Niko Kovac beim FC Bayern München: Seine Trainingsführung und taktischen Ideen

Von Nino Duit

Donnerstag, 09.08.2018 | 08:15 Uhr
© getty

Beim Trainingslager am Tegernsee und den beiden Testspielen gegen Manchester United und den FC Rottach-Egern hatte der neue Trainer Niko Kovac bis auf Weltmeister Corentin Tolisso erstmals alle Spieler zur Verfügung. Dabei wurde deutlich, was er von ihnen erwartet.

Wäre es an diesem Montagmittag während des öffentlichen Trainings in Rottach-Egern am Tegernsee nicht so unglaublich heiß gewesen, dass man seine Hände für permanentes Schweißabwischen gebrauchen musste, hätte man ein kleines Experiment wagen können: Beide Hände vor die Augen halten und versuchen, durch das Gebrüll vom Rasen das Geschehen eben dort exakt nachzuvollziehen. Die Erfolgschancen wären hoch gewesen.

Während seine Spieler zwischen grünem Rasen und blauem Himmel umherhetzen, redete Niko Kovac nämlich fast permanent, manchmal schrie er auch. Er erklärte, kommentierte, tadelte, lobte oder peitschte ein. Und wenn er gerade Luft holte, dann erklärte, kommentierte, tadelte, lobte oder peitschte eben sein Bruder Robert ein.

Da lief etwa eine Trainingsform für Überzahlspiel auf engem Raum: Einer der beiden stand links neben dem abgesteckten Bereich, einer rechts - und die Spieler wurden von beiden Seiten beschallt. "Niko ist ein sehr fleißiger Arbeiter, der den Jungs viele Details erklärt", findet Sportdirektor Hasan Salihamidzic.

"Er hat eine andere Mentalität als seine Vorgänger", sagte Franck Ribery. Und der 35-jährige Franzose hat in seinen bisher elf Jahren beim FC Bayern schließlich schon einige Vertreter der Trainerspezies kennengelernt und somit beste Vergleichswerte: Ottmar Hitzfeld, Jürgen Klinsmann, Louis van Gaal, Jupp Heynckes, Pep Guardiola und Carlo Ancelotti. "Niko Kovac ist ein Motivator, liebt seinen Job und hat viel Energie", sagte Ribery.

Niko Kovacs Trainingsführung

Um 11 Uhr ließ Kovac seine Spieler am Montag auf den Platz kommen und zehn Minuten ballhochalten. Es folgte eine fünfminütige Ansprache im Mittelkreis. Dann 30 Minuten Lauf-, Aufwärm-, Stabilisations- und Sprintübungen unter der Aufsicht von Fitnesstrainer Thomas Wilhelmi. Währenddessen schlenderte Kovac über den Platz und beobachtete. Die Ärmel seines T-Shirts über die Schulter gekrempelt, den Bizeps freigelegt. Ein Band in jeder Hand: an einem baumelte eine Stoppuhr, an dem anderen eine Trillerpfeife. Ein Coach wie aus dem Bilderbuch.

Nach insgesamt 45 Minuten übernahm Kovac selbst das Kommando und mit ihm der Ball. Erst ein paar Pässe, dann Spielformen und zum Abschluss ein Trainingsmatch. Eine Stunde und 40 Minuten dauerte das Training - und das war für Kovacs Verhältnisse gar nicht mal lang. "Niko arbeitet im konditionellen Bereich anders als bei uns in den letzten Jahren gearbeitet wurde", erklärte Salihamidzic. Anders? Intensiver!

"Wir trainieren länger, als das viele bisher gewohnt waren", sagte Neuzugang Leon Goretzka. Teilweise zweimal täglich, jeweils weit über zwei Stunden. "Da kommt man am Tag auf fast sechs Stunden am Trainingsplatz. Aber es macht trotz der Dauer Spaß." Joshua Kimmich findet das Training "umfangreicher" als unter Kovacs Vorgängern. "Wir trainieren länger und es wird mehr auf die Ausdauer geachtet. Ich bin davon überzeugt, dass uns das während der Saison zu Gute kommen wird", sagte er nach dem 1:0-Testspielsieg gegen Manchester United.

