FC Bayern: Jupp Heynckes als Interimstrainer - Hoeneß setzt sich durch

Die Hoeneß-Lösung

Von Jochen Rabe

Donnerstag, 05.10.2017 | 08:28 Uhr
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Der FC Bayern München sorgt für einen Paukenschlag: Übereinstimmenden Medienberichten zufolge übernimmt Jupp Heynckes als Interimstrainer bis Saisonende. Mit der Entscheidung für eine Übergangsvariante mit einem Elder Statesman und gegen eine sofortige Langzeitlösung mit Thomas Tuchel setzt sich Uli Hoeneß im internen Machtkampf mit Karl-Heinz Rummenigge durch. Der Umbruch des Rekordmeisters ist damit aufgeschoben - im kommenden Sommer steht jedoch wohl der radikalste Umbruch bevor, der möglich war.

"Ich tue das für den FC Bayern, der mir das Sprungbrett in den internationalen Fußball gegeben hat, und aus Freundschaft zu Uli Hoeneß." April 2009. Jupp Heynckes übernimmt als Interimstrainer beim FC Bayern München, weil Jürgen Klinsmann nach nicht einmal einer Saison gescheitert ist. Der zu dieser Zeit 64-Jährige unterschreibt als Freundschaftsdienst für seinen langjährigen Freund Uli Hoeneß und geht in seine zweite Amtszeit an der Säbener Straße.

"Ich war bereits zweimal Trainer beim FC Bayern und habe dabei immer das Klima geschätzt, in dem dort gearbeitet wird." März 2011. Der Rekordmeister gibt bekannt, dass Jupp Heynckes nach der Trennung vom schwierigen Charakter Louis van Gaal im kommenden Sommer als Dauerlösung etabliert wird. Ein Freund kehrt zu seiner "großen Liebe" zurück und soll diese mit einem Zweijahresvertrag zurück in Europas Spitze führen.

"Ich bin überzeugt, dass wir mit Jupp Heynckes eine erfolgreiche Zusammenarbeit haben werden", prophezeit der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge zu dem Deal. Zwei Jahre später gewinnt der FC Bayern das Triple und Heynckes tritt ab. Auf dem Höhepunkt, im Olymp, als 68 Jahre alte Trainerlegende.

Die Bundesliga-Trainer der Bayern

Heynckes-Rückkehr beim FC Bayern

Oktober 2017. An einem späten Mittwochabend vermelden verschiedene Medien übereinstimmend, dass der Rekordmeister Jupp Heynckes aus dem Ruhestand holt. Die Nachricht ist ein Paukenschlag, hat sich der inzwischen 72-Jährige doch seit seinem Vertragsende im Sommer 2013 weitgehend zurückgezogen. Kaum Auftritte als Experte, wenig Rampenlicht, nur seltene Interviews. Nichts deutete auf eine Rückkehr hin.

Nun scheint es also tatsächlich zu seiner vierten Amtszeit zu kommen.

Mit der mutmaßlichen Verpflichtung des Triple-Trainers von 2013 setzt sich Präsident Uli Hoeneß im internen Machtkampf gegen Karl-Heinz Rummenigge durch.

Hoeneß und Rummenigge im Machtkampf

Seit Hoeneß' Rückkehr ins Präsidentenamt haben die beiden Macher "noch nicht wieder geheiratet" (Rummenigge) und sind in entscheidenden Fragen immer wieder konträr gegangen. Ob bei der Bewertung der vergangenen Saison mit "nur" der Meisterschaft, beim Verhältnis zwischen Internationalisierung und heimatlicher Verwurzelung, bei der Einordnung der Asienreise im Sommer, der Reaktion auf das umstrittene Interview von Robert Lewandowski oder dem Umgang mit der Trennung von Carlo Ancelotti.

Oder jüngst eben bei der Suche nach einem Nachfolger für den Italiener: Hoeneß galt als Befürworter einer Übergangslösung - im Idealfall mit Stallgeruch - bis zum Sommer, um dann möglichst Julian Nagelsmann von der TSG Hoffenheim zu verpflichten. Rummenigge dagegen präferierte dem Vernehmen nach eine sofortige Langzeitlösung mit einem Engagement des derzeit vereinslosen Thomas Tuchel. Gespräche mit dem ehemaligen BVB-Trainer fanden auch statt, das ist verbrieft.

Es lief auf eine Grundsatzentscheidung zwischen Übergangssaison mit langfristigem Neuaufbau und sofortiger Revolution hinaus. Hoeneß hat sich mit dem nun mutmaßlichen Resultat erstmals seit seiner Rückkehr in einer entscheidenden Frage, nämlich bei der Besetzung der sportlich wichtigsten Position im Verein, durchgesetzt. Nachhaltig, mit Ausrufezeichen.

Für Hoeneß zählt nicht nur maschineller sportlicher Erfolg. Werte wie Wärme, Volksnähe und Identifikation sind ihm für "seinen" FC Bayern mindestens genauso wichtig.

