Nürnberg-Trainer Rene Weiler im Interview

"Idioten werden Idioten bleiben"

Von Jochen Tittmar

Donnerstag, 19.05.2016 | 14:58 Uhr
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Seit November 2014 ist Rene Weiler Trainer des 1. FC Nürnberg. Vor dem Hinspiel in der Relegation um die Bundesliga bei Eintracht Frankfurt (20.30 Uhr im LIVETICKER) spricht Weiler über sein Ende als Coach in der Schweiz, die Grenze des Trainerberufs, seine Ambitionen für die Zukunft und erklärt, wie er die heutige Medienwelt sieht.

SPOX: Herr Weiler, einer der Trainer, der Sie prägte, soll Lucien Favre gewesen sein. Während seiner Zeit bei Hertha BSC haben Sie bei ihm in Berlin hospitiert. 2002 lernten Sie sich in Argentinien näher kennen. Wie ist das damals zustande gekommen?

Rene Weiler: Ich war sportlicher Leiter beim FC Winterthur in der zweiten Schweizer Liga und wollte in Argentinien nach erschwinglichen Spielern suchen. Bei einer der zahlreichen Partien, die ich mir ansah, traf ich zufällig auf Lucien. Er war für Servette Genf vor Ort. Wir sind dann gemeinsam weiter gereist, weil wir beide im Grunde dasselbe Interesse hatten. Seitdem stehen wir in Kontakt. Er ist jemand, bei dem ich eine Meinung zu einem Spieler einhole oder den ich in Trainerfragen kontaktieren kann.

SPOX: Favre hat in Berlin, besonders aber bei Borussia Mönchengladbach, einen exzellenten Job gemacht. Was gefällt Ihnen am Trainer Favre?

Weiler: Lucien ist bei der Spielerauswahl richtiggehend detailbesessen. Sie ist ihm sogar wichtiger als die Art und Weise, wie er Fußball spielen lässt. Er lässt sich von Transfers nie überraschen, sondern geht bereits vorab total ins Detail und hinterfragt vor allem auch den Menschen hinter dem Spieler. Das begeistert mich, denn im Leben ist es ja grundsätzlich so: die Personalauswahl ist extrem wichtig, um erfolgreich arbeiten zu können. Denn gute Menschen sind überall gut, die Idioten werden dagegen in den meisten Fällen Idioten bleiben.

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SPOX-Redakteur Jochen Tittmar traf Rene Weiler in Nürnberg

SPOX: Sie sind im Sommer 2014 nach dreieinhalb Jahren aus freien Stücken aus Ihrem Vertrag beim FC Aarau ausgestiegen. Wie sicher waren Sie sich, gleich zum Saisonstart eine neue Anstellung zu finden?

Weiler: Gar nicht, denn ich hatte mir vorgenommen, mindestens ein halbes Jahr Pause zu machen. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, wäre Januar 2015 der ideale Zeitpunkt gewesen, um wieder einzusteigen.

SPOX: In der Schweiz hieß es, Sie hätten vielmehr auf einen Job beim FC Basel spekuliert. Als der dann an Paulo Sousa ging, wurde Ihnen Überheblichkeit unterstellt, da Sie die Stelle in Aarau leichtfertig weggeworfen hätten.

Weiler: Mir wurde damals vieles in den Mund gelegt. Es ist natürlich auch Wahnsinn, dass Leute einen einschätzen, obwohl sie dich null Komma null kennen. Ich war dreieinhalb äußerst positive Jahre in Aarau. Dann aber kündige ich freiwillig zwei Jahre vor Vertragsende, weil ich davon überzeugt bin, dass mich der FC Basel auf jeden Fall verpflichten wird? Die hätten mich doch locker aus dem Vertrag kaufen können, wenn sie wollten. Das war alles nur absurdes Gerede.

SPOX: Wie erging es Ihnen in der Zeit danach?

Weiler: Ich kann gar nicht genau sagen, wie ich mich gefühlt habe. Ich war relativ entspannt, aber nicht völlig ruhig. So ähnlich hat das auch meine Frau empfunden. (lacht) Ich war dann viel unterwegs und habe nebenbei mein Journalismus-Studium beendet. Ich wusste aber nicht, wohin die Reise tatsächlich führen wird. Diese Auseinandersetzung mit mir selbst war spannend, da man ja sonst immer gewohnt war, ein regelmäßiges Leben und Einkommen zu haben. Ich habe ein paar neue Gefühlsregungen an mir entdeckt.

