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Atalanta-Star Robin Gosens: Desaster beim BVB, mit 1,5 Promille entdeckt und bald Champions League?

Von Oliver Maywurm

Robin Gosens wird erst mit 18 entdeckt - nur wenige Stunden, nachdem er die Disko verlassen hatte. Heute spielt er im italienischen Pokalfinale gegen Lazio Rom (20.45 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER) - und bald CL?

Anpfiff. A-Junioren-Niederrheinliga, Saison 2011/12. Der Platz: ein besserer Acker irgendwo in Kleve, einem 50.000-Einwohnerstädtchen in der tiefsten Provinz, direkt an der Grenze zu Holland. Die U19 des VfL Rhede ist heute zu Gast. Und mit ihr Robin Gosens. Seine Knie sind noch ein bisschen wackelig, allerdings nicht, weil er nervös ist. Vielmehr, weil er vor ein paar Stunden noch die letzte Runde in der Dorfdisko bestellt hat. Die Alkoholfahne riecht man auf mehrere Meter Abstand.

"Wir sind nach zwei, drei Stündchen Schlaf mit 1,5 Promille aufgestanden, haben uns in den Bus gesetzt und sind zum Auswärtsspiel gefahren", erinnert sich Gosens bei DAZN. 11Freunde sagte er mal: "Es war eine der Nächte, in denen wir mehr oder weniger direkt aus dem "Blues" zum Treffpunkt gestolpert sind." Das Blues war eben jene Dorfdisko in Rhede, etwas weiter entfernt von der Grenze als Kleve, aber noch einmal deutlich kleiner. Und damals, mit 18, so etwas wie der Lebensmittelpunkt von Gosens und seinen Kumpels.

Gosens: "Freitag raus, Samstag raus, die Nächte durchzelebriert"

Freitagsabends fuhr er immer aus seinem Heimatörtchen Elten ins benachbarte Rhede, verbrachte das komplette Wochenende mit seinen Freunden. "Freitag raus, Samstag raus, die Nächte durchzelebriert", sagt er. Im Keller von Teamkollege "Buggi" wurde vorgeglüht.

"Zu der Zeit trillerten wir immer den gleichen Song: 'Kama Ahava'. Ich weiß gar nicht, von wem der ist, aber der Text geht nur so: 'Kama, Kama Ahava!' Der letzte Schwachsinn, aber wir haben dieses Lied übertrieben gefeiert. Irgendwann fuhren wir dann alle zusammen mit den Fahrrädern zum Blues. Wunderbare Nächte."

Nach einer jener Nächte stand das Spiel in Kleve an. Eigentlich ein ganz gewöhnliches. Aber im Nachhinein das Spiel, das Gosens' Leben auf den Weg führen sollte, den der heute 24-Jährige mittlerweile so erfolgreich geht. Seit 2017 spielt der deutsch-holländische Außenbahnspieler für Atalanta Bergamo in der Serie A, ist Stammspieler als linker Offensiv-Verteidiger im 3-5-2, trifft auf Megastars wie Cristiano Ronaldo oder Lorenzo Insigne, könnte kommende Saison mit Atalanta Champions League spielen. Und träumt davon, gegen Lazio die Coppa Italia zu gewinnen.

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Robin Gosens könnte künftig in der Champions League spielen.

Robin Gosens: Zufällig von Vitesse-Scout entdeckt

Abpfiff in Kleve. Bei 0,0 Promille ist Gosens, dessen Vater Holländer ist, auch jetzt noch nicht angelangt, als ihn ein fremder Mann in Trainingsjacke anspricht. Es ist ein Scout vom holländischen Erstligisten Vitesse, der die 40 Kilometer aus Arnheim über die Grenze gefahren war und sich unter die vereinzelten Zuschauer gemischt hatte. Was er sah, war vor allem ein überragender Robin Gosens.

"Aus heutiger Sicht ist das für mich fast unvorstellbar. Aber vom Anstoß weg habe ich die Sterne vom Himmel gespielt. Ich schoss ein Tor selber, ich bereitete weitere Tore vor, im Prinzip gelang mir alles", blickt er zurück und erklärt: "Buggi (einer seiner Teamkollegen, d. Red.) und ich hatten stets das Gefühl: Je länger wir unterwegs waren, desto besser lief es auf dem Platz."

Der Scout von Vitesse war eigentlich wegen eines anderen Spielers gekommen. Nach den 90 Minuten interessierte er sich aber nur noch für Gosens. Und dem schlackerten die Knie nun vor Nervosität. "Ich wollte eigentlich überhaupt nichts sagen. Mir wurde ganz heiß. Weil ich Angst hatte, dass er meine Fahne riechen würde. Ich hielt mir also die Hand vor den Mund."

Sollte der Scout doch etwas gerochen haben, war es ihm offensichtlich egal. Er lud Gosens zum Vorspielen nach Arnheim ein - und auch dort überzeugte er prompt: "Direkt nach dem Probetraining sagte der U19-Trainer: 'Ich muss dich haben. Unbedingt'."

