Darts

Dartitis: Experte und Mentaltrainer erklärt das Phänomen

Von Adrian Fink

Der niederländische Darts-Profi Berry van Peer (21) sorgte beim Grand Slam of Darts in Wolverhampton (alle Sessions live auf DAZN) für Aufsehen, weil der bis dato relativ unbekannte Profi trotz Dartitis in die K.o.-Runde eingezogen ist. Im Interview erklärt Darts-Mentaltrainer und Buchautor Richard Weese das Phänomen, geht auf die Symptome ein und skizziert seine Lösungsansätze.

SPOX: Herr Weese, beim Grand Slam of Darts hat Dartitis erstmals eine große Aufmerksamkeit erhalten. Berry van Peer hat trotz dieser Problematik die Gruppenphase überstanden und unter anderem Simon Whitlock geschlagen. Sie haben selbst ein Buch, in dem es auch über Dartitis geht, geschrieben. Können Sie uns diese Erkrankung erklären?

Richard Weese: Ich arbeite mit vielen Darts-Spielern aus der Bundesliga und bin aus meiner Erfahrung zu dem Ergebnis gekommen, dass Dartitis keine Krankheit ist. In meinen Augen ist es eine mentale Blockade.

SPOX: Wie grenzen Sie das definitorisch von einer Erkrankung ab?

Weese: Einerseits ist Dartits - soweit ich weiß - keine anerkannte Krankheit. Andererseits ist diese Blockade eine vorübergehende Störung, die auftritt, wenn ein Spieler zu hohe Erwartungen an sich selbst hat. Bei den Betroffenen ist das Stresslevel so hoch, dass der Körper darauf reagiert. Dartitis ist in meinen Augen also vielmehr eine Schutzfunktion als eine Erkrankung.

SPOX: Welche Auswirkungen hat Dartitis im Detail?

Weese: Dartitis hat viele Gesichter. Es beginnt mit einer leichteren Verkrampfung, bei der der Betroffene Darts nach rechts und links leicht verreißt. Im schlimmeren Stadium fühlt sich der Arm schwer an und suggeriert das Gefühl, dass man Ziegelsteine auf die Scheibe werfen will. Dadurch werden die Würfe total unkontrolliert. Das ist frustrierend, durch die schlechten Aufnahmen steigt gleichzeitig der Druck.

SPOX: Ein Teufelskreis.

Weese: Genau. Mentale Belastung und schwache Scores befeuern sich gegenseitig. Es entstehen Zuckungen und die Darts-Pfeile können nur noch durch starke mentale und körperliche Anstrengung abgeworfen werden. Statt des gewohnten Bewegungsablaufs zwingt man sich mit Gewalt, die Kontrolle ist da nur noch gering. Im schlimmsten Fall spannt sich dann ein Muskel an, der andere Muskel will aber unbedingt die Bewegung ausführen. In der Folge verkrampft man völlig und die Darts verlassen die Hand nicht mehr, es geht einfach nicht. Das endet in der puren Verzweiflung und der Teufelskreis nimmt erneut Fahrt auf. Im Extremfall kippt der Spieler mit dem Körper nach vorne um und kann den Pfeil einfach nicht loslassen.

SPOX: Wie kann man auf der Bühne versuchen, sich aus diesem Teufelskreis zu befreien?

Weese: Die einzige Möglichkeit ist die Akzeptanz der Situation. Verliert man sich in Gedanken in der Vergangenheit oder Zukunft, entstehen Ängste und Befürchtungen. Den Flow-Zustand kann ich nur im Jetzt erreichen. Ich kenne viele Spieler, die daheim Fabel-Scores werfen, aber auf der Bühne komplett blockieren. Umso bemerkenswerter ist die Leistung von Berry van Peer.

SPOX: Van Peer hat rund um den Grand Slam viel Wertschätzung erhalten. Kann das dabei helfen, Dartitis zu überwinden?

Weese: Van Peer hat es noch sehr gut im Griff, aber bei ihm hat Dartitis noch nicht den Höhepunkt erreicht. Bei kleineren Turnieren wird er seine Leistung bringen, bei großen Turnieren mit Fernsehkameras und stärkeren Gegnern wird das eine große Herausforderung. Wenn er sich aber professionell helfen lässt, kann er es überwinden.

SPOX: Spieler mit welchem Charakter sind anfälliger für Dartitis?

