Exotischer Wachhund mit Gelbsucht

Von Frank Oschwald

Montag, 17.07.2017 | 14:59 Uhr
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Der VfL Wolfsburg setzt nach dem Abgang von Luiz Gustavo im defensiven Mittelfeld auf Ignacio Camacho. Rund zehn Millionen Euro überwies der VfL für ihn nach Malaga. Dort war der 27-Jährige unangefochtener Stammspieler und Kapitän. Vor allem die aggressive Spielweise gilt als das Markenzeichen des Spaniers.

Eigentlich waren sich bereits alle Parteien einig. Der VfL Wolfsburg mit dem FC Malaga. Ignacio Camacho mit dem VfL Wolfsburg. Und Ignacio Camacho mit dem FC Malaga. Dennoch mussten die Verantwortlichen der Wölfe vor der offiziellen Vorstellung noch mal zum Hörer greifen. Ausgerechnet die abgewanderte Vereinslegende Marcel Schäfer sollte jenseits des Atlantiks seinen Segen geben.

Es ging dabei jedoch weniger um eine generelle Einschätzung zu sportlichen Details als vielmehr um eine scheinbare Nebensache. Ignacio Camacho sollte beim VfL Wolfsburg die Nummer vier bekommen. Die Nummer, die ein ganzes Jahrzehnt lediglich auf dem Rücken von Schäfer prangte.

"Es war das Erste, was mir Sportdirektor Olaf Rebbe gesagt hat. Ich fühle mich sehr geehrt und bin dankbar, dass ich diese Nummer bekommen habe", erklärte Camacho bei der offiziellen Vorstellung in professioneller Manier. Schäfer gab grünes Licht, verknüpfte die Erlaubnis allerdings augenzwinkernd mit einer Warnung: "Was er noch nicht weiß: Die Nummer verpflichtet ihn, dem VfL Wolfsburg zehn Jahre die Treue zu halten", schrieb der 33-Jährige auf Facebook.

Camacho als Opfer des Scheichs

Es ist gut möglich, dass Camacho bis vor wenigen Tagen den Namen Marcel Schäfer noch nie gehört hatte. Entsprechend egal wird es ihm sein, ob er Schäfers Nummer vier oder Ashkan Dejagahs Nummer 25 trägt. Doch das muss ja niemand wissen. Und Camacho ist Profi genug, um solche Aussagen gekonnt in den Nebel zu lenken, ohne dabei jemandem auf den Schlips zu treten. Schließlich prägte auch der Spanier eine Ära bei seinem Klub.

getty
Ignacio Camacho absolvierte 2014 gegen Deutschland sein letztes Länderspiel für Spanien

Nachdem dem 27-Jährigen bei seinem Ausbildungsverein Atletico Madrid der Durchbruch nicht gelang, schloss er sich im Januar 2011 dem FC Malaga an. Dort entwickelte sich über die Jahre eine lange Liebesbeziehung. Eine Liebesbeziehung mit Startschwierigkeiten. Denn lediglich ein halbes Jahr nach seinem Wechsel nach Andalusien machte Malagas Scheich Al Thani die Geldschatulle auf und ließ die Verantwortlichen auf große Shoppingtour gehen.

Santi Cazorla, Jeremy Toulalan, Nacho Monreal, Isco, Diego Buonanotte, Joaquin und Ruud van Nistelrooy wurden kurzerhand vor der Saison 2011/12 nach Malaga gelockt. Es sei nur eine Frage der Zeit, so war damals zu hören, dass Real und Barca endgültig fällig sind. Zumindest grob schien der Plan zu funktionieren. Direkt in der ersten Saison schloss Malaga auf Rang vier ab und qualifizierte sich die Champions League. Camacho blieb jedoch auf der Strecke und machte lediglich 13 Spiele in der Liga.

Camacho: Meiste Ballaktionen und Pässe

Doch ein Jahr später verlor der Scheich die Lust an seinem Hobby und stellte Hals über Kopf seine finanzielle Unterstützung ein. Zahlreiche Spieler mussten verkauft werden, um den Bankrott zu vermeiden. Camacho nutzte die Chance und etablierte sich als zentraler Spieler im neuen Konstrukt. Knapp 200 Spiele und die Ernennung zum Kapitän folgten.