Gosens sagte zu, nahm das Angebot an. Obwohl er eigentlich Polizist werden wollte, sich kurz vor der Offerte von Vitesse bereits für den höheren Dienst beworben hatte und praktisch angenommen war. Seine Mutter war daher auch dagegen, plötzlich auf die Karte Fußball zu setzen. Sein Vater dagegen riet ihm dazu, seinen Traum vom Profi zu verfolgen.

Robin Gosens lernte am Lenkrad

Gosens saß zwischen den Stühlen, schaffte aber trotz widriger Umstände wegen des Pendelns nach Holland einen Abischnitt von 2,0. "Ich lernte beispielsweise im Auto", erzählt er. "Oft stand ich auf dem Rückweg von Arnheim nach Deutschland im Stau. Dann legte ich meine Unterlagen aufs Lenkrad und ging den Stoff durch."

Sportlich lernte er indes extrem schnell. Und obwohl er zuvor noch nie unter professionellen Bedingungen trainiert hatte, Nachwuchsleistungszentren nur vom Hörensagen kannte, entwickelte er sich rasant. Nach einem Jahr in der U19 schaffte er den Sprung in die U23 von Vitesse, kurz darauf, schon mit 19, machte ihn der aktuelle Leverkusen-Trainer Peter Bosz zum Profi. "Auf einmal flog ich ins Trainingslager nach Abu Dhabi. Kurze Zeit zuvor hatte ich noch auf Asche gespielt. Es war komplett abgefahren."

Bosz erkannte in Gosens, der sonst eher im zentralen Mittelfeld als Achter agiert hatte, das Potenzial, Linksverteidiger auf höchstem Niveau zu spielen. Auf Geheiß von Bosz wurde er daher in Vitesses U23 links hinten aufgestellt, empfahl sich Anfang 2014 für eine Leihe zum Zweitligisten Dordrecht, wo er auf Anhieb Stammkraft wurde. Nach eineinhalb Jahren dort kehrte er nur kurz zurück zu Vitesse, wurde im Sommer 2015 an Heracles Almelo verkauft - und war plötzlich, nur rund drei Jahre nach dem Promillespiel mit Rhedes A-Jugend in Kleve, Leistungsträger in der Eredivisie.

Papa Gosens: "Man kann es immer noch nicht begreifen"

Dass Gosens mittlerweile schon seit zwei Jahren auch die Serie A aufmischt, ist für seinen Papa Holger immer noch surreal: "Wir haben nie damit gerechnet. Und es war ja purer Zufall, dass es überhaupt dazu gekommen ist", sagte er dem Lokalsender Studio 47. "Wir waren bis in die A-Jugend nur auf Provinzplätzen unterwegs. Man kann es immer noch nicht begreifen."

Gosens macht seine Sache in Bergamo sogar so gut, dass er in den vergangenen Transferperioden immer mal wieder mit einem Wechsel zu Borussia Dortmund in Verbindung gebracht wurde. Ausgerechnet zum BVB, wo ihm im ersten A-Jugendjahr ein Probetraining eigentlich alle Hoffnungen auf eine Profikarriere hätte nehmen müssen.

"Ich bin damals mit meinem Vater dorthin gefahren und habe eine Einheit absolviert. Aber nicht wirklich mit denen zusammen", sagte er zuletzt lachend der ARD und sprach rückblickend von einem Desaster. "Weil ich nicht im Ansatz bereit dafür war, was da abging. Die haben irgendwelche Koordinationsleitern durchlaufen, die ich bis dato noch nie in meinem Leben gesehen hatte. In Rhede hatten wir immer nur ein Eck aufgemacht, ein bisschen Torschuss und dann Abschlussspiel."

Robin Gosens macht Nägeln mit Köpfen

Auch bei den Passformen fiel Gosens negativ auf, ganz schlimm sei es bei einem taktischen Elf gegen Elf über den ganzen Platz gelaufen. "Ich wurde überrannt", sagte er bei 11Freunde. "Ich habe mich die ganze Zeit hilflos umgeguckt und hatte keinen Schimmer, wo ich hinlaufen soll. Unter dem Strich ein Fiasko." Ohnehin sei er bis zur B-Jugend selbst in Rhede nie ein besonders auffälliger Spieler gewesen. Das hatte sich zwar geändert, zuhause war er mittlerweile "ein kleiner Star. Aber dort, in Dortmund, war ich ein Niemand."

Mit einem Wechsel zum BVB wurde es also nichts. Gut, dass nur wenige Wochen später der Scout aus Arnheim vorbeikam. Und irgendwie auch gut für Gosens, dass sein damaliger Berater im Sommer 2017 ohne sein Wissen die Unterschrift bei Atalanta einfädelte. "Während mein Berater in Bergamo war, flog ich mit den Jungs von Almelo auf Abschlussfahrt nach Mallorca. Am zweiten Tag stand ich in Badehose am Strand, plötzlich klingelte mein Telefon. Mein Berater sagte: 'Du musst jetzt sofort unterschreiben!'", erinnert sich Gosens.

Er selbst hatte noch kein einziges Gespräch mit den Verantwortlichen Atalantas geführt, der Berater sollte lediglich vorfühlen, ob tatsächlich ernsthaftes Interesse bestand. Doch er machte Nägeln mit Köpfen - vermutlich, weil ihm ein üppiges Beraterhonorar winkte.

