"Wir wurden noch nicht vom Geld versaut"

Von Jochen Rabe

Dienstag, 28.03.2017 | 12:00 Uhr
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Mit dem VfL Bochum hat Peter Peschel hat vom ersten Bundesliga-Abstieg bis zur ersten Europapokal-Saison alle Höhen und Tiefen erlebt. Im Interview spricht der 45-Jährige über wilde Kabinenerlebnisse, modische Verirrungen, verrückte UEFA-Cup-Abende und Fehlentscheidungen am Karriereende.

SPOX: Herr Peschel, Sie betreiben seit einigen Jahren eine Fußballschule in Bochum, Lünen und Recklinghausen. Welche Ziele verfolgt die Schule?

Peschel: Wir bieten ein ergänzendes Fördertraining für Mädchen und Jungen zwischen sechs und vierzehn Jahren an. Das steht in keiner Konkurrenz zum Verein und ist nur eine zusätzliche Einheit. Wir erfinden den Fußball nicht neu, aber wir versuchen, die Stärken der Kinder zu fördern und die Schwächen möglichst abzustellen.

SPOX: Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, dass es für Sie als Kind nach der Schule nur darum ging, den Tornister in die Ecke zu schmeißen und auf den Bolzplatz zu gehen. Vermissen Sie diese Einstellung bei der Jugend heutzutage?

Peschel: Das ist auf jeden Fall weniger geworden. Man sieht kaum noch Kindergruppen mit dem Ball unter dem Arm, die auf dem Weg zum Bolzplatz sind. Und wenn man an Bolzplätzen vorbei fährt, sind sie leer. Die Straßenfußballer sterben aus. Früher hat sich das Leben draußen abgespielt, ein Tag ohne Fußball war unvorstellbar. Heute spielt sich alles drin ab, vor dem Fernseher oder der Playstation.

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SPOX: Können Sie den Sinn dafür, wieder mehr auf die Straße zu gehen, in Ihrer Schule fördern?

Peschel: Jede Einheit ist gut für die Kinder und bringt sie weiter. Sie lernen ja beim Fußballspielen auch für das Leben, lernen Toleranz, Respekt und Teamwork - egal ob ein Trainer dabei ist oder sie auf dem Bolzplatz pöhlen. Es gibt auch Eltern, die überkritisch sind und Angst vor Überforderung ihrer Kinder haben. Aber wenn das Kind Bock hat, Fußball zu spielen, sollte man das fördern. Bei so einem zusätzlichen Training braucht niemand Angst zu haben, dass es den Kindern schadet.

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Peter Peschel erlebte beim VfL Bochum alle Höhen und Tiefen

SPOX: Ihnen hat das viele Bolzen damals nicht geschadet. Sie sind im ersten A-Jugend-Jahr bei Borussia Dortmund gelandet.

Peschel: Dort lief es auch ziemlich gut. Ich sollte schon mitten in der Saison in die A1 hochgezogen werden, aber das wollte ich nicht unbedingt. Ich hatte einige gute Freunde in der A2, habe mich wohlgefühlt und der Trainer hat auf mich gesetzt. Deswegen wollte ich dort bleiben. Dann kam es zum Spiel gegen den VfL Bochum.

SPOX: Und Sie sind besonders aufgefallen?

Peschel: Offenbar. Schon in der Halbzeit auf dem Weg in die Kabine haben mich Verantwortliche des VfL angesprochen. Sie wollten mich unbedingt haben und sind eine Weile hinter mir hergelaufen. Nach langem Hin und Her habe ich mich für einen Wechsel entschieden. Aber ich hatte immer Zweifel, ob ich es schaffen kann.

SPOX: Woher kam das?

Peschel: Ich konnte mich schlecht einschätzen. Auch wenn andere mich gelobt haben, wusste ich nie, wo ich stehe.

SPOX: Also waren Sie kein arroganter Teenager?

Peschel: Überhaupt nicht. Wir wurden damals auch noch nicht so vom Geld versaut. Wenn Du heutzutage in der U17 oder U19 gut bist, schmeißen sie Dir die Kohle ja schon hinterher. Das gab es damals noch nicht. Beim VfL habe ich erstmal 150 Mark Fahrtgeld bekommen.

