Belgien: Das 150-Millionen-Fiasko

Von Haruka Gruber

Dienstag, 10.11.2009 | 11:32 Uhr
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Obwohl Belgien Talente am Fließband produziert, spielt die Nationalelf nur auf Augenhöhe mit Estland. Schuld sind ein Ex-Mainzer, nächtliche Frauentreffs und tiefe Gräben im Team. Hoffnung macht aber der "General" Dick Advocaat...

Dem unkundigen Fußball-Fan fiel das Malheur nicht weiter auf, doch die slowenische Delegation traute ihren Ohren nicht, als vor dem Gastspiel ihrer Nationalmannschaft Anfang des Jahres in Belgien die Hymnen ertönten.

Statt des slowenischen wurde das slowakische Nationallied eingelegt, was zu einer Kontroverse mit dem belgischen Gastgeber führte, die erst durch ein nachträgliches Abspielen der richtigen Hymne in der Halbzeit-Pause beigelegt wurde.

Ein Flüchtigkeitsfehler, der den bereits arg ramponierten Ruf des belgischen Fußballverbands weiter beschädigte und sinnbildlich für den desolaten Zustand steht, in der sich der Fußball in Belgien seit einigen Jahren befindet.

Europa scharf auf Made in Belgium

Während sich in dieser Saison Meister Standard Lüttich in der Champions League sowie Brügge und Anderlecht in der Europa League erstaunlich gut behaupten, sucht ausgerechnet das Aushängeschild des Landes, die Nationalmannschaft, nach einer Identität. Und das seit sieben Jahren. Seit der WM 2002, dem letzten Großturnier mit belgischer Beteiligung.

Dabei verfügt Belgien über eine neue Generation von Fußballern, die zu den begehrtesten Talenten des Kontinents gehören. Über die Hälfte des U-23-Teams, das bei den Olympischen Spielen 2008 überraschend Platz vier erreicht hatte, ist mittlerweile fester Bestandteil der Nationalmannschaft.

"Belgien steckt in einer tiefen Krise. Aber die jungen Spieler, die nachkommen, wecken große Erwartungen in der Bevölkerung", sagt Ludo Vandewalle, Fußballchef der Tageszeitung "Het Nieuwsblad".

30 Millionen für Mini-Zizou?

Marouane Fellaini wechselte 2008 für 18,5 Millionen Euro zu Everton, seine beiden Ex-Lüttich-Kollegen Steven Defour sowie Axel Witsel (Marktwert: je 15 Millionen Euro) werden von Klubs wie Manchester United, Real Madrid und dem FC Liverpool beobachtet.

Die mögliche Ablöse für Alkmaar-Stürmer Moussa Dembele wird auf 20 Millionen Euro taxiert. Spielmacher-Supertalent und Zidane-Liebling Eden Hazard darf seinen französischen Arbeitgeber OSC Lille angeblich nur für 30 Millionen Euro verlassen. Einer seiner Verehrer ist Arsenal-Coach Arsene Wenger, der im Sommer mit Thomas Vermaelen Belgiens zukünftigen Abwehrchef für zehn Millionen Euro verpflichtete.

Thomas Vertonghen, Vermaelens früherer Mitspieler bei Ajax und beim FC Barcelona im Fokus, soll für die gleiche Summe zu haben sein. Geringfügig günstiger sind Alkmaars Sebastien Pocognoli (8 Millionen) und Standards eingebürgerter Stürmer Igor de Camargo (5), letztes Jahr bei Tottenham beziehungsweise Portsmouth im Gespräch.

Respektable Ablösesummen kosteten in der Vergangenheit bereits Vincent Kompany (8,5), Daniel van Buyten (8), Tom De Mul (5) oder Anthony Vanden Borre (4,5). Macht zusammengerechnet eine Mannschaft, die einen Marktwert von mindestens 150 Millionen Euro besitzt.