Kurioser Atalanta-Wechsel: Gosens feuerte seinen Berater

Gosens legte auf, feuerte seinen Berater, wollte eigentlich auch nicht nach Bergamo wechseln, obwohl sich auch Almelo schon mit den Italienern über einen Transfer einig war. Doch ein paar Tage später erhielt er erneut einen Anruf: "Ein Mann sprach auf Italienisch, ich verstand kein Wort", sagt Gosens. "Irgendwann merkte er, dass ich ihm nicht folgen konnte, also sagte er: 'I give you wife!' Und dann telefonierte ich mit der englisch sprechenden Frau von Atalantas Sportchef. Der hatte mich persönlich angerufen, weil er von meinem Berater nichts mehr gehört hatte."

Gosens flog zum letzten Meisterschaftsspiel Atalantas ein, schaute sich alles an, verliebte sich in die Stadt und die Fans - und unterschrieb letztlich also doch noch.

Eine Entscheidung, die sich als goldrichtig erweisen sollte. Lediglich in der Mitte seiner ersten Saison musste er eine Phase überstehen, in der er wochenlang nicht spielte, in der Endphase der Spielzeit avancierte er endgültig zum Stammspieler, erzielte beim 2:1-Sieg über Torino im April 2018 sein erstes Serie-A-Tor. Trainer Gian Piero Gasperini setzt ihn stets als linken Außenbahnspieler in seinem 3-5-2-System ein, schätzt Gosens' herausragende Physis, seine Laufstärke, seine Geradlinigkeit und seine Flanken.

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Robin Gosens (Mi.) feiert mit seinem Trainer Gian Piero Gasperini.

Robin Gosens macht den nächsten Schritt

Seinen besonderen Werdegang sieht Gosens indes differenziert: "Wäre ich mit 14 schon in ein Internat gekommen und hätte dort meinen strikten Tagesablauf mit Fußball, Schule, Schlafen, Lernen gehabt, würde ich mich jetzt mit 24 wahrscheinlich fragen: 'Und wo ist meine Jugend geblieben?' Daher bin ich extrem froh, dass ich auf diesem Weg Profi geworden bin", betont er bei DAZN.

Gleichzeitig sagt er aber auch: "Ich fühle mich schon so, als hätte ich etwas nachzuholen, weil ich diese Zeit in einer Akademie eben nie hatte. Deshalb bin ich auch der Erste, der zum Training kommt und der Letzte, der geht. Ich muss viel an mir arbeiten, um das aufzuholen, was andere vielleicht schon mit zwölf Jahren hatten."

In dieser Saison hat Gosens trotz einer Verletzung in der Vorbereitung letzten Sommer den nächsten Schritt gemacht. In 33 Pflichtspielen stand er für Atalanta auf dem Rasen, sein Team rangiert aktuell auf Platz vier, die Teilnahme an der Champions League in der kommenden Spielzeit ist zum Greifen nahe. Und am Mittwoch steht ja auch noch das Pokalfinale an.

"Alter, du spielst hier gerade gegen dein Kindheitsidol"

Für Gosens, der nur in der Provinz kickte, bis er 18 war, ein nie für möglich gehaltener Traum. Dass er kein normaler Profi ist, überrascht angesichts seiner Wurzeln irgendwie nicht. Gosens studiert nebenbei an einer Fern-Uni Psychologie, interessiert sich sehr für die Verhaltensweisen von Menschen aus verschiedenen Kulturen.

"An einem normalen Tag gehe ich um neun Uhr zum Fußball und bin um 15 Uhr wieder zu Hause. Dann habe ich noch einen halben Tag. Warum sollte ich mich vor die Xbox hocken und bis Mitternacht zocken?", fragt er im 11Freunde-Interview. "Da kann ich mich genauso gut noch zwei, drei Stunden bilden. Im besten Fall lebe ich ja nicht nur, bis ich 34 Jahre alt bin. Es gibt hoffentlich ein sehr langes Leben nach dem Fußball."

Bis die Zeit nach der Karriere kommt, steht aber ausschließlich der Fußball im Fokus. Und Duelle mit CR7 und Co., mit dem er sich im Hinspiel dieser Serie-A-Saison kurz nach Weihnachten gemeinsam warmlief, den Portugiesen dabei genau studierte und dessen Fokussierung bewunderte.

"Wir wurden dann fast zeitgleich eingewechselt und er war häufig auf meiner Seite. Ich habe mich natürlich auf mein Spiel konzentriert und musste Leistung bringen. Aber andererseits habe ich auch immer wieder gedacht: 'Alter, du spielst hier gerade gegen dein Kindheitsidol'. Das sind die Momente, in denen man noch gar nicht begreift, was man derzeit für ein Leben lebt", sagt Gosens und wirkt dabei ganz genau wie der 18-jährige Robin, der mit seinen Kumpels aus der Disko in den Bus zum Auswärtsspiel stolpert, das letzte Bier gefühlt noch in der Hand. Und sich Sorgen macht, dass man seine Fahne riechen könnte.

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