Hochintensiv, aber wenig komplex

Von Ben Barthmann

Mittwoch, 26.10.2016 | 16:30 Uhr
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Der Futsal kommt nach Deutschland und weckt damit manche alte Hallenfußball-Diskussion erneut. Teil 2 der SPOX-Themenwoche: Was macht den Sport taktisch aus und welchen Nutzen können Fußballer ziehen?

Teil 1 der Themenwoche, der Einsteiger-Guide zum Thema Futsal, schloss mit Pal Dardai. Der Trainer von Hertha BSC lud einen Futsal-Coach ein und versprach sich davon ein "verschärftes Kurzpass-Spiel in der gegnerischen Hälfte" und eine Verbesserung der Handlungsschnelligkeit.

Futsal bringt durch seine Gestaltung einige neue, förderliche Aspekte ins klassische Rasenspiel, hat gleichzeitig aber auch viele Punkte, die dem Fußball sehr ähnlich sind. Somit ist eine Betrachtung aus taktischer und trainingstheoretischer Sicht für Fußballer ebenso interessant wie für Futsal-Fans.

Überzahlsituationen schwierig herzustellen

Der größte Unterschied liegt, leicht ersichtlich, in Spieleranzahl und Feldgröße. Durch diese Gegebenheiten ist es im Futsal deutlich schwerer, in bestimmten Bereichen auf dem Parkett Überzahlsituationen zu erzeugen. Der sprungreduzierte Ball bleibt zudem meist flach.

Somit ist der Futsal oft ein Spiel der Manndeckungen, bei dem das offensive und defensive Eins gegen Eins in den Vordergrund gerückt werden. Diese Gleichzahl kann auch nicht über ein Einbinden des Torhüters ausgehebelt werden, da dieser pro Spielzug nur einmal am Ball sein darf.

Der Sport stellt somit erhöhte Anforderung an die Technik der Spieler. Durch die Mannorientierung ist der Druck am Ball sofort vorhanden, viele Spieler erhalten ihn mit Rücken zum gegnerischen Tor und zum Gegenspieler.

Hochintensives Spiel mit großer Verantwortung

Um diese Orientierungen zu sprengen und den Gegner zu fordern, ist ein hohes Spieltempo ebenso nötig wie ständige Freilaufbewegungen und einstudierte Abläufe in Spielaufbau und Chancenerarbeitung. Die Spielzeit ist nicht ohne Grund auf zweimal 20 Minuten reduziert, denn Futsal ist auf hohem Niveau ein enorm intensives Spiel, bei dem viele kurze Antritte die langen Wege deutlich überwiegen.

Jeder einzelne Spieler trägt hierbei eine große Verantwortung, denn ein Ausfall unter vier Spielern ist deutlich schwerer zu kompensieren als einer unter elf. Klassische Abräumer oder Zerstörer finden sich im Futsal nicht nur aufgrund des Verbots der Grätsche nicht.

Positionen und deren Anordnung

Gleichzeitig ist trotz erhöhtem Tempo und höheren Ansprüchen an die kardiovaskuläre Fitness, also Blut und Sauerstoff durch das Herz-Lungensystem an die Muskeln zu liefern, aber auch ein Rückgang der Komplexität zu notieren. Im Vier gegen Vier fällt die Übersicht einfacher, das Spiel ist fast ausschließlich von gruppentaktischen Abläufen geprägt. Wenngleich jeder Fehler noch entscheidendere Folgen hat als im Elf gegen Elf.

Wie auch im Fußball hat jede Mannschaft eine offensive und defensive Ordnung. Dabei werden Cierre (der defensivste Spieler), Ala (Außenspieler) und Pivot (der Stürmer) je nach Gusto des Trainers angeordnet und in ihrer Anzahl bestimmt.

Die am öftesten gesehenen Grundordnungen sind neben dem 2-2 vor allem das 3-1 und das 1-2-1. Die Spanier brachten ein sehr forderndes 4-0 in die Diskussion. Letztlich sind diese Nummern aber, wie im Fußball, oft nicht mehr als Nummern.

Rotationen für Offensivgefahr

Spielt eine Mannschaft im Futsal einen organisierten Angriff, greift das Team auf im Training einstudierte Rotationen zurück, um den Gegner in Bewegung zu versetzen und so Lücken zu öffnen. Ziel ist es dabei, einen Spieler mit Gesicht zum Tor in Ballbesitz zu bringen.