Auf Augenhöhe mit Estland

"Das Potenzial ist definitiv vorhanden. Bei Olympia hatte Belgien ein starkes Kollektiv", sagt Abwehrspieler Gil Swerts (Alkmaar), mit 27 Jahren bereits einer der Veteranen der Roten Teufel. "Die Jungs waren mental und physisch sehr stark. Sie haben vor voller Kulisse gegen Brasilien mit Ronaldinho und Gastgeber China gespielt. So etwas hilft enorm, zukünftig mit Stresssituationen bei der Nationalelf umzugehen."

Heiß, kalt und ziemlich verrückt

Umso enttäuschender verlief jedoch die Qualifikation zur WM 2010, die Belgien grandios verfehlte. Nach sechs Niederlagen aus zehn Spielen, unter anderem in Armenien (1:2) und Estland (0:2), sowie zwei Trainerwechseln beendete das Team die Gruppe auf Platz vier. 20 Punkte hinter Tabellenführer Spanien - und nur knappe zwei Zähler vor Estland.

Nicht verwunderlich, dass bei Heimbegegnungen die Ränge teils nur noch zur Hälfte gefüllt sind, obwohl die Nationalelf wegen des schwindenden Interesses nicht mehr ausschließlich im 50.000 Zuschauer fassenden Stadion in Brüssel spielt.

Ex-Mainzer Vandereycken ein Grundübel

"Jedes Turnier, das man verpasst, ist ein Rückschlag", sagt Rene Vandereycken. Der ehemalige Nationaltrainer ist einer der Hauptgründe für die Malaise der einst stolzen Fußball-Nation. Zwischen Anfang 2006 und April 2009 im Amt, zeichnete sich der Ex-Mainzer vor allem dadurch aus, dass er seinem Team keinerlei Sicherheit verlieh, weil er jeden gegnerischen Fußball-Zwerg stark redete und seine jungen Spieler mit wechselnden taktischen Vorgaben schlicht überforderte.

"Lange wurde auf Kombinationsfußball Wert gelegt, weil die Mannschaft technisch gut ausgebildet ist. Für die wichtigste Partie der letzten Zeit, dem Heimspiel gegen Bosnien, gab Vandereycken aber plötzlich die Marschroute vor, nur hohe Bälle auf den großen Fellaini zu schlagen. Das muss verwirren", sagt Vandewalle, der von einer Episode erzählt, die ein weiteres Grundübel der Nationalmannschaft verdeutlicht: die Disziplinlosigkeit.

So seien in der Nacht vor dem angesprochenen Qualifikationsspiel gegen Bosnien im März 2009 Fellaini und Gladbachs Torwart Logan Bailly dabei erwischt worden, wie sie sich um 1.30 Uhr aus dem Hotelzimmer geschlichen hätten, um sich mit drei weiblichen Bekanntschaften, die ebenfalls dort übernachteten, zu treffen.

Imago
General in Belgien: Dick Advocaat (l.). Verschwommen rechts: Co-Trainer Marc Wilmots

Fellaini und Bailly wurden von Co-Trainer Franky Vercauteren erwischt und ins Bett geschickt. Eine Strafe folgte nicht. Stunden später sollte Belgien die richtungsweisende Partie mit 2:4 verlieren.

"Advocaat ist der richtige Trainer"

Nahtlos setzte sich das Chaos nach Vandereyckens Entlassung fort. Da Wunschkandidat Dick Advocaat in St. Petersburg unter Vertrag stand, wurde Assistent Vercauteren zum Chef befördert, ohne jedoch die Rückendeckung des Verbandes zu haben. "Das wusste jeder, und so hat jeder auch gemacht, was er wollte. Auf und abseits des Platzes. Es war furchtbar", sagt Vandewalle.

Nach dem 1:2 in Armenien im September trat Vercauteren frustriert zurück - und machte so Platz für den mittlerweile freien Advocaat, dessen Reputation als knallharter Trainer-General eine entscheidende Rolle gespielt hat. Der in Mönchengladbach noch epochal gescheiterte Niederländer löste gemeinsam mit Co-Trainer und Integrationsfigur Marc Wilmots eine Aufbruchsstimmung aus, die selbst das 0:2 zuletzt in Estland überlebte.

