"Ich gehe jetzt halt öfter spazieren"

Martin Schmidt wurde am 17. Februar 2015 neuer Cheftrainer des 1. FSV Mainz 05
© getty

Der letzte Eintrag in der kuriosen Vita von Martin Schmidt (siehe Infokasten auf Seite 1) lautet: Bundesliga-Coach beim 1. FSV Mainz 05. Dabei wollte der Nachfolger von Kasper Hjulmand eigentlich nie Trainer werden. Im Interview spricht Schmidt zudem über eine entscheidende Begegnung mit seinem Förderer Thomas Tuchel, die großen Anlaufschwierigkeiten in Deutschland sowie die Problematik, als Person innerhalb der Blase Bundesliga Mensch zu bleiben.

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SPOX: Herr Schmidt, als Sie noch Trainer in der Schweiz beim unterklassigen FC Raron waren, wurden Sie von den Spielern "Treno" gerufen - eine Bezeichnung für einen kumpelhaften Coach. Wie kam das denn zustande?

Martin Schmidt: Ich war zwei Jahre lang Spieler in Raron, das letzte Jahr aufgrund eines Kreuzbandrisses aber fast durchgehend verletzt. Im Sommer 2001 hat mich der damalige Trainer gefragt, ob ich nicht sein Assistent werden wolle. Ich wäre ja eh immer da, ob ich verletzt bin oder nicht. Ich habe zugesagt und bin zwei Jahre später Cheftrainer geworden. Ich war also sehr eng in diesem Team drin und der Übergang vom Spieler zum Trainer war nahtlos. Daher "Treno", das Wort Coach gibt es in der Schweiz auch gar nicht. Die Spieler und der Präsident von damals schreiben mich heute immer noch so an.

SPOX: Gibt's das Treno auch in Mainz?

Schmidt: Nein.

SPOX: Wieso nicht?

Schmidt: Ich kam unter Thomas Tuchel als Ausbilder zur U23, wir haben damals den Altersschnitt des Teams dramatisch gesenkt. Dadurch wurde ich von den jungen Spielern schneller als Respektsperson gesehen. Jetzt bin ich zum Cheftrainer hochgepurzelt und trainiere auch einige Jungs, die ich schon damals unter meinen Fittichen hatte. Für die bin ich der Coach. Diese Rolle behagt mir auch: ich will nicht die absolute Autorität sein, sondern ein Chef, der nah an den Spielern dran und sozusagen einer von ihnen ist.

SPOX: In Raron waren Sie fünf Jahre lang der "Treno" und stiegen von der viert- in die dritthöchste Spielklasse der Schweiz auf. Musste man Sie dazu überreden, Trainer zu werden?

Schmidt: Das nicht. Ich war verletzt, wollte meine Zeit aber trotzdem am Fußballplatz verbringen. Der Einstieg als Assistent war daher ideal. Ich wollte aber nie Trainer sein - überhaupt nicht. Als ich noch Spieler war, kam der Verein auf uns zu und meinte, wir sollen doch ein paar Lizenzen machen, um unsere Jugendteams trainieren zu können. Ich sagte immer, dass ich diese Kurse nicht brauche. Ich wollte das einfach nicht. Als ich mit 35 Jahren Assistent wurde, hatte ich natürlich auch noch keinen Trainerschein.

SPOX: Als Sie später Cheftrainer wurden, hatten Sie die nötigen Scheine aber in der Tasche?

Schmidt: Nein, meinen ersten Schein habe ich erst ein Jahr später gemacht. Das war immer mein Problem: Ich hinkte ständig den Lizenzen hinterher. (lacht) Als Trainer hatte ich auf all meinen drei Stationen immer einen Status, für den ich Schein X gebraucht hätte - und musste den dann erst nachholen. Beim Schweizer Fußballverband zählte es aber schon, wenn man sich nur für den Kurs einschrieb. Dann konnte man nebenbei das Training leiten.

SPOX: Wenn Sie es sich als Spieler nicht vorstellen konnten, wieso sind Sie dann doch Trainer geworden?

Schmidt: Das hat sich auch aufgrund der Schweizer Regeln so entwickelt: Wenn man einen Schein in der Tasche hat, muss man erst einmal zwei Jahre lang trainieren und darf dann den nächsten angehen. Es hört sich banal an, aber ich habe im Laufe der Zeit Feuer gefangen. Ich habe gemerkt, dass man vieles gemeinsam in einem Team erledigt und als Handwerkszeug auch alltägliche Dinge benötigt wie Sozialkompetenzen oder Psychologie. Dazu kann man bei den Einheiten auf dem Platz kreativ und erfinderisch sein.

SPOX: Zumal der Weg ja auch gestimmt hat, Sie waren mit all Ihren Mannschaften sportlich erfolgreich.