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Niko Kovacs taktische Ideen

Bei diesem Testspiel war einerseits zu erkennen, wie sich Kovac als Bayern-Trainer an der Seitenlinie verhält: immer stehen, meist gestikulieren, oft coachen. Und auch, welche taktischen Schwerpunkte er von seiner Mannschaft erwartet. "Die Vorgabe unseres Trainers war, über die Außen zu Torchancen zu kommen und gutes Gegenpressing zu spielen. Das ist uns ganz gut gelungen", sagte Kimmich.

Gemeinsam mit Arjen Robben bildete er auf der rechten Seite ein Paar, auf der anderen harmonierten David Alaba und Franck Ribery. "Wir sind über die Außen immer relativ gut durchgekommen", sagte Kimmich. Fast 80 Prozent aller Bayern-Angriffe liefen über die Flügel. Der Treffer zum 1:0 durch Javi Martinez fiel aber nach einem Eckball. "Dem Trainer ist wichtig, dass wir Standardsituationen einstudieren", sagte Manuel Neuer und auch Thomas Müller erklärte, dass "wir auf Standards einen Fokus legen". Kovacs Vorgabe des Gegenpressings sah Müller gegen United ebenfalls erfüllt: "Unser Umschaltspiel nach Ballverlusten war exzellent."

Keine einzige ernsthafte Torchance ließ der FC Bayern zu - wobei United in dieser Verfassung nur ein bedingter Gradmesser war: Das Team von Jose Mourinho wirkte etwa so lethargisch und uninspiriert wie eine Mannschaft beim Videospiel FIFA, die von einem Spieler mit defektem Controller gesteuert wird. Aber trotzdem: "Die defensive Absicherung war richtig gut. Letztes Jahr war es in vielen Spielen ein Problem, dass wir oft in Unterzahl standen", sagte Niklas Süle. "Daran haben wir viel gearbeitet."

Dass daran gearbeitet werden musste, hatte übrigens Kovac selbst offengelegt und zwar bereits vor seinem Amtsantritt beim FC Bayern. Beim DFB-Pokalfinale, seinem letzten Spiel als Trainer von Eintracht Frankfurt, ließ er seine künftige Mannschaft aus einer gesicherten Defensive heraus brachial auskontern.

So etwas sollte mit einer von ihm trainierten Mannschaft niemals passieren und das wusste Kovac schon bei seiner Station als Co-Trainer von Red Bull Salzburg anfangs des Jahrzehnts. Sein damaliger Chef Ricardo Moniz erinnerte sich kürzlich im SPOX-Interview an Kovacs Worte: "Eine Sache war ihm trotz allem ganz wichtig und die hat er stets wiederholt: 'Ich brauche immer einen Sechser! Ich brauche immer Absicherung!'"

FC Bayern: Mannschaftsvereinigung am Tegernsee

Gegen United und den FC Rottach-Egern erfüllte diese Aufgabe im 4-3-3-System jeweils Javi Martinez - beim Trainingslager am Tegernsee bekam Kovac aber auch einen Eindruck von fast allen anderen Kandidaten. Während bei der USA-Reise die WM-Teilnehmer noch fehlten, sind jetzt alle Spieler bis auf Weltmeister Corentin Tolisso zusammen: von A wie Alaba bis W wie Wagner. Z wie Zirkzee wirkt genau wie die anderen Jugendspieler, die sich in den USA zeigen durften, nicht mehr mit.

21 Weltklassespieler hat Kovac nach eigener Aussage in seinem Kader. Zwischen Bergpanorama und kristallklarem See kamen sie erstmals intensiv in Kontakt mit seinen Ideen: Ausdauer, Flügelspiel, Gegenpressing, Standards, Absicherung.

FC Bayern München: Neuzugänge im Sommer 2018

SpielerAbgebender VereinAblöse
Leon GoretzkaFC Schalke 04ablösefrei
Renato SanchesSwansea CityLeih-Ende
Serge GnabryTSG HoffenheimLeih-Ende

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