"Advocaat ist der richtige Trainer. Die Talente schauen zu ihm auf, weil er schon so viele Erfolge gefeiert hat und zu den 15 besten Trainern der Welt gehört", sagt Vandewalle. Advocaat verbannte Handys aus den Hotelzimmern und das iPod-Hören wurde auf Busfahrten beschränkt.  Bei der Kadernominierung setzte er gleich ein Zeichen, indem er mit Timmy Simons den erfahrensten Spieler und mit Pocognoli einen als schwierig geltenden Youngster vorläufig aussortierte.

Der vormalige Stammkeeper Stijn Stijnen gab mit 28 seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt, weil Advocaat einen offenen Wettbewerb um die Nummer eins ausrief. "Ich habe alles für die Nation gegeben, auch wenn die Atmosphäre im Team nicht schön war und viele Spieler nur an sich und nicht an Belgien denken", sagte ein enttäuschter Stijnen.

Es geht um die Herkunft und das Alter

Nach wie vor ziehen sich Risse durch das Mannschaftsgefüge. Es geht jedoch nicht nur um Disziplinlosigkeiten, sondern auch um die Herkunft eines jeden Einzelnen. "Wir haben keinen Trainer, kein Stadion und keine Nation", lautete eine Schlagzeile im Frühjahr.

Das kulturell, sozial und durch die unterschiedlichen Sprachen entzweite Belgien, eine laut Charles de Gaulle "Abnormität der Historie", spiegelt sich in der Landesauswahl wider. Es gibt die französisch sprechende Fraktion der Wallonen um van Buyten und Kompany, dem gegenüber stehen die Flamen mit den Anführern Vermaelen und Vertonghen. Nach dem 2:4 gegen Bosnien stritten sich der Wallone Pocognoli und der Flame Stijnen in aller Öffentlichkeit.

Eine zweite Konfliktlinie zieht sich zwischen den älteren und jüngeren Spielern. Stellvertretend das verbale Scharmützel, das sich entwickelte, nachdem Routinier Wesley Sonck die unglückliche Aussage traf, die Talente müssten mehr Reife und mehr Leistung zeigen, um die hohen Ansprüche zu erfüllen. Die junge Generation konterte: "Über was redet er eigentlich?", so Kompany. Witsel ergänzte: "Ich denke, dass Sonck etwas frustriert ist, weil er seine letzte Chance auf eine WM-Teilnahme verpasst hat."

Auch die Medien erliegen dem Hype

Es erstaunte, mit welchem Selbstverständnis die jungen Spieler einem lang gedienten Veteranen wie Sonck entgegentraten. "Sie sehen sich alle als Stars, was ich ihnen aber nicht zum Vorwurf machen will. Die Leute drum herum, auch die Medien, pushen die Jungs viel zu schnell nach oben", sagt Vandewalle.

"Wir versprechen uns sehr viel von den Jungen. Aber dadurch fehlt die Geduld und der Realitätssinn. Es war nicht angemessen, dass letztes Jahr ein Axel Witsel mit 19 Jahren zum Spieler des Jahres gewählt wurde. Auch die Journalisten haben sich blenden lassen."

Advocaat ist die große Hoffnung

Es ist das Zeugnis einer kaputten Fußball-Nation. Es handelt von großen Hoffnungen, übertriebenem Hype - und amateurhaften Strukturen. Der belgische Fußball-Verband wird geführt von Francois de Keersmaecker, einem Juristen und geschicktem Verhandler, der immerhin für den Advocaat-Coup verantwortlich zeichnete.

Ansonsten jedoch sei de Keersmaecker "sehr schwach. Er arbeitet unglaublich viel, den Mangel an Kompetenz kann er so aber nicht kompensieren. Er hat einfach keine Ahnung vom Fußball, er kommt eben aus der Verwaltung", so Vandewalle, der demnach die größte Hoffnung in Advocaat setzt.

"Nicht jedes Talent wird zum Star werden, aber in zwei, drei Jahren könnten wir wieder etwas zu melden haben. Vielleicht werden wir nicht bei jeder WM und EM dabei sein, aber so schlecht wie die letzten Jahre wird es nicht mehr laufen."

Die richtige Hymne in den Rekorder zu stecken, wäre schon mal ein Anfang.

Der Kader der belgischen Nationalmannschaft

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