"Unmöglich, mit den Finnen zu reden"

Von Interview:
Andreas Königl

Montag, 22.12.2014 | 13:10 Uhr
© imago
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Er gilt als wahre Legende seines Fachs und hielt über Jahre die italienischen Flagge im Konzert der Großen hoch - Roberto Cecon. Hinter Andreas Goldberger wurde er 1994/95 Zweiter im Gesamtweltcup, zudem gab es zweimal die Bronzemedaille bei den Skiflug-Weltmeisterschaften. Im Interview mit SPOX plaudert der 42-Jährige über seine Anfänge in Slowenien, Kumpel Noriaki Kasai, wortkarge Skandinavier und die Tournee.

SPOX: Roberto, wenn man an Sport und Italien denkt, kommt einem wohl als erstes Fußball und vielleicht noch Motor- oder Radsport in den Sinn. Wie kamen Sie im Alter von sechs Jahren auf die Idee, Skispringer zu werden?

Roberto Cecon: Das liegt bei uns im Prinzip in der Familie und wurde mir somit in die Wiege gelegt. Mein Vater war Kombinierer, mein Onkel war auch Skispringer im Weltcup und bei der Vierschanzentournee. Sie haben mich und meinen Bruder dann immer zur Schanze mitgenommen und wir haben es einfach auch probiert.

SPOX: Wie kann man sich die Trainingsbedingungen damals vorstellen? Wie professionell ging es Ende der 70er-Jahre zur Sache?

Cecon: Das war kein so großes Problem, wir hatten mit Tarvisio oder Predazzo in Italien ein paar Stützpunkte. Und nach Planica waren es ungefähr zehn Kilometer. Auch Villach liegt direkt in der Nähe. Wir hatten also schon einige Schanzen zum Trainieren. Aber der Sport ist in den letzten Jahren immer härter geworden. Du musst auf dein Gewicht achten und gleichzeitig viel Krafttraining machen. Das war früher zwar ähnlich, aber weitaus nicht so streng wie heute.

SPOX: Stürze, blaue Flecken und Prellungen gibt's inklusive. Denkt man da auch manchmal, 'hätte ich bloß was anderes gemacht'?

Cecon: Natürlich hatte ich auch den ein oder anderen schweren Sturz - sicherlich ein oder zweimal pro Jahr. Aber im Prinzip weißt du immer, was du zu tun hast. Das größte Problem ist einfach der Wind, heute wirst du eben trotzdem runtergelassen, weil es das Fernsehen so will und auch viele Sponsoren dranhängen. Aber ich selbst habe es nie bereut.

SPOX: Bei Ihrem Weltcupdebüt 1987 wurde noch der Parallelstil gesprungen. Nach Jan Böklov waren Sie aber einer der ersten Springer, der auf den anfangs noch kritisierten V-Stil umgestellt hat.

Cecon: Für uns war das anfangs natürlich sehr ungewohnt, niemand wusste so genau, in welche Richtung sich das entwickelt. Vom Athletiktraining hat sich nicht viel geändert, aber ich hatte die ersten zwei oder drei Monate schon meine Probleme damit, das auch so zu springen. Nach einer halben Saison war es dann aber kein Problem mehr.

SPOX: In den eigenen Reihen hatten Sie mit Ivan Lunardi nur einen wirklichen Konkurrenten, oftmals konnte Italien bei den Teamwettbewerben nicht mal eine komplette Mannschaft stellen.

Cecon: Für mich war das kein Problem, ich habe die meiste Zeit ohnehin in Slowenien trainiert. Im Alter zwischen 12 und 18 Jahren war ich ausschließlich in Planica und viel mit den Slowenen zusammen. Auch die deutschen oder österreichischen Springer haben mich immer gut aufgenommen. In Italien hattest du damals einfach keine Chance, das war nicht leicht. Aber ich habe das ohnehin nicht so eng gesehen, letztendlich musst du dich als Springer darauf konzentrieren, ein gutes Resultat zu erzielen. Das ganze Nationending war da nicht so wichtig.

SPOX: Sie haben die Stars kommen und gehen sehen und dürfen sich selbst zum illustren Kreis um Legenden wie Matti Nykänen, Jens Weißflog oder Andreas Goldberger und Martin Schmitt zählen.

Cecon: Ich hatte das Glück, in meiner langen Karriere viele Springer kennenzulernen. Wobei es damals schon noch ein bisschen anders zur Sache ging. Heute ist das wie eine große Familie - egal ob Österreicher, Italiener oder Deutsche - jeder spricht mit jedem. Zu meiner Zeit war es zum Beispiel unmöglich, mit den Finnen oder Norwegern zu reden. Ich hing eben viel mit den Slowenen, Österreichern oder Deutschen ab - die waren da offener.