SPOX: Waren Sie ungeduldig?

Weiler: Ja, aber ich bin sowieso nicht der geduldigste Mensch. Im Herbst kamen dann drei konkrete Anfragen. So cool und locker, wie ich das eigentlich angehen wollte, war ich dann aber doch nicht.

SPOX: Bereits im Sommer standen Sie damals mit dem 1. FC Nürnberg in Verhandlungen, man entschied sich jedoch für Ihren Vorgänger Valerien Ismael. Wie sind Sie damit umgegangen?

Weiler: Da ich in der engen Auswahl war, wollte ich selbstverständlich auch den Job haben. Sonst hätte ich ja gar nicht erst verhandelt. Nürnberg hat mich dann nicht gewählt, aber so kann es im Fußball laufen. Ich habe da aber auch ein spezielles Denken, bin oft auch für Abenteuer und Herausforderungen jeglicher Art offen. So hätten mich auch ein anderer Schweizer oder ein besonders exotischer Verein interessiert.

Valerien Ismael im Interview: "Nürnberg war eine persönliche Niederlage"

SPOX: Was verstehen Sie unter exotisch?

Weiler: Keine Ahnung, Zypern beispielsweise. Da hätten dann bestimmt viele gesagt: Dem ist nicht mehr zu helfen. Ich aber wäre bestimmt nicht unglücklich über eine solche Erfahrung, die ja dann nicht nur den Fußballkosmos einschließt. Ich will durch den Fußball auch etwas für das Leben mitnehmen und davon profitieren können. Würde ich mich ausschließlich auf die Karriere fokussieren, wäre ich eher verkrampft, da man auch einiges gar nicht beeinflussen kann.

SPOX: Sie haben in Aarau nach dem Aufstieg 2013 und dem souveränen Ligaerhalt 2014 auch deshalb aufgehört, weil Sie als Trainer ans Limit gestoßen zu sein schienen. Hat denn der Trainerjob an einer bestimmten Stelle seine natürlich Grenze?

Weiler: Definitiv. Wo sie genau liegt, ist aber individuell verschieden. Als Außenstehender ist es schwer zu verstehen, wie viel Energie und Kraft man als Trainer investieren muss. Ich habe der Mannschaft Rückhalt und Orientierung zu geben und muss dafür möglichst alles aufsaugen. Ganz egal, ob das fußballerische, vertragliche oder private Belange sind. Dazu trägt das Umfeld verschiedene Erwartungen an dich heran. Es ist nicht der Job der Spieler, den Trainer dann mitzureißen - sondern andersherum. Man muss die einzelnen Einflüsse innerlich verarbeiten und nach außen hin immer wieder die Kontrolle respektive Handlung finden.

SPOX: Favres Rücktritt in Mönchengladbach hat viele überrascht, andererseits trug er eine innere Zerrissenheit in sich. Können Sie das nachvollziehen?

Weiler: Manche Trainer brennen aus, andere steigen rechtzeitig aus. Meiner Meinung nach sollte man für die Trainer mehr Verständnis aufbringen. Der Perfektionist hat in diesem Geschäft langfristig sicherlich größere Möglichkeiten, im Gegensatz aber auch möglicherweise viel mehr Gefahren, zu scheitern. Der Gleichgültige scheitert niemals richtig, erreicht aber auch viel weniger. Das ist ja das Verrückte.

SPOX: Zu welchem dieser beiden Pole gehören Sie?

Weiler: Ich würde mich als innerlich perfektionistisch bezeichnen. Ich möchte einen fehlerfreien Fußball spielen lassen, will möglichst viele richtige Entscheidungen treffen und die für uns besten Spieler holen. Ich möchte aber auch, dass innerhalb des Vereins kompetente Leute angestellt sind, die sich weiterentwickeln. Man braucht zwingend Leute, die mitziehen. Wenn ich gebremst werde, stoße ich an Grenzen.

Seite 1: Weiler über Favre, sein Ende in der Schweiz und die Grenze des Trainerberufs

Seite 2: Weiler über seinen Blick auf die Medienwelt und (Zukunfts-)Ambitionen

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