Ein absoluter Klassiker ist etwa der Pivot-Pass. Dabei erhält der Mittelstürmer zentral den Ball, drückt mit der Hüfte seinen Gegenspieler im Rücken etwas zur Seite und legt dann mit der Sohle für einen heraneilenden Mitspieler zum Torschuss auf.

Ebenfalls regelmäßig genutzt sind offensive Ausflüge des Cierres. Im Fußball nicht gerne gesehen, zählen die Vorstöße des letzten Mannes im Futsal zum Spielaufbau dazu. Spielt er etwa in der Raute nach außen zum Ala, startet er anschließend nach und versucht, die Linie zu verlängern.

Balleroberung durch enge Defensive

Gerade durch die schnell aufgebaute Enge einer Futsal-Defensive setzen viele Mannschaften aber nicht auf eigenen Ballbesitz, sondern auf Konterangriffe nach sicherem Abwehrspiel. Auch hier ist ein geplantes Erobern des Balles oberstes Ziel, wenngleich man nicht von Pressing spricht.

Die Manndeckung hat in den letzten Jahren etwas an Bedeutung verloren und wird meist erst in tornäheren Zonen aufgenommen. Grundlegende Regeln gibt es auch bei der Futsal-Defensive: Nicht zu flach stehen, nicht zu breit stehen, die Innenbahn schließen.

Das Spielfeld wird dabei meist in Viertel unterteilt, Trainer geben ihrer Mannschaft dann etwa eine Balleroberung in "dreivier", also in der gegnerischen Hälfte in der Nähe der Mittellinie, vor. Oftmals wird in der Defensive auf ein 2-1-1 zurückgegriffen, das über drei Verteidigungslinien verfügt und damit recht stabil ist.

Konter im 2-1-1 hängen allerdings stark von Einzelspielern ab. Die Alternative ist deshalb oft das 1-2-1, dabei kommt dem Cierre eine entscheidendere Rolle zu.

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Organisation und Individualität

Ein großes Problem besteht im Organisieren nach nicht erfolgreichem Angriff. Hierbei ist wichtig, den Angriff des Gegners möglichst zu verschleppen und dann Ordnung herzustellen.

Individuell müssen Futsal-Spieler ohne die Grätsche am Mann auskommen und somit sehr sauber im defensiven Eins gegen Eins auf den Seiten verteidigen. Unsportlichkeiten sind aufgrund gezählter Teamfouls verpönt und zu vermeiden.

Nicht minder wichtig ist das Verteidigen im Rücken des Gegners, wenn dieser den Ball abschirmt. Der eingangs erwähnte Pivot-Pass möchte um nahezu jeden Preis verhindert werden. Nah am Gegner will ohnehin verteidigt werden, ist der Schuss mit der Picke doch oft Mittel der Wahl und extrem schnell ausgeführt.

Details sind entscheidend

Viele kleine Details sind letztlich entscheidend. Ist es ein Block, wenn der Mitspieler den Laufweg des sperrt, um dem Ala den Weg in die Mitte freizumachen. Oder die richtige Kontrolle des Balls, die beim Futsal weniger mit der Innenseite sondern mit der Sohle des Fußes erfolgt.

Die Zusammenschnitte von Stars wie Falcao oder Ricardinho, die Trick an Trick reihen, sprechen dabei nicht unbedingt für den typischen Futsal. Diese Spieler machen den Unterschied, das aber nur in wenigen Situationen. Ein Großteil des Spiels ist taktischer Natur.

Keine Ausnahme machen da die Standards. Wenige Freistoßsituationen gibt es insgesamt, denn diese sind meist brandgefährlich. Jede Mannschaft hat einstudierte Varianten, um hinter die Abwehr zu gelangen oder eine etwaige Mauer zu umspielen.

Nutzen in der Ausbildung

Kurzum: Pal Dardai ist gut beraten, einen Futsal-Trainer zu engagieren. Nicht nur in der Jugendausbildung ist das Regelwerk mit drei Mitspielern nützlich, um an Individualtaktik und Technik zu arbeiten. Spieler werden ganzheitlich ausgebildet und lernen weniger positionsspezifisch, als es beim Fußball oft der Fall ist.

Der DFB führte Futsal deshalb vor kurzem verpflichtend als Spielform in der Halle ein, denn auch der Verband weiß um die positiven Einflüsse des Sports auf den Rasenfußball. Allerdings ist die in deutsche Hallen zu beobachtende Variante des Futsals durchaus kritisch zu sehen. Dort wird die DFB-Pflicht oft schlicht durch den Futsal-Ball erfüllt, die veränderten Regeln allerdings außer Acht gelassen. Ein Schnitt ins eigene Fleisch.

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