Weese: Grundsätzlich kann es jeden erwischen, meistens sind es besonders ehrgeizige Spieler, bei denen dieser Teufelskreis umso stärker wirkt. Beim Darts ist der mentale Anteil extrem hoch und wird noch unterschätzt. Bisher arbeiten hierzulande noch zu wenige Spieler mit Mentaltrainern. Es gibt keine genauen Zahlen, aber meiner Einschätzung nach kämpfen mehrere tausend Spieler mit Dartitis. Alleine bei den Profis gab es ja mit Eric Bristow beispielsweise einen mehrfachen Weltmeister, der deshalb seine aktive Karriere beenden musste. Sensationell ist die Entwicklung bei Mensur Suljovic, der meines Wissens nach unter Dartitis litt, und das mit Hilfe eines Mentraltrainers komplett in den Griff bekommen hat. Alleine ist das fast unmöglich.

SPOX: Sie betreuen einige Bundesliga-Spieler in Deutschland. Wie versuchen Sie, ihnen zu helfen?

Weese: Ich mache mit Darts-Spielern regelmäßig ein Mental-Coaching über mehrere Tage. Hauptsächlich geht es in diesen Kursen darum, die Leistung aus dem Training auch im Ernstfall abrufen zu können. Bearbeitet man nur die Symptome, kann Dartitis immer wieder kommen. Deshalb versuche ich, die Ursachen zu beheben. Diese können, müssen aber nicht beim Spiel selbst liegen.

SPOX: Was ist die häufigste Ursache?

Weese: Ich hatte einen Spieler zur Behandlung bei mir, der sein ganzes Leben von seiner Familie nur Anerkennung bekommt, wenn er Erfolg hat. Das hat sich 30 Jahre später beim Darts Spielen niedergeschlagen. Es gibt Spieler, die ihre Persönlichkeit über Darts definieren und permanent unter Leistungsdruck stehen. Wenn ich gut spiele, bin ich ein guter Mensch, wenn ich schlecht spiele, weniger. Entscheidend ist das Stresslevel der Personen. Ich vergleiche das gerne mit einem Automotor.

SPOX: Das müssen Sie erklären.

Weese: Normalerweise läuft der Motor im Standgas mit 1.000 Umdrehungen. Kommt Belastung dazu, läuft er auf 4.000-5.000 Umdrehungen. Ab 6.000 Umdrehungen geht der rote Bereich los und wenn man länger in diesem Bereich bleibt, schadet das dem Motor. Wenn der normale Ruhemodus schon bei 4.000 Umdrehungen liegt, hat er keinen Puffer mehr. Wenn man das auf Menschen ummünzt, können finanzielle Probleme, Scheidungen oder anderer Ärger mit der Familie zu einem hohen Grundstress führen. Das nimmt er im Alltag gar nicht wirklich wahr, beim Darts läuft er dann aber sofort im roten Bereich. Das führt zur mentalen Überbelastung, die auch ins Körperliche übergeht. Ich versuche in meiner Arbeit, den normalen Entspannungszustand wiederherzustellen.

SPOX: Wie sieht das im Detail aus?

Weese: Bei mir liegt ein großer Fokus auf verschiedenen Entspannungstechniken, besonders mit Hypnose. Wobei das nicht mit der Show-Hypnose im Fernsehen vergleichbar ist, es geht eher in die Richtung Trance, vergleichbar mit dem Dösen vor dem Einschlafen. Mit dieser Behandlung komme ich dort hin, wo die Blockaden im Unterbewusstsein sind. Gemeinsam mit dem Spieler versuche ich dann, den Leistungsdruck zu mindern. Der Spieler muss den Spaß am Darts Spielen finden. Sobald der Spaß nicht da ist, entwickelt sich das zu einem verkrampften Kampf - das ist in jeder Sportart so. Beim Darts hat das aber vernichtende Folgen, weil es um Nuancen geht.

SPOX: Arbeiten Sie auch mit konkrete Spiel-Übungen?

Weese: Eine praktische Übung besteht beispielsweise darin, dass ich auf dem Darts-Board die Zahlen abdecke und plötzlich treffen viele Spieler wieder die Triple. Dann zeige ich einige Atemübungen und decke die Felder nach und nach wieder auf und die Blockade löst sich langsam. Wer den Atemrhythmus kontrolliert, hat schon viel gewonnen.

SPOX: Wie lange sind Spieler bei Ihnen in der Behandlung?

Weese: Es gibt keine feste Regel, aber die ersten Fortschritte stellen sich relativ schnell ein. Zuletzt habe ich mit einigen Spielern die Erfahrung gemacht, dass sie nach fünf bis sieben Tagen Behandlung wieder besser gespielt haben. Wichtig ist, dass die Spieler wieder Spaß am Darts entwickeln, dann kann jeder Dartitis überwinden.

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