Am Tropf der Jugend

Von Stefan Rommel

Mittwoch, 17.07.2013 | 12:50 Uhr
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Wenn Vereine in finanzielle Schieflage geraten, greift der übliche Reflex: Das Tafelsilber wird verkauft, um der Insolvenz zu entgehen. Beim TSV 1860 München, Ajax Amsterdam und dem FC Porto spielt der Transfer für die Ideologie des Klubs eine entscheidende Rolle - und wird doch ganz unterschiedlich interpretiert.

Wie das alles anfing? Beim TSV 1860 München kann man sich nicht mehr so recht daran erinnern. Oder man will es nicht. Und vielleicht kann man das mit Sicherheit auch gar nicht mehr bestimmen. Was nichts daran ändert, dass in München-Giesing die Verhältnisse längst aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Verkaufen, um zu überleben

Qualität und Quantität ausgebildeter Spieler sind im deutschen Fußball in den letzten zehn Jahren längst zu einer aussagekräftigen Benchmark gewachsen. Die Zeiten, als die Jugendmannschaften ein Anhängsel der Profiabteilung waren, verbannt in eine Art Parallelwelt und strikt getrennt vom Profibetrieb, sind vorbei.

Das Umdenken vor einigen Jahren drosselte den Zustrom vor allen Dingen osteuropäischer Spieler in die deutschen Profiligen. Seitdem genießt die Ausbildung eigener Spieler eine andere Priorisierung. Im besten Fall nährt sich davon die erste Mannschaft, wird dem Profikader immer frisches Blut zugeführt, der letztlich den sportlichen Erfolg sicherstellen soll. Im schlechtesten Fall wird - unfreiwillig - produziert, um schlicht zu überleben. Wie beim TSV 1860.

Umkehrschwung an der Grünwalder Straße

Die Löwen sind ein Vorzeigebeispiel deutscher Nachwuchsausbildung. 14 aktuelle Bundesligaspieler entspringen dem Internat an der Grünwalder Straße, darunter die A-Nationalspieler Lars und Sven Bender, Marcel Schäfer und Christian Träsch. Die Löwen sind aber auch ein Beispiel dafür, wie man das wertvollste Kapital Jahr für Jahr ins Schaufenster stellen muss - um die Fehler auf anderen Gebieten zu kaschieren. Wie man keine Wahl hat, sondern handeln muss. Oder man meldet Insolvenz an.

Nimmt man die letzten 20 Jahre, hatte 1860 da in der ersten Hälfte nur drei Spielzeiten, in denen ein Transferüberschuss erzielt wurde. Sieben Mal gaben die Löwen aber mehr Geld aus, als sie durch Spielertransfers eingenommen hatten. In dem Zeitraum betrug das negative Transfersaldo 5,3 Millionen Euro.

Danach folgte die zwangsweise Abkehr, der Transferüberschuss aus den letzten elf Jahren betrug 19,4 Millionen Euro, in neun von zehn Spielzeiten wurde ein Plus auf dem Transfermarkt erzielt. Das alles, um die Bilanzen aufzubessern oder den Exitus zu verhindern. In einer derart markanten Ausprägung, gemessen am jeweiligen Marktwert der Mannschaft, bewegte sich in Deutschland kein anderer Profiklub in diesem Zeitraum.

DFB führt Ausbildungsentschädigung ein

Das Prädikat Ausbildungsverein sollte eigentlich die besondere Güte eines Klubs auf diesem Gebiet beschreiben. Letztlich ist es aber ein Indiz dafür, dass in anderen Bereichen nicht so erfolgreich gearbeitet wird. Der Ausbildungsverein kann nicht das Ende der Nahrungskette bilden. Er bewegt sich mittendrin, manchmal auch etwas weiter unten.

Der Deutsche Fußball Bund hat vor einigen Jahren auf ein Problem in den kleineren Ligen reagiert und die Ausbildungsentschädigung bei Transfers von Nicht-Lizenzspielern unter 23 Jahren geregelt. 50.000 Euro werden im Bereich der Bundesliga pro Verein fällig, die Hälfte bei einem Transfer der 2. Liga. Brotkrumen im Vergleich zu den Transfererlösen in sieben- oder achtstelliger Höhe im Spitzenbereich - für einen Amateurklub aber immerhin eine willkommene Zusatzeinnahme.

Selbst im Amateurbereich wurden verbindliche Zahlen festgelegt, um die Vereinswechsel selbst in den untersten Ligen finanziell zu entlohnen. Die Grundbeträge etwa beim Badischen Fußballverband lauten: Regionalliga 3750 Euro, Oberliga 2500 Euro, Verbandsliga 1500 Euro, Landesliga 750 Euro, Kreisliga 500 Euro, ab A-Klasse 250 Euro.

Wie ein ewiger Kreislauf

Der Transfer als lebenserhaltende Maßnahme ist kein Phänomen der Neuzeit. Vom Mannheimer Waldhof aus eroberten zahlreiche Spieler in den 80er Jahren die Bundesliga, später war der Karlsruher SC ein gern besuchter Einkaufsladen für die besser betuchten Klubs, ebenso wie die Stuttgarter Kickers, die zahllose Spieler zum großen VfB abgeben mussten.

Waldhof-Kickers-KSC von damals sind heute Hertha-Stuttgart-SCF. In Berlin und Stuttgart noch in einem anderen Maße und auf anderem Niveau als in Freiburg. Dort schickte Trainer Christian Streich in der abgelaufenen Bundesliga-Saison zehn Spieler ins Rennen, die in der eigenen Fußballschule ausgebildet wurden. Kein anderer Bundesligist hatte eine annähernd hohe Quote. Und kein anderer in der Sommerpause einen so immensen Aderlass zu verkraften.

Es ist der ewige Kreislauf aus Ausbildung, Verkauf und Refinanzierung, der Klubs wie Freiburg im Zirkel der Großen mitspielen lässt. Bricht eine Säule längerfristig ein, gerät das Konstrukt ins Wanken.

Bei Ajax Amsterdam kennt man das Szenario nur zu gut. Bryan Roy steht hinter der Arena in Amsterdam-Zuidoost und schaut auf die Geburtsstätte etlicher Stars, den Sportpark "De Toekomst".

"Wir haben viermal die Champions League gewonnen, sind Rekordmeister und -pokalsieger in Holland und trotzdem eine Art Ausbildungsverein. Normalