"Ich würde die Relegation sofort abschaffen"

Von Jochen Rabe

Dienstag, 08.11.2016 | 16:39 Uhr
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Friedhelm Funkel ist seit März 2016 Trainer bei Fortuna Düsseldorf. Im Interview spricht der 62-Jährige über Veränderungen der Trainertätigkeit im Laufe seiner Karriere, die Schere zwischen der ersten und zweiten Liga, Ambitionen mit der Fortuna und seine eigene Zukunft.

SPOX: Herr Funkel, nach Ihrer Entlassung bei 1860 München waren Sie beinahe zwei Jahre ohne Job. So lange waren Sie zuvor in Ihrer Karriere noch nie vereinslos gewesen. Hatten Sie damit gerechnet, noch einmal auf die Trainerbank zurückzukehren?

Friedhelm Funkel: Damit gerechnet habe ich schon, weil immer wieder Angebote gekommen sind, vorrangig aus dem Ausland. Ich wollte das aber nicht machen. Die Möglichkeit, dass ich noch einmal einsteige, war sehr gering, da ich nicht noch einmal umziehen wollte. Ich wohne 20 Kilometer von Düsseldorf entfernt in Krefeld. Das engt den Kreis der Vereine, die mich als Trainer verpflichten könnten, sehr ein. Ich hatte mit dem Trainerberuf noch nicht abgeschlossen, aber in meinem Hinterkopf war immer der Gedanke: Wenn nichts mehr kommt, ist es das eben. Bei der Anfrage der Fortuna war ich aber schnell wieder heiß, den Job zu machen.

SPOX: Haben Sie die freie Zeit dafür nutzen können, etwas Abstand zu gewinnen und Ihre Akkus aufzuladen?

Funkel: Ja, natürlich habe ich das gemerkt. Ich bin auch nach meiner Zeit bei 1860 in den letzten Spielen der Saison nicht mehr ins Stadion gegangen. Ich wollte abschalten. Ich habe viel Urlaub und Reisen gemacht, wozu ich vorher nie die Zeit hatte. Mit Beginn der folgenden Saison habe ich die ersten drei Ligen aber wieder beobachtet. Vielleicht nicht ganz so intensiv wie früher, aber natürlich bin ich noch ins Stadion gegangen, zu Trainerlehrgängen oder Fortbildungen. Ich wollte gewappnet sein.

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SPOX: Sie sprechen Lehrgänge und Fortbildungen an. In den 26 Jahren Ihrer Trainerkarriere hat es viele Veränderungen gegeben. Wie unterscheidet sich die heutige Arbeit als Trainer von der in früheren Jahren?

Funkel: Da gibt es so viele Unterschiede. Ich fange mal damit an, dass der Trainerstab zu meiner Anfangszeit aus zwei Mann bestand: dem Cheftrainer und dem Co-Trainer. Der gesamte Stab hat sich gewaltig geändert. Manche Vereine haben acht bis zwölf Leute an der Seite. Hier ist es so, wie ich es optimal finde: Du hast mit Peter Hermann einen Trainer an deiner Seite, du hast einen Torwarttrainer, einen Fitnesstrainer, einen Videoanalysten - in dieser überschaubaren Gruppe kann man sehr intensiv zusammenarbeiten. Klar kann man darüber nachdenken, einen zweiten Fitnesstrainer oder einen Rehatrainer dazu zu nehmen, aber ich halte es nicht für nötig. Darüber hinaus hat sich die Trainingslehre entwickelt. In der Vorbereitung wird nicht mehr so viel gelaufen, sondern viel mehr mit dem Ball trainiert. Die Spieler sind selbstbewusster geworden und kommen durch die Nachwuchsleistungszentren viel besser vorbereitet in den Lizenzbereich. Auch der Umgang mit den Medien ist ein anderer als früher. Eigentlich lässt sich der Beruf kaum noch vergleichen.

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SPOX-Redakteur Jochen Rabe traf Friedhelm Funkel in der Düsseldorfer Arena zum Interview

SPOX: Bleiben wir beim größeren Trainerstab: Hat sich dadurch der Arbeitsaufwand für einen Cheftrainer erhöht, weil er mehr koordinieren muss, oder ist es weniger geworden?

Funkel: In der täglichen Arbeit ist es weniger geworden, weil man sich mit seinem Trainerteam abspricht und viel delegieren kann. In den Trainingseinheiten kann man sich darauf konzentrieren, die Beobachterrolle einzunehmen, weil man genau weiß, die Kollegen sind richtig gut. Dadurch sehe ich deutlich mehr und kann Einzelgespräche führen. Dafür ist die Arbeit außerhalb des Trainingsbetriebs anders geworden. Die Pressekonferenzen sind ausführlicher. Du hast mehr Sponsorentermine, wirst viel mehr in Anspruch genommen. Aber das kannst du in Ruhe wahrnehmen, weil das Andere gut aufgeteilt ist.

