Sidney Sam im Interview: "Plötzlich war ich Problem-Profi statt Top-Transfer"

Von Jochen Rabe

Donnerstag, 07.12.2017 | 09:00 Uhr
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Sidney Sam will nach enttäuschenden Jahren auf Schalke beim VfL Bochum von vorne beginnen. Im Interview spricht der 29-Jährige über seine Wurzeln und seine fußballerischen Anfänge, fehlende Wertschätzung beim Hamburger SV und Fortschritte bei Bayer Leverkusen unter Jupp Heynckes. Außerdem reflektiert er die Änderung seiner öffentlichen Wahrnehmung während schwieriger Jahre auf Schalke und blickt in die Zukunft.

Seite 1: Sam über seine nigerianischen Wurzeln und den fußballerischen Beginn

SPOX: Herr Sam, Ihr Teamkollege aus Darmstädter Zeiten, Terrence Boyd, hat erzählt, dass Sie eine zeitlang sein Chauffeur waren. Stimmt das?

Sidney Sam: Naja. (lacht) Wir haben anfangs im gleichen Hotel gelebt, da wir etwa zur gleichen Zeit in den Verein gekommen sind. Ich hatte ein Auto, er noch nicht, also habe ich ihn immer mit zum Training genommen. Aber das waren zwei Minuten zum Trainingsgelände, Chauffeur ist da ein großes Wort.

SPOX: Haben Sie das ganze halbe Jahr in Darmstadt im Hotel gelebt?

Sam: Nein, ich habe mir eine Wohnung mitten in der Stadt genommen. Zum Ankommen ist ein Hotel in Ordnung, aber dann wollte ich meine eigenen vier Wände.

SPOX: Als Fußballer sind Sie häufig in Hotels. Kommt man irgendwann an den Punkt, an dem das Normalität ist?

Sam: Das gehört einfach dazu. Es hat ja auch Vorteile, gerade vor den Spielen im Hotel zu übernachten. Du bist ausgeruhter, kannst dich auf das Wesentliche konzentrieren. Andererseits vermisst man ab einem gewissen Zeitpunkt seine Familie. Außerdem kannst du dir nicht einfach mal etwas kochen, sondern musst immer draußen essen. Ich bevorzuge es jedenfalls, mein eigenes Zuhause zu haben.

SPOX: Jetzt nach Ihrem Wechsel von Schalke zu Bochum mussten Sie sich aber keine neue Bleibe suchen, oder?

Sam: Nein, ich wohne mittlerweile schon vier Jahre in Düsseldorf. Das ist ungefähr der gleiche Anreiseweg nach Gelsenkirchen und Bochum. Ich habe zwei Kinder, die in Düsseldorf in den Kindergarten gehen. Ich wollte meine Familie da ungern rausziehen. Ich bin dem Verein dankbar, dass er mir das ermöglicht. Wenn dein Leben zu Hause eingespielt ist, kommst du viel schneller in einem neuen Verein an.

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SPOX-Redakteur Jochen Rabe traf Sidney Sam in Bochum zum Interview

SPOX: Ihr Zuhause haben Sie in Düsseldorf gefunden, Ihre Heimat ist Kiel. In was für Verhältnissen sind Sie dort aufgewachsen?

Sam: Ich bin ein Vorstadtkind und komme eher aus einem Problemviertel. Meine Eltern hatten nicht so viel Geld und wir waren sieben Kinder. Mein Vater war den ganzen Tag arbeiten und meine Mutter hat gemeinsam mit den älteren Geschwistern auf die Kleinen aufgepasst. Ich bin schon behütet aufgewachsen, aber nicht wohlhabend. Mir wurde nichts geschenkt.

SPOX: Ihr Vater kommt aus Nigeria. Sie haben vor einigen Jahren gesagt, dass Sie sich vornehmen, dessen Heimatstadt Lagos zu besuchen. Ist das mittlerweile passiert?