SPOX: Können Sie sich an Ihr erstes Bundesligaspiel am 11. August 1990 gegen Borussia Mönchengladbach noch erinnern?

Peschel: Sehr gut sogar. Ich war 18 und bin gerade aus der Jugend gekommen. Ich war zwar für die Profis eingeplant, aber nicht unbedingt als Stammspieler. Zum Saisonstart hatte ich das Glück, dass einige Spieler verletzt waren. Am Morgen vor dem ersten Spieltag hat mir Reinhard Saftig gesagt, dass ich spielen werde. Das Spiel lief für mich persönlich super.

SPOX: Sie haben das 2:1-Siegtor erzielt.

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SPOX-Redakteur Jochen Rabe traf Peter Peschel in Bochum zum Interview

Peschel: Das war wie ein falscher Film. Ich habe gut gespielt, aber besser hätte der Einstand nicht sein können. Wenn Du als 18-Jähriger direkt so ein wichtiges Tor machst, bist Du erstmal dabei.

SPOX: Wie wichtig war Saftig für Ihren Werdegang?

Peschel: Ihm habe ich einiges zu verdanken. Er hat trotz meines jungen Alters auf mich gesetzt. Als er nicht mehr Trainer war, hat er mir erzählt, dass er dem BVB gesagt hat, sie müssten mich unbedingt holen. Daran sieht man, wie viel er von mir gehalten hat.

SPOX: Haben Sie erfahren, was aus BVB-Sicht dagegen sprach?

Peschel: Keine Ahnung, das ist auch nicht wichtig. Ich war jung und Dortmund hatte schon damals andere Möglichkeiten.

SPOX: Läuft man bei so einem steilen Aufstieg Gefahr abzuheben?

Peschel: Da haben meine Mannschaftskollegen schon aufgepasst. Damals war das anders als heutzutage. Heute haben die Burschen keinen Respekt mehr vor älteren Spielern. Aber wenn Du früher so ein paar Haudegen in der Mannschaft hattest, haben die Dich auf dem Boden gehalten.

SPOX: Wie muss man sich dieses Aufpassen vorstellen?

Peschel: Das ging im Training los. Wenn Du frech warst, hast Du richtig auf die Hölzer gekriegt. Und den einen oder anderen Spruch sowieso.

SPOX: In der Saison 1992/1993 ist der VfL erstmals in der Vereinsgeschichte aus der Bundesliga abgestiegen. Wie hart war der Schlag?

Peschel: Man macht sich natürlich Vorwürfe. Vorher ist das nie passiert und dann gehst Du so unrühmlich in die Geschichte ein.

SPOX: Gab es Vorwürfe im Umfeld?

Schräg, hässlich, Wurst: Trikots, die ins Auge stechen

Peschel: Nicht unbedingt. Wenn Du Dich in der Stadt bewegt hast, wurde es schon angesprochen. Aber es gab schnell wieder eine Aufbruchstimmung.

SPOX: Der direkte Wiederaufstieg ist Ihnen dann schließlich auch gelungen. Doch in den Jahren danach haben Sie sich zur Fahrstuhlmannschaft entwickelt. Gab es in dieser Phase Überlegungen, den Verein zu verlassen?

Peschel: Ich hatte damals keinen Spielerberater, sondern habe immer alles selbst mit dem Präsidenten besprochen. Es war auch noch ein bisschen anders. Wenn jemand interessiert war, ist er direkt zum Verein gekommen. Und weil die Verantwortlichen mich nicht abgeben wollten, ist das meiste gar nicht bis zu mir durchgedrungen.

SPOX: Also hätten Sie selbst, wenn Sie gewollt hätten, nicht die Möglichkeit gehabt zu wechseln?

Peschel: Es wäre schwierig geworden. (lacht) Aber für mich war das auch kein Thema. Woanders hätte ich sicher mehr verdient, aber für mich war das Wichtigste, dass ich mich wohlfühle.

Seite 1: Peschel über die Einstellung der Jugend, die Zeit beim BVB und sein Profidebüt

Seite 2: Peschel über Spaß in der Kabine, Bochum in Europa und Fehlentscheidungen am Karriereende

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