Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen

Zwischen FedEx und dem Kaiser

Von Felix Götz

Donnerstag, 28.09.2017 | 09:56 Uhr
© getty
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Andy Schmid hat sich in den vergangenen Jahren vom Fehleinkauf zum wahrscheinlich besten Spieler der HBL gewandelt. Stand dem 34-Jährigen einst seine Mentalität im Weg, wird er mittlerweile mit den ganz großen Persönlichkeiten des Sports verglichen. Dennoch genießt Schmid in seiner Heimat lediglich ein Schattendasein. Vor dem Knaller zwischen den Rhein-Neckar Löwen und dem THW Kiel (So., 15 Uhr im LIVETICKER) wirft SPOX einen Blick auf den Schweizer.

"Andy Schmid ist der Franz Beckenbauer des Handballs." (Ex-Löwen-Coach Ola Lindgren)

"Der steuert alles, macht besondere Sachen nicht nur einmal, sondern 20 Mal hintereinander." (Veszprem-Trainer Ljubomir Vranjes)

"Handball-Gott!" (Stefan Kretzschmar)

Andy Schmid ist mehr als "nur" einer der besten Spieler der Welt. Sein eleganter, geschmeidiger und intuitiver Spielstil, seine Übersicht, seine grandiosen Pässe, seine Schnelligkeit und die Torgefahr machen den Schweizer zu einem außergewöhnlich seltenen Handballer.

Der Spielmacher führte die Löwen in den vergangenen beiden Jahren jeweils zur deutschen Meisterschaft. Auch in dieser Saison ist der Mann aus Horgen bei Zürich der Hauptgrund dafür, dass die Badener wahrscheinlich erneut ein ernstes Wörtchen bei der Titelvergabe mitreden werden.

Man muss es so deutlich sagen: Würde man Schmid aus der Mannschaft der Löwen herausnehmen, wären die jüngsten Erfolge utopisch. Dabei hatte der HBL-MVP der vergangenen vier Jahre in Mannheim einen Start, der die Hoffnung auf eine große Karriere ins Reich der Fabeln verwiesen hat.

Andy Schmid: Der Fehleinkauf muss weg

"Vor sechs oder sieben Jahren wurde ich als Fehleinkauf eingestuft und belächelt, in einer Handball-Zeitschrift war ich der Absteiger des Jahres - und heute das", staunt Schmid selbst über seine Entwicklung, die er seit seinem Wechsel 2010 vom dänischen Klub Bjerringbro-Silkeborg zu den Löwen genommen hat.

Es lief aber auch wirklich mau nach seiner Ankunft in Deutschland. Der Rechtshänder kam mit großen Vorschusslorbeeren, Trainer Ola Lindgren wollte den Eidgenossen unbedingt haben. Doch dann musste der Coach noch vor dem Saisonstart überraschend gehen.

Sein Nachfolger Gudmundur Gudmundsson wusste anfangs mit Schmid überhaupt nichts anzufangen. Er spielte kaum, die Löwen wollten ihn wieder loswerden. Doch Schmid gab nicht auf und arbeitete hartnäckig an seinem Spiel und seiner lange zu zarten Persönlichkeit.

Von der Katze zum Tiger

"Noch bist du eine Katze. Aber du kannst ein Tiger werden", hatte ihm nach der U-21-WM 2003 in Brasilien schon sein damaliger Trainer Arno Ehret mit auf den Weg gegeben.

Schmid war lange Zeit schlichtweg zu brav - und führt das auf seine Herkunft zurück. "Von Kopf bis Fuß demütig", beschrieb der 165-malige Nationalspieler einmal die Mentalität der Schweizer im Tagesanzeiger: "Nur nicht auffallen, nicht speziell sein, ja nichts anderes tun als die Mehrheit. Sonst wird man kritisiert und gilt plötzlich als arrogant. Mit dieser Einstellung hatte ich schon ein bisschen zu kämpfen."

Er habe in Deutschland aber gelernt, dass man ausspricht, was man kann, erklärte Schmid weiter: "Sonst kommt man nirgends hin. Ich habe eine gesunde Mischung gefunden, stelle mich hin und sage: 'Ich kann Handballspielen'."

Schmids besondere Beziehung zu Jacobsen

Seit Nikolaj Jacobsen 2014 Coach der Löwen wurde, haben die Mannschaft und der Schweizer selbst noch einmal einen großen Sprung gemacht. Der Däne kennt Schmid schon seit seiner Zeit in Silkeborg, wo Jacobsen damals als Co-Trainer fungierte und so etwas wie sein Mentor war.