Sam: Leider noch nicht. Nach Nigeria zu reisen, ist nicht so einfach. Es gibt eine hohe Kriminalität und ist gefährlich. Wenn ich dort hinfliegen würde, würde ich das auf jeden Fall mit meinem Vater machen. Ich habe das auch noch vor, aber meine junge Familie und ich haben in den letzten Jahren unseren Urlaub eher ruhig verbracht.

SPOX: Der nigerianische Verband hat vor einigen Jahren um Sie gebuhlt. Gab es ernsthafte Überlegungen, für Nigeria zu spielen?

Sam: Auf jeden Fall. Ich hatte gute Gespräche mit dem Verband und dem Nationaltrainer. Ich habe mich damals auch mit dem DFB zusammengesetzt und offen gesagt, dass ich die Option hätte, für Nigeria zu spielen. Das ist eine große Nation in Afrika mit vielen guten Spielern, die teilweise in England spielen. Deswegen habe ich darüber nachgedacht. Aber als mich Jogi Löw 2013 zur USA-Reise eingeladen hat, habe ich mich endgültig für den DFB entschieden.

SPOX: Nach Ihren ersten fußballerischen Schritten in Kiel sind Sie mit 16 Jahren zum Hamburger SV gewechselt. Wie ist dieser Wechsel zustande gekommen?

Sam: Ich habe in meiner Zeit bei Holstein Kiel an DFB-Lehrgängen teilgenommen. Dort hat mich Karsten Bäron vom HSV gesichtet und angesprochen. Ich hatte mehrere Angebote von Bundesligavereinen. Zum Schluss musste ich mich zwischen Köln und dem HSV entscheiden. Aber Hamburg hat mir mehr zugesagt. Die Stadt ist näher an der Familie und ich fand das HSV-Internat sehr gut. In Köln hätte ich bei einer Gastfamilie gelebt, davon war ich kein großer Fan. Im Internat hast du mehr Kontakt zu anderen Spielern. Nach einem Gespräch mit Thomas Doll und Bäron habe ich nicht mehr lange gezögert.

SPOX: Bäron war eine der wichtigsten Personen in Ihrer Entwicklung.

Sam: Das stimmt. Er hat mich immer getrieben und war wie ein Vater für mich. Er hat häufig Einzeltraining mit mir gemacht und mich am Kopfballpendel gepiesackt - das war die Hölle, weil das nicht mein größtes Talent ist. (lacht) Aber es hat sich ausgezahlt. Er war auch bei Problemen und Rückschlägen für mich da und hat die richtigen Worte gefunden. Nur mit seiner Hilfe habe ich es geschafft, Profi beim HSV zu werden.

SPOX: Vor fast genau zehn Jahren haben Sie unter Huub Stevens beim 4:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart Ihr erstes Bundesligaspiel für den HSV gemacht. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Sam: Wir hatten eine starke Truppe mit vielen Stars wie van der Vaart, Kompany oder de Jong. Ich war schon länger dabei, aber hatte noch nie gespielt. Dann haben wir gegen Stuttgart gespielt und Stevens hat mich eine Viertelstunde vor Schluss zu sich gerufen. Ich stand völlig unter Strom. Da habe ich zum ersten Mal mitbekommen, wie das ist, wenn man auf dem Platz steht und nicht nur daneben sitzt.

SPOX: Ist das so ein großer Unterschied?

Sam: Es ist brutal. Im HSV-Stadion waren über 50.000 Leute, wir waren Dritter, die Stimmung war Wahnsinn. Das war einer der besten Momente meines Lebens. Das Ganze läuft wie in Bildern an deinem Auge vorbei. Der Ball kommt zu dir und du machst irgendwas, ohne groß nachzudenken. Du bist völlig im Tunnel. Über Taktik habe ich mir kaum Gedanken gemacht. (lacht) Heutzutage sind die jungen Spieler taktisch viel weiter.

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