Schmidt: Das hat natürlich auch eine Rolle gespielt, klar. Ich bin in den sechs Jahren zwischen 2008 und 2014 mit drei verschiedenen Teams jeweils aufgestiegen. Man hat sich dadurch für den hohen Aufwand belohnt und Vertrauen in seine eigenen Stärken gewonnen. Es hat mir auch geholfen, mit dem 1900-Einwohner-Dorf Raron aufzusteigen. Dadurch ist man beim FC Thun, der damals mit der ersten Mannschaft in der Champions League spielte, auf mich aufmerksam geworden.

SPOX: Dort waren Sie zwei Jahre lang Trainer der U21. Bevor 2010 der Wechsel nach Mainz folgte, besiegten Sie im Jahr zuvor bei einem Jugendturnier in Ergenzingen im Finale die von Thomas Tuchel betreute A-Jugend des FSV mit 6:4 im Elfmeterschießen. Welche Erinnerungen haben Sie daran noch?

Schmidt: Sehr lebhafte. Thomas Tuchel hatte mich während des Turniers beobachtet. Wir schlugen mehrere Top-Teams, kamen ohne Gegentor ins Endspiel und spielten im damals noch unüblichen 3-5-2-System. Der Kontrast zu den Mainzern war einfach groß: die kamen mit dem Bus der Profimannschaft und hatten eine riesige Entourage mit dabei. Wir dagegen sind mit dem Zug nach Deutschland gefahren und haben dort einen Sechs-Sitzer-Bus angemietet, um die Materialien transportieren zu können. Wir sind dann jeden Tag mit diesem kleinen Bus rumgedüst, die Mainzer kamen mit dem Luxusliner. (lacht) Als mein Assistent und Physio nach zwei Tagen abreisen musste, war ich als Trainer, Pfleger und Betreuer alleine für alles verantwortlich.

SPOX: Und Tuchel sprach Sie dann irgendwann darauf an?

Schmidt: Das Finale fand vor 6000 Zuschauern statt und kurz vor Anpfiff gab es ein Interview mit uns beiden Trainern. Thomas flachste dann herum und meinte, wir hätten doch bestimmt unseren Kleinbus vor dem Tor geparkt, sonst wären wir niemals ohne Gegentor ins Endspiel eingezogen. So hat sich das aufgeschaukelt und mit einer lustigen Episode im Spiel fortgesetzt.

SPOX: Welcher?

Schmidt: Ich hatte zwei Torhüter mit dabei, die Nummer zwei war aber nur 1,77 Meter groß. Ich habe mit dem Team im Spaß verabredet, dass ich ihn zur zweiten Halbzeit einwechsele, sollten wir ins Finale kommen. Plötzlich waren wir im Finale, führten zur Pause 2:0 - und ich musste ihn bringen. Thomas hat mir im Nachhinein erzählt, dass er seinen Augen nicht traute und sein Team anwies, aus der Distanz zu schießen. So kamen die Mainzer zum 2:2, wir retteten uns ins Elfmeterschießen. Und dort hat der kleine Kerl dann drei Elfmeter gehalten und uns den Turniersieg beschert. (lacht)

SPOX: Das können aber nicht die Gründe gewesen sein, weswegen Tuchel Sie wenige Monate später als Bundesligacoach des FSV nach Mainz lotste.

Schmidt: Er hatte mich eben im Kopf, wir haben aber keine Kontaktdaten ausgetauscht. Thomas wurde ein paar Wochen nach dem Turnier plötzlich Trainer der Profis und hatte erst einmal genug zu tun. Während der Winterpause kamen sie beim FSV dann auf die Idee, die U23 wie gesagt anders aufstellen zu wollen und erinnerten sich an mich. Den ersten Kontakt gab es dann im März.

SPOX: Was wäre gewesen, wenn die U21 des FC Thun nicht für das Turnier in Ergenzingen gemeldet hätte?

Schmidt: Das Leben besteht aus Zufällen. Auch in Raron bin ich mehr oder weniger zufällig Assistent geworden. Als ich in Thun mit der U21 aufstieg, war ich bereits in der sportlichen Leitung integriert und diskutierte beispielsweise in Trainerfragen mit. Es gab also auch dort durchaus die Chance, eines Tages Chefcoach der ersten Mannschaft zu werden. In Thun wuchs mein Wunsch, einmal Profitrainer zu werden. Ob das ohne das Turnier in Ergenzingen geklappt hätte, kann ich Ihnen aber nicht vollständig beantworten.

SPOX: Auf einmal lebten Sie in Deutschland - nachdem Sie über 40 Jahre lang in Ihrer Schweizer Heimat zugegen waren. Wie groß war der Unterschied?

Schmidt: Deutschland war eine Art Kulturschock. Das ist nicht negativ gemeint, aber ich war eben die Berge, einen richtigen Winter und ambitioniertes Skifahren gewohnt. All dies fiel komplett weg. Und in erster Linie natürlich auch meine relativ große Familie. Ich bin in der Schweiz jeden Tag am Mittagstisch bei meinem Vater gesessen. Es war eine große Umstellung.

Seite 1: Schmidt über seine Unlust auf den Trainerjob und das Turnier gegen Tuchel

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