"Die Ronaldos und Robbens sterben aus"

Von Interview: Daniel Börlein/Haruka Gruber
Ralf Rangnick ist seit 2006 Trainer bei 1899 Hoffenheim und führte sie 2008 in die Bundesliga
© Getty

Früher war Ralf Rangnick unzufrieden über die grotesken "Nummerndecker" und vertraute als Trainer-Pionier auf die moderne Sechs: Der Chefcoach von 1899 Hoffenheim über Synchronisation, Altruismus und die Zukunft des Fußballs.

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SPOX: Wer sind die ersten Sechser, an die Sie sich erinnern können?

Ralf Rangnick: Luis Fernandez, Frank Rijkaard, Carlos Dunga, Didier Deschamps und Josep Guardiola - wenn es um Sechser gehen soll, deren Teams konsequent in Raumdeckung und vorwiegend ballorientiert verteidigten.

SPOX: Ein Deutscher ist nicht darunter...

Rangnick: ... und das ist nicht weiter verwunderlich. Den Grund kenne ich aus eigener Erfahrung: Anfang der 80er Jahre wurde ich als Spieler häufig im defensiven Mittelfeld aufgestellt. Statt das Spiel mitzuorganisieren, sollte ich jedoch - wie es in Deutschland damals Gesetz war - lediglich den Hacki Wimmer mimen und den gegnerischen Spielmacher ausschalten. Hin und wieder bekam ich dafür ein dickes Lob vom Trainer und von der Presse - aber tief im Inneren habe ich damals schon gespürt, dass etwas falsch läuft. Wie konnte ich gut spielen, wenn ich vielleicht zehn Ballkontakte hatte und nicht aktiv am Spiel teilnahm?

SPOX: Sie klingen im Nachhinein etwas enttäuscht.

Rangnick: Als ich Spielertrainer in Backnang war, beobachtete ich eine Begegnung zwischen Schwäbisch Hall  und Rommelshausen mit dem ehemaligen Stuttgarter Zehner Buffy Ettmayer, der ebenfalls als Spielertrainer gearbeitet hat. Schwäbisch Hall hatte einen solchen Respekt vor Buffy, dass sie ihm selbst bei eigenem Ballbesitz einen Bewacher hinstellten. Irgendwann war Buffy derart genervt von seinem jungen Gegenspieler, dass er einfach weit in die Hälfte des Gegners gesprintet ist, obwohl Rommelshausen gar nicht den Ball hatte. Dabei rief er seinem Gegenspieler zu: "Komm mit!" - und dieser war so verdutzt, dass er tatsächlich hinterher gerannt ist. Damit wollte Buffy seinem Nummerndecker und dem Publikum zeigen, wie grotesk die Manndeckung ist.

SPOX: Nummerndecker?

Rangnick: Der Begriff Manndecker oder defensiver Mittelfeldspieler hat früher nicht den Tatsachen entsprochen. Statt sich die Gegenspieler zu übergeben, hieß es immer nur seitens vieler Trainer: "Du musst den Spieler mit der Rückennummer X 90 Minuten lang decken, unabhängig davon, wohin er läuft." Daher: Nummerndecker.

SPOX: Wann entstand aus dem diffusen Gefühl der Unzufriedenheit die konkrete Idee, dass der Sechser anders interpretiert werden soll?

Rangnick: Mein Aha-Erlebnis war ein Testspiel von Backnang gegen das von Walerij Lobanowskyj trainierte Dynamo Kiew. Beeindruckend, wie sie mit allen Spielern konsequent Raumdeckung gespielt und klug verschoben und gepresst haben, so dass ich dachte, Kiew würde mit 13 Mann auf dem Platz stehen. Es war aus mannschaftstaktischer Sicht eine Demonstration. Und bereits damals setzte Lobanowskyj im defensiven Mittelfeld auf den blutjungen Oleksij Mychajlytschenko, der schon zu dem Zeitpunkt der Prototyp des modernen Sechsers war.

SPOX: Und in Deutschland?

Rangnick: Als Spiegelbild diente die deutsche Nationalmannschaft. Frankreich, Italien Spanien, selbst die Schweiz waren uns in der Jugend und bei den Senioren weit voraus, aber bedingt durch den WM-Sieg 1990 wurde bis Mitte/Ende der 90er Jahre am Libero festgehalten, weil es ja keinen Grund gegeben hätte, etwas umzustellen. Mit der Folge, dass wir als letzte Nation in Europa gemerkt haben, wohin die Entwicklung geht und dass im Zuge dessen die Sechser-Position neu erfunden wurde. Als ich mit Ulm 1998 in die 2. Liga aufgestiegen bin, haben von vier  Zweitligisten und  zwei Bundesligisten abgesehen alle Teams mit Libero, zwei Manndeckern und gegnerorientierten Sechsern gespielt.

SPOX: Und jetzt?

Rangnick: Dank der Bemühungen der Bundesliga-Nachwuchsleistungszentren und von DFB-Sportdirektor Matthias Sammer haben wir den 15-jährigen Rückstand ganz gut aufgeholt. Auf der Sechs beispielsweise gibt es mit den beiden Benders oder Sebastian Rudy viele Talente mit Perspektive, die irgendwann die Klasse von Schweinsteiger oder Khedira erreichen können, sofern sie Spielpraxis bekommen.

SPOX: Bei der WM überzeugten Schweinsteiger und Khedira als deutsche Doppelsechs - im Halbfinale gegen Spanien wurden ihnen jedoch die Grenzen aufgezeigt.

Rangnick: Das finde ich nicht. Vielmehr wurden der ganzen Mannschaft die Grenzen aufgezeigt, was das Spiel gegen den Ball anbelangt. Im Grunde waren Schweinsteiger und Khedira gegen Spanien die ärmsten Schweine auf dem Platz. Vorne drin hat Miroslav Klose zwar gut gearbeitet, aber bei der offensiven Dreier-Reihe dahinter mit Lukas Podolski, Mesut Özil und Piotr Trochowski war ballorientiertes Pressing nur phasenweise zu erkennen. Das hat Spanien perfekt ausgenutzt. Ein Schweinsteiger und ein Khedira reichen im Mitteldrittel des Platzes eben nicht aus, um eine solch überragende Ballstafetten-Maschinerie zu stoppen. Selbst foulen konnten die Deutschen nicht, weil sie anders als die Niederländer zu weit weg standen.

SPOX: Was auffiel: Während Podolski, Özil und Trochowski fast ausschließlich offensiv dachten und sogar Khedira häufig in die Tiefe ging, fühlten sich die spanischen Mittelfeldspieler für alle Aufgaben verantwortlich.

Rangnick: Deswegen ist das spanische Mittelfeld für mich der Inbegriff von Perfektion. Die Grenzen zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld, beziehungsweise zwischen Sechser und Zehner, waren fließend. Selbst Andres Iniesta, der nominell als Rechtsaußen aufgestellt wurde, übernahm genauso wie Xavi, Sergio Busquets und Xabi Alonso Sechser-Aufgaben. Jeder war bereit, bei Ballverlust umzuschalten.

Hier geht's zum zweiten Teil: Rangnick über Altruismus, Iniesta und Ronaldo