Alleine an den Zahlen der letzten Saison lässt sich Camachos Einfluss auf das Spiel der Boquerones gut erkennen. Der Spanier hatte in seinem Team laut Opta mit Abstand die meisten Ballaktionen (71 pro 90 Minuten) und spielte auch die klar meisten Pässe (1880). Hinzu kommen 40 Torschüsse. Obwohl der 27-Jährige im defensiven Mittelfeld angesiedelt ist, kommen nur drei Teamkollegen auf einen höheren Wert.

Meiste Platzverweise: Die Rekordsünder der Bundesliga

"Er hat ganz viele Elemente, die wir uns auch auf die Fahne schreiben. Er zeigt Leidenschaft auf dem Platz und ist ein Arbeiter, spielt aber auch einen gepflegten Ball", beschreibt Rebbe den Neuzugang. Neben dem VfL sollen auch zahlreiche andere Klubs aus Europa die Angel nach ihm ausgeworfen haben. Doch vor allem die Beharrlichkeit der Wölfe habe den Ausschlag für die Niedersachsen gegeben.

VfL Wolfsburg: Rolle klar definiert

"Sie haben mir von Anfang an gesagt, dass sie mich hundertprozentig wollen. Sie haben nie aufgegeben, obwohl es schwer war. Auch jetzt spüre ich das Vertrauen, der Klub kümmert sich sehr gut um mich und meine Familie", erklärte Camacho seine Entscheidung pro VfL. Die Rolle, die für ihn bei den Wölfen reserviert ist, ist bereits jetzt recht klar definiert.

Im 4-2-3-1 soll der 27-Jährige im defensiven Mittelfeld möglichst schnell Dreh- und Angelpunkt werden und an der Seite von Josuha Guilavogui, Riechedly Bazoer oder Maxi Arnold den abgewanderten Luiz Gustavo (Olympique Marseille) vergessen machen.

Für die Glanzpunkte wird er dennoch vermutlich nicht sorgen. Camacho ist weder ein Künstler, der mit zahlreichen Tricks großen Zirkus veranstaltet, noch der große Athlet. Der Spanier gilt vielmehr als unermüdlicher und knallharter Abräumer. Einer, der auch mal zulangen kann, ohne dabei unfair zu werden.

Wie ein aggressiver Wachhund kreist er stets um den eigenen Strafraum und stürmt dann oft überfallartig auf den Gegner zu, wenn der Ball in seine Richtung kommt (105 Tacklings in der Saison 2016/17 - ligaweit auf Rang 9). "Ich will niemandem wehtun, es geht mir nur um den Ball. Den will ich immer haben", erklärt Camacho. Zwischen einem überhastetem Foul und der perfekten Grätsche liegen bei diesem Tempo jedoch meist nur wenige Hundertstel.

Ausgerechnet gegen Borussia Dortmund

Nur in der letzten Saison sah Camacho 15 Mal den Gelben Karton und belegte in diesem Ranking ligaweit Platz zwei hinter Gijons Fernando Amorebieta (17). Zum Vergleich: In der Bundesliga-Historie gab es mit Tomasz Hajto (16) und Stefan Effenberg (15) lediglich zwei Spieler, die - klar, bei vier Spielen weniger - auf einen ähnlichen Wert kamen.

"Ich bin sicherlich weniger filigran als andere Spanier. Meine Hauptaufgabe ist es, dem Gegner den Ball wegzunehmen. Dann aber muss ich ihn klug weiterpassen, damit der Ball in unseren Reihen bleibt," sagte Camacho im kicker: "Meine Art ist es, immer alles zu geben. Ich werde niemals aufgeben."

Im Tiki-Taka-Spanien war der 27-Jährige mit seiner körperbetonten Spielweise ähnlich wie Reals Casemiro ein Exot. Dass er sein Glück nun in einer anderen Liga versucht, ist deshalb ein nachvollziehbarer Schritt. "Ich bin gespannt auf den deutschen Fußball. Die deutsche Mentalität, Fußball zu spielen, mochte ich eigentlich schon immer, weil hier großen Wert auf Taktik und Spielordnung, gepaart mit Offensivfußball, gelegt wird", analysiert Camacho.

Am 19. August wird der Neuzugang vermutlich erstmals in der Liga auf dem Platz stehen. Dann tritt Wolfsburg am 1. Spieltag der neuen Saison gegen Dortmund an. Ausgerechnet, wird Camacho denken. Denn gegen den BVB erlebte er die schlimmste Stunde seiner sportlichen Karriere. Mit einem Bein stand er damals mit dem FC Malaga im Halbfinale der Champions League. Doch dann kam Felipe Santana ...

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