal beim norddeutschen Provinzklub VfL Bad Schwartau für eine Saison wieder fortzusetzen. Von 1990 bis 1993 war der "Sepp" als Manager beim TSV Milbertshofen tätig und holte mit Vlado Stenzel als Trainer die Deutsche Vizemeisterschaft und den Europapokal der Pokalsieger. Aufgrund personeller Engpässe der Milbertshofener gab er Anfang 1993 ein fünfminütiges Comeback in der Handball-Bundesliga. Anschließend war er noch ein Jahr als Trainer und Manager bei Bad Schwartau tätig, wo er jedoch wegen Differenzen schnell entlassen wurde.

War er noch als Spieler für seine gewaltigen Sprungwürfe berühmt und gefürchtet, so "verfolgte" ihn diese Sprunghaftigkeit auch nach seiner aktiven Zeit: Als Vater zweier Kinder, war er Inhaber eines Bürobedarfsunternehmens, betrieb bis 2006 ein Hotel in Österreich, kehrte aber zuletzt mit seiner zweiten Frau ins Bergische Land zurück. Er war 2004 Berater für die Bundesliga, der Vertrag wurde allerdings wenig später wegen einiger scharfzüngiger Aussagen als Fernsehexperte über die Nationalmannschaft, aufgelöst.

Ein Freigeist wie Wunderlich, nicht ganz frei von Diventum, ließ sich eben nie den Mund verbieten. Am 4. Oktober 2012 starb Wunderlich im Alter von 55 Jahren an einem Hautkrebsleiden.

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