Watzke trat gegen Tuchel nach

Rummenigge-Kandidat Tuchel ist sportlich über jeden Zweifel erhaben, gilt jedoch als kompliziert. Borussia Dortmunds Vorstandsvorsitzender Hans-Joachim Watzke formulierte nach der Trennung: "Es geht bei der Wahrnehmung von Führungsverantwortung nicht ausschließlich um das Ergebnis. Es geht immer auch um grundlegende Werte wie Vertrauen, Respekt, Team- und Kommunikationsfähigkeit, um Authentizität und Identifikation. Es geht um Verlässlichkeit und Loyalität." Worte, die auch von Hoeneß hätten stammen können.

Ob dies tatsächlich der ausschlaggebende Punkt für den Rekordmeister war, sich gegen eine sofortige Verpflichtung Tuchels zu entscheiden, ist Spekulation.

Fakt ist jedoch: Heynckes ist von seinem Profil deutlich eher der Trainer, den Hoeneß in der derzeitigen Situation gesucht hat. Er ist die Hoeneß-Lösung. Oder zumindest Teil eins davon.

Die Bayern setzen offenbar darauf, aus der aktuellen Saison, aus dem aktuellen Kader noch das Maximale herauszuholen und erst im Sommer einen Neuanfang zu starten. Dann, wenn womöglich weitere Stützen wie Franck Ribery und Arjen Robben wegbrechen.

Heynckes und die Teamchemie

Zwar ist der 72-Jährige seit viereinhalb Jahren aus dem Trainergeschäft raus. Allerdings tritt er als Elder Statesman von der Art des Auftretens eher in die Fußstapfen des kürzlich geschassten Ancelotti.

Heynckes kann den grundsätzlichen Stil des Italieners weiterführen, hat jedoch ein ungleich höheres Standing in der Mannschaft und der Öffentlichkeit. Die Risse innerhalb des Teams, der "Feind im eigenen Bett" waren nach der Problem-Analyse wohl einer der wichtigsten Anknüpfungspunkte für den Verein bei seiner Trainersuche.

Das Hauptargument für eine Tuchel-Verpflichtung wäre die sportliche Kompetenz und die taktische Flexibilität gewesen. Er wäre eine Lösung im Guardiola-Erbe. Seine bisweilen komplexen Ideen zu implementieren, hätte jedoch Zeit gebraucht, während er den Draht zur Mannschaft erst aufbauen müsste, das Chemie-Problem also womöglich weiter bestünde. Zumal mit Mats Hummels einer der Führungsspieler nicht gut auf ihn zu sprechen ist.

Das Hauptargument für Heynckes dagegen ist seine Persönlichkeit. Zu den Spielern pflegte er immer ein gutes Verhältnis. Neun Akteure im aktuellen Kader kennt er bereits aus seiner dritten Amtszeit, gewann mit ihnen das Triple. Darunter die zuletzt unzufriedenen Ribery, Robben und Boateng sowie die seit geraumer Zeit formschwachen Alaba und Müller. Dazu arbeitete er mit Arturo Vidal in Bayer Leverkusen zusammen und formte diesen zum internationalen Star. Seine Spanischkenntnisse erleichtern ihm auch den Aufbau einer Beziehung zu Thiago, James Rodriguez oder Juan Bernat.

Einen Großteil der mannschaftlichen Stützen, der großen Egos, wird er direkt hinter sich wissen. Zudem genießt er spätestens seit dem Triple-Gewinn 2013 einen guten Ruf bei den Fans.

Für Heynckes selbst stellt sich die Frage nach der Beschmutzung seines Denkmals nicht, die Erfolge der Vergangenheit könnte ihm auch eine unglückliche Halbsaison nicht nehmen.

FIFA 18: So gut sind die Bayern-Spieler

Kein Bayern-Umbruch inmitten der Saison

Eine Garantie, dass die Maßnahme eine historisch-erfolgreiche Saison garantiert und nicht eben diese unglückliche Halbsaison eintritt, haben die Bayern freilich nicht. Nach einer Woche Überlegung und Analysen entschieden sie sich jedoch offenbar dafür, den Umbruch nicht inmitten der Spielzeit zu wagen, da dieser die Wahrscheinlichkeit einer historisch-erfolgreichen Saison wohl deutlich verringern würde.

Der Umbruch allerdings ist dadurch nicht aufgehoben, sondern aufgeschoben. Bis zum Sommer. Und dann könnte es den größtmöglichen aller Umbrüche geben. Dann nämlich, wenn Hoeneß einmal mehr seinen Willen durchsetzt und es schafft, Nagelsmann aus Hoffenheim loszueisen.

Es wäre eine für den FC Bayern seit dem Klinsmann-Experiment untypisch progressive Entscheidung. Er wäre dann der jüngste Trainer der Vereinsgeschichte, der bislang kaum über internationale Erfahrung verfügt und noch nie mit absoluten Megastars zusammenarbeitete. Doch es wäre die Entscheidung für einen Trainer, der sich bereits jetzt mit dem Klub identifiziert, sich menschennäher gibt als etwa Tuchel und das Potenzial hat, eine der kommenden großen Nummern im deutschen Fußball zu werden. Eine Verpflichtung wäre der Versuch, einen zweiten Fall Jürgen Klopp zu vermeiden, gegen den sich der Verein einst entschied und der dann beim BVB durchstartete.

Und eine Verpflichtung wäre ein weiterer Fall, in dem sich Hoeneß mit seinen Ideen durchsetzt. Eine weitere Hoeneß-Lösung.

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