"Ich wollte nicht zu Hause sein"

Von Frank Oschwald

Donnerstag, 08.12.2016 | 12:00 Uhr
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Im Sommer musste der VfB Stuttgart erstmals seit 41 Jahren wieder den Gang in die 2. Liga antreten. Eine bittere Pille für den waschechten Schwaben und Kapitän Christian Gentner. Im Interview mit SPOX spricht er über die schmerzhafte Sommerpause, Gespräche mit Teamkollegen und den Druck, aufsteigen zu müssen.

SPOX: Herr Gentner, Sie haben sich vor einiger Zeit selbst als Zweitliga-Laie bezeichnet. Wie fühlt man sich als Anfänger?

Christian Gentner: Ich hatte in meiner bisherigen Profi-Karriere das Privileg und auch das Glück, dass ich immer in der Bundesliga gespielt habe. Deshalb konnte ich vor der Saison nicht richtig einschätzen, wie gut ich mich in der Liga und mit der neuen Ausgangsposition zurechtfinden würde. Umso schöner ist es, dass es jetzt ganz gut angelaufen ist.

SPOX: Was läuft anders in der 2. Liga?

Gentner: Die Mannschaften spielen gegen uns mit deutlich weniger Risiko. Sie wollen die Bälle im gefährlichen Bereich nicht verlieren, da sie zum Teil großen Respekt vor uns haben. Dadurch ist das Spiel des Öfteren auf einem niedrigeren Level und das Niveau sinkt im Vergleich zur Bundesliga. Was die Fans jedoch veranstalten, ist gewaltig. Von der ganzen Kulisse und der Atmosphäre her hat das nicht viel mit 2. Liga zu tun. Wir haben regelmäßig 50.000 bis 60.000 Zuschauer in der Mercedes-Benz Arena und spielen sogar oft vor ausverkauftem Haus.

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SPOX: In den letzten drei Runden hatte der VfB höchstens neun Siege. Diese Marke hat die Mannschaft inzwischen schon übertroffen. Ist es nicht schön, regelmäßig mal wieder zu gewinnen?

Gentner: Einerseits natürlich schon. Es ist schön, dass wir nicht wie in den letzten Jahren im Abstiegskampf stecken. Das löst auch bei den Fans wieder eine ganz andere Lust aus. Die Chance auf einen Heimsieg sind ganz einfach höher. Das tut dem Umfeld, den Fans und uns Spielern gut - auch wenn es eine Liga weiter unten ist. Allerdings muss ich auch klar sagen, dass wir uns möglichst bald wieder in der Bundesliga mit den Besten messen wollen.

SPOX: In Ihren Worten schwingt immer noch ein wenig Wehmut mit. Ist der Schmerz des Abstiegs denn inzwischen verdaut?

Gentner: Es ist nicht entscheidend, ob der Abstieg verdaut ist oder ob man hin und wieder noch an die Bundesliga denkt. Wichtiger ist, dass wir als Mannschaft die 2. Liga mit all den Ecken und Kanten angenommen haben. Das spiegelt sich in vielen Dingen wider. Beispielsweise in der Art, wie Fußball gespielt wird. Oder auch in der Rolle, die wir als Favorit annehmen mussten. Man muss der Liga Respekt entgegenbringen.

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SPOX: Haben Sie noch im Kopf, was Ihnen beim Abpfiff am 34. Spieltag durch den Kopf geschossen ist?

Gentner: Das war schon ein Moment, in dem ich es richtig realisiert habe: Wir müssen nach so vielen Jahren wieder in die Zweitklassigkeit. Die Woche davor mit der Niederlage gegen Mainz war ebenfalls sehr emotional. An dieses Heimspiel hatten wir uns geklammert und viele haben gehofft, dass wir da den Bock noch mal umstoßen können. Das ist uns nicht gelungen, deshalb war der Abstieg da schon ziemlich nahe.

Die Trainer des VfB Stuttgart seit 2007

SPOX: Inwiefern fühlen Sie sich als Kapitän und waschechter Schwabe besonders verantwortlich für den Abstieg?

Gentner: Alle Personen mit einer entsprechenden Funktion im Verein sollten sich da verantwortlich fühlen. Da kann sich niemand herausreden.

SPOX: Wie haben Sie die Sommerpause verbracht?

Gentner: Ich war sehr wenig in Stuttgart. Ich wollte nicht zu Hause und in der Nähe des Vereinsgeländes sein. Weniger, weil ich keine Lust auf Gespräche beim Bäcker hatte. Damit habe ich keine Probleme. Ich wollte einfach komplett abschalten und auch nicht lesen, was die Zeitungen schreiben. Ich war deshalb längere Zeit mit meiner Familie im Urlaub. Dennoch beschäftigt dich das Thema Abstieg in dieser Phase natürlich täglich. Man kann das nie den kompletten Tag ausblenden. Aber die 2. Liga ging ja früher los, deshalb war die Pause insgesamt gar nicht allzu lange.

SPOX: Mussten Sie sich in dieser Zeit vor Augen führen, dass es eben wichtigere Dinge gibt als Fußball?

Gentner: Das versuchst du, klar. Aber das sieht du als Fußballer in solchen Situationen nicht zwingend so. Wir haben eine Verantwortung für die ganze Region und alle Menschen, die sich mit dem Verein identifizieren und die lange Geschichte des Klubs leben. Wenn dieses Aushängeschild plötzlich zweitklassig ist, ist das schwer zu verkraften.

SPOX: War von Anfang an klar, dass Sie den Verein in die 2. Liga begleiten?

Gentner: Es war keine Entscheidung, die ich über Nacht gefällt habe. Ich habe mich mit meiner Familie und zahlreichen Leuten ausgetauscht, die mir wichtig sind. Von dort habe ich mir Ratschläge eingeholt und im Anschluss beschlossen, dass ich meinen Teil zum Aufstieg beitragen will.

SPOX: Es wurde berichtet, dass Sie andere Spieler vom Verbleib überzeugen wollten. Was waren Ihre Argumente?

Gentner: Im Verein herrschte grundsätzlich eine große Unsicherheit. Viele wussten nicht, wie der Kader in der nächsten Saison aussieht und wie es weitergeht. Natürlich haben wir Spieler uns da auch untereinander ausgetauscht. Das waren freundschaftliche Gespräche, in denen wir auch über die Zukunft einzelner gesprochen haben. Ich war überzeugt, dass der Verein die Möglichkeiten hat, einen starken Kader zusammenzustellen. Das habe ich den Jungs gesagt. Ich wollte aber niemanden überreden. Denn jeder hat nur eine Karriere und muss selber wissen, was am besten ist.

Seite 1: Gentner über den Abstieg, die schmerzhafte Sommerpause und Gespräche mit Teamkollegen

Seite 2: Gentner über die Trainersuche, den Stil von Hannes Wolf und den medialen Druck

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