Alles fest in FIFA-Hand

SID

Donnerstag, 05.06.2014 | 10:49 Uhr
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Das Anti-Doping-Programm der FIFA bei der WM in Brasilien hat eklatante Schwächen und wirft die Frage auf, wie ernst es dem Weltverband tatsächlich mit dem Kampf gegen Doping ist.

Diego Maradona rannte auf die TV-Kamera an der Seitenlinie zu, Augen und Mund weit aufgerissen, er schrie wie von Sinnen seine Emotionen heraus. Die Bilder nach dem letzten WM-Tor des Argentiniers beim 4:0 in Foxborough/USA gegen Griechenland gingen 1994 um die Welt. Maradona war, wie sich später herausstellte, vollgepumpt mit Ephedrin. Er sorgte für den bis heute letzten Dopingfall während einer Fußball-Weltmeisterschaft.

Ob bei der Endrunde in Brasilien ein weiterer Fall aufgedeckt wird, ist ungewiss. Fakt ist aber, dass die FIFA unabhängigen Beobachtern konsequent die Rote Karte zeigt und wohl theoretisch sogar in der Lage wäre, einen Skandal zu vertuschen. Das Anti-Doping-Programm des Weltverbandes wirft jedenfalls die Frage auf, wie ernst es ihm tatsächlich ist mit dem Kampf gegen Doping.

Der Heidelberger Molekularbiologe und Doping-Bekämpfer Werner Franke unterstellt der FIFA ein massives Glaubwürdigkeitsproblem: "Kein Verband schadet sich gerne selbst, schon gar nicht der mächtigste und reichste. Wenn die FIFA nicht will, dass ein Spieler erwischt wird, dann wir keiner erwischt. So einfach ist das."

"System nicht ernstzunehmen"

In der Tat hält die FIFA alle Fäden in der Hand, ihr ausführendes Organ ist die sogenannte Anti-Doping-Stelle unter Leitung des FIFA-Chefarztes Jiri Dvorak. Sie organisiert die Tests, die ausschließlich von FIFA-Kontrolleuren durchgeführt werden. Bei ihr beginnt auch die Alarmkette im Fall einer positiven A-Probe: Informiert werden der FIFA-Generalsekretär sowie die zuständigen, hauseigenen Kommissionen. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA wird erst nach einer "erforderlichen Untersuchung" unterrichtet - die wiederum Dvoraks Team durchführt. Für Franke ist klar: "Solange die das alles selber machen, ist das System nicht ernstzunehmen." Und natürlich hat die FIFA auch festgelegt, dass nur sie das Recht hat, einen WM-Dopingfall öffentlich zu machen.

Wer sich einmischt, bekommt seit jeher Probleme. Vor der WM 1998 hatte Gastgeber Frankreich versucht, Trainingskontrollen während des Turniers durchzusetzen und damit einen Machtkampf zwischen höchsten politischen Stellen und der FIFA ausgelöst. Überliefert ist ein Satz des damaligen FIFA-Präsidenten Joao Havelange an eine Ministerin: "Hören Sie, Madame, wir haben Ihnen die WM gegeben, also nerven Sie uns nicht länger mit Ihren Kontrollen und Ihren Ärzten." Es wurden keine Trainingstests durchgeführt.

Kein Beobachter-Programm

Auch während der Endrunde in Brasilien sind derartige Tests nicht vorgesehen, und natürlich bleibt die WADA außen vor - mit Ausnahme von Präsident Sir Craig Reedie und Generaldirektor David Howman, die zum Eröffnungsspiel eingeladen sind. Ein Beobachter-Programm der WADA, wie es mittlerweile bei Olympischen Spielen seit Sydney 2000 üblich ist, findet nicht statt.

Dafür gibt es weitere Schwachstellen. Im August 2013 hatte die WADA dem Anti-Doping-Labor in Rio wegen Unregelmäßigkeiten die Zulassung entzogen. Deshalb werden nun alle WM-Proben nach Lausanne geflogen und dort analysiert. "Idealerweise", so die FIFA, soll die Analyse bis zum nächsten Spiel der betreffenden Mannschaft vollzogen sein.

Und wenn nicht? Ein Spieler spielt ein Halbfinale, und im Nachhinein stellt sich heraus, dass er im Viertelfinale gedopt war - würde die FIFA einen deratigen Skandal auffliegen lassen?

"Genau das Gegenteil ist der Fall"

Wie hartnäckig die FIFA tatsächlich nach Sündern sucht, lassen Aussagen von Dvorak erahnen. "Fußball ist komplex, Spieler können von Doping nicht wirklich profitieren", meint der Schweizer. "Genau das Gegenteil ist der Fall", sagt der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel, "und natürlich bringt auch EPO etwas: Der beste Techniker kann technisch nur gut sein, wenn er Kraft und Kondition zur Umsetzung besitzt, und zwar nicht nur 30 Minuten lang, sondern bis zum Abpfiff."

Dvorak selbst hat 2012 in einem Zeit-Interview einen Einblick gegeben, wie WM-Tests ablaufen. "Es ist so, dass wir in der Regel frühmorgens kommen. Wir wecken den Arzt des Teams und fragen, wann die Spieler aufstehen. Wenn die Profis um 7 Uhr aufstehen, kommen wir um 6.58 Uhr in die Zimmer. Wir nehmen die Spieler direkt mit, damit sie nicht auf die Toilette gehen und wir stundenlang warten müssen", sagte Dvorak. Franke entgegnet, dass kleine EPO-Dosen sich innerhalb weniger Stunden abbauen, "natürlich wäre es notwendig, auch mal morgens um vier zu testen."

Ob die FIFA, die betont, sich "jederzeit" Tests vorzubehalten, auch mal nachts bei den Stars vorbeischaut, ist unklar. Details, so wurde auf "SID"-Anfrage mitgeteilt, würden nicht veröffentlicht.

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