Jacobsen machte Schmid nach dem Abgang von Uwe Gensheimer nach Paris zum Kapitän, längst ist er der verlängerte Arm des Coaches auf der Platte. Wenn der 1,90-Meter-Mann beispielsweise auf der Bank sitzt, weil er kaum in der Abwehr eingesetzt wird, sucht Jacobsen häufig das Gespräch, um mit seinem Anführer die aktuelle Situation zu analysieren und die richtige Taktik zu wählen.

Dabei ist es nicht immer leicht mit Jacobsen. Der 45-Jährige ist zwar abseits des Spielfeldes ein Kumpeltyp. Läuft es aber während des Spiels nicht nach seinen Vorstellungen, kann er regelrecht ausrasten.

Schmid muss in solchen Momenten häufig als eine Art Blitzableiter herhalten. "Dann könnte ich ihm manchmal echt eine reinhauen", witzelt der Rückraum-Mitte-Spieler: "Aber es ist wohl sein bester Charakterzug, dass nach dem Spiel alles vergessen ist. Nicht alle Trainer können so schnell umschalten."

Der beste Handballer der Welt?

Bei den Löwen ist Schmid der unumstrittene Star. Nicht wenige Menschen sagen sogar, er sei der beste Handballer der Welt. In den Medien wird er wahlweise als "Lionel Messi des Handballs" oder "Roger Federer des Handballs" bezeichnet.

"Ich weiß, dass ich nicht der beste Spieler der Welt bin", wiegelt Schmid ab: "Im Fußball kann man sich wohl festlegen: Ronaldo oder Messi, einer von denen ist der Beste. Aber im Handball? Es gibt Champions-League-, EM- und WM-Titel - um diese Pokale spielen die Besten. Und da bin ich nicht dabei."

Ein Star ohne Allüren

Schmid würde das so nie unterschreiben, weil er zu ehrgeizig ist. Aber die Tatsache, dass die Schweiz bei großen Turnieren nicht dabei ist, dürfte teilweise auch ein Vorteil für ihn sein. Während andere Weltklassespieler mit dem Nationalteam häufig ihre letzten Körner verpulvern, kann Schmid regelmäßig durchatmen.

Gleichwohl ist es nicht gerade ein Luxus, ein Handballer aus der Schweiz zu sein. Schließlich spielt dieser Sport bei den Eidgenossen quasi keine Rolle. Wenn Schmid in Schweizer Medien von seinem Sport erzählt, muss er schon mal - wenn er den Namen Nikola Karabatic erwähnt -, hinzufügen, dass es sich dabei um einen Franzosen von Paris Saint-Germain handelt.

"In der Schweiz hat mein Sport leider wenig Renommee", sagt Schmid: "Ich laufe durch die Stadt und kaum einer dreht sich um. Ich kann mich gleich verhalten wie vor zehn Jahren. Wäre ich Fußballer, stünde fast täglich ­etwas über mich in der Zeitung. Okay, manchmal wünschte ich mir, mehr ­Anerkennung zu erhalten."

Auch deshalb hinke der Vergleich mit seinem Landsmann Roger Federer gewaltig, findet Schmid. Wobei diese Vergleiche sich eher darauf beziehen, dass Schmid - trotz seines gestiegenen Selbstvertrauens - noch immer ein bodenständiger Mensch ohne jegliche Star-Allüren ist.

"Ich habe keinen Berater, handle meine Verträge selber aus und rede nicht gern über Geld mit Vereinen. Mir ist diese Diskussion unangenehm. Ich habe einen Lohn ­erreicht, von dem ich vor zehn Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Ich bin glücklich damit, aber fast noch glücklicher bin ich mit dem Status, den ich im Team habe, im Verein, in der Region. Es hört sich ein bisschen kitschig an und ist trotzdem die Wahrheit", so Schmid.

Wechsel nach Barcelona wäre möglich gewesen

Das mag mit ein Grund sein, warum er noch immer bei den Löwen spielt und dort noch einen Vertrag bis 2020 besitzt. Dabei hätte es die Gelegenheit für einen Wechsel gegeben. Schon zu seiner Zeit in Dänemark bekundete beispielsweise der FC Barcelona sein Interesse.

"Hätten wir keine Kinder, wäre ein Wechsel vorstellbar gewesen. Barcelona oder Paris hätten mich gereizt. Ein Umzug braucht aber enorm viel Energie. Und ich weiß, wie ich funktioniere: Wenn ich mich nicht wohlfühle, die Frau vielleicht nicht glücklich ist, der Kleine die Sprache nicht versteht, dann sind das zu viele Umstellungen. Und die will ich weder mir noch meiner Familie zumuten", so Schmid.

Lieber bleibt er - womöglich für immer - ein Löwe. Dort weiß nicht nur Schmid, was er hat. Auch der Klub hat längst begriffen, welch Glücksfall der Transfer vor sieben Jahren war.

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