SPOX: Noriaki Kasai ist gerade mal ein halbes Jahr jünger als Sie und gewinnt heute noch Springen - bei der Skiflug-WM 1992 in Harrachov standen Sie gemeinsam auf dem Treppchen. Was ist er für ein Typ?

Cecon: Er ist ein super Kerl. Ich war damals oft in Japan und wir haben uns getroffen, was zusammen gegessen oder getrunken. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als er seine Karriere begonnen hat, er war auch oft einen Monat lang in Predazzo zum Trainieren. Wir hingen so gut wie jeden Tag zusammen ab und haben trainiert. Das war eine spaßige Zeit und wir sind heute noch gute Freunde und schreiben regelmäßig SMS.

SPOX: Sie sind dem Sport ebenfalls bis heute treu geblieben, arbeiten seit Ihrem Karriereende 2003 als Trainer in Italien. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in der italienischen Mannschaft ein?

Cecon: Im Moment ist es nicht einfach. In Italien gibt es nicht so eine große Skisprungtradition, außer vielleicht noch im Norden bzw. Nord-Westen. Es gibt letztendlich einfach nicht genug Interesse am Wintersport und vor allem am Skispringen. Insgesamt fehlt uns der Nachwuchs, wir haben nicht genug Kinder dafür und die Kosten sind sehr hoch. Die kleinen Verbände haben nicht so viel Geld für Materialkosten. Da muss man sich entscheiden, ob man mehr Geld in Training oder in das Material investiert.

SPOX: Ihr Sohn ist selbst auch Skispringer - wenn man nun die Stürze von zuletzt Andreas Wellinger oder in der Vergangenheit auch von Thomas Morgenstern sieht, hat man als Vater Angst um den Nachwuchs?

Vierschanzentournee: Die Sieger der letzten 20 Jahre

Cecon: Natürlich ist man irgendwo besorgt, aber ich weiß im Prinzip ja, wie alles abläuft. Und wenn der Wind passt, ist das normal alles kein Problem. Beim Sturz von Wellinger in Kuusamo waren einfach unglaublich schlechte Windverhältnisse.

SPOX: In wenigen Tagen steht die Vierschanzentournee an - Sie waren insgesamt 16 Mal mit dabei. Was ist das Besondere an diesem Wettbewerb?

Cecon: Ich hatte anfangs das Glück, dass ich bei meiner ersten Tournee noch sehr jung war. Damals habe ich noch gar nicht so genau verstanden, um was es eigentlich geht. Aber auch mir wurde schnell klar, dass dies einfach ein unglaublich wichtiger Wettbewerb für alle Länder ist - fast so wie Olympia. Das ist ein absolutes Highlight im Winter und der Reiz liegt einfach in der Vielfalt. Es gibt vier Schanzen, die sehr unterschiedlich sind - keine gleicht der anderen. Und du musst auf den Punkt überall dein Können beweisen und stehst dabei einige Tage am Stück enorm unter Druck.

SPOX: Wer sind Ihre Favoriten, wem drücken Sie neben der italienischen Mannschaft die Daumen?

Cecon: Simon Ammann würde ich den Sieg zutrauen, er ist ganz gut drauf. Aber bei der Vierschanzentournee gibt es oftmals auch eine Überraschung.

SPOX: Vielleicht ja sogar eine italienische Überraschung...

Cecon: (lacht) Nein, ich glaube nicht. Im Moment haben wir wohl leider keine Chance.

SPOX: Die Tournee schlägt nicht nur bei den Springern hohe Wellen, sondern auch bei den Fans. Die Athleten werden als regelrechte Helden gefeiert. Wie musste man sich das vor 25 Jahren vorstellen?

Cecon: Die Fans in Deutschland, Österreich oder auch in Skandinavien waren damals natürlich schon voll mit dabei. Für mich war das im Ausland eine schöne Sache, nachdem das in Italien nicht so intensiv war. Klar, im Norden ist den Menschen das schon ein Begriff, aber wenn du beispielsweise nach Rom gehst, können die Leute da nichts mit Skispringen anfangen.

SPOX: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken - was war Ihr lustigster, kuriosester oder vielleicht auch traurigster Moment?

Cecon: Da gibt es keine speziellen Momente, ich bin einfach zufrieden, so wie alles gelaufen ist. Ich habe über die Zeit hinweg viele tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich heute noch gute Kontakte habe. Viele davon sind mittlerweile auch Trainer und man trifft sich einfach mal auf ein Bier und tauscht sich aus. Das ist alles sehr familiär.

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