SPOX: Bei Ihren letzten Trainerstationen haben Sie stets mit anderen Trainerteams zusammen gearbeitet und hatten nicht wie einige Kollegen einen festen Co-Trainer, den Sie immer mitgebracht haben. Erkundigen Sie sich vor Antritt eines Jobs über Ihre neuen Kollegen?

Funkel: Ich muss mich gar nicht erkundigen, weil ich alle kenne. Peter Hermann kenne ich seit 40 Jahren. Für mich war völlig klar, dass Peter über jeden Zweifel erhaben ist. Er wäre auch ein erstklassiger Trainer, aber er mag eben nicht diese Medienarbeit. Deswegen bleibt er im zweiten Glied. Aber er ist kein Co-Trainer ist. Er ist Trainer. Er steht an meiner Seite - nicht unter mir oder hinter mir, sondern mit mir zusammen. Auch die anderen Trainer, mit denen ich gearbeitet habe, kannte ich vorher. Für mich war es ein großes Glück, dass ich immer so gute Leute an meiner Seite hatte.

SPOX: Also ist es für Sie ein Argument, wenn Sie einen Job abwägen, mit wem Sie künftig zusammen arbeiten werden?

Funkel: Das ist ein wichtiges Argument. Dem Mann, mit dem du arbeitest, musst du zu 100 Prozent vertrauen können und zwar nicht nur fachlich, sondern auch menschlich. Da hatte ich bislang keinen einzigen, der hinter meinem Rücken gegen mich gearbeitet hätte oder ähnliches.

SPOX: Bei Ihrer Station in Bochum haben Sie 2011 nur knapp in der Relegation gegen Borussia Mönchengladbach den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga verpasst. Seitdem hängt der VfL in der zweiten Liga fest. Ähnlich ging es zuletzt auch anderen Traditionsvereinen wie Kaiserslautern oder St. Pauli. Worin bestehen Ihrer Meinung nach die großen Schwierigkeiten, wenn ein solcher Klub den Aufstieg nicht sofort schafft?

Funkel: Ich glaube, dass der Anspruch im Umfeld den Verantwortlichen sehr viel Druck gibt. Die finanzielle Situation wird mit jedem Jahr angespannter. Wenn man dann dazu unglückliche Personalentscheidung trifft, wird es noch einmal schwieriger. Das war möglicherweise bei den Vereinen, die Sie genannt haben, in der Vergangenheit der Fall. Beim VfL Bochum ist es mit Sicherheit der Fall gewesen, denn das habe ich noch näher verfolgt. Im vergangenen Jahr waren sie auf einem guten Weg, mussten dann aber wieder viele Leistungsträger abgeben. Einen Stürmer, der über 20 Tore geschossen hat, kannst du nicht ersetzen. Stürmer wie Terodde wachsen nicht auf Bäumen. Deswegen ist es beim VfL in diesem Jahr etwas holpriger, als sie es sich selbst gewünscht haben.

SPOX: Aber ist das nicht das natürliche Los eines Zweitligaklubs, dass Leistungsträger gehen?

Funkel: Fakt ist: Wenn ein Spieler aus einer Zweitligamannschaft herausragt, kommen die Bundesligavereine und es ist kaum möglich, ihn zu halten. Deshalb ist es so schwierig, sich langfristig zu einem Aufstiegskandidaten zu entwickeln. Wenn man eine gute Mannschaft zusammen hat und eine Siegesserie startet, muss man möglichst direkt die Gunst der Stunde nutzen, um aufzusteigen.

SPOX: Eine Erschwernis ist sicherlich die Relegation. Seit Wiedereinführung hat sich der Bundesligist in sechs der acht Begegnungen durchgesetzt. Zuletzt gab es sogar vier Bundesligisten-Erfolge hintereinander. Muss dieser Modus auf den Prüfstand?

Funkel: Ich würde die Relegation sofort wieder abschaffen. Vor allem wurde sie eingeführt, als die zweite Liga zwei Wochen vor der Bundesliga anfing. Dadurch hatten wir seinerzeit in Bochum nach der verlorenen Relegation nur zwei Wochen Urlaub. Das war ein riesiger Nachteil. Ich habe es damals schon nicht verstanden. Warum gibt man dem Drittletzten der Bundesliga die Chance drinzubleiben und nimmt dem Dritten der zweiten Liga den direkten Aufstieg? Das ist aus meiner Sicht nicht gerecht. Drei Aufsteiger, drei Absteiger - fertig, aus. Aber da sind wir wieder beim Kommerz, beim Fernsehen, beim Geld.

Seite 1: Funkel über Entwicklungen in der Trainerarbeit und die SInnhaftigkeit der Relegation

Seite 2: Funkel über Kontinuität, die Ambitionen der Fortuna und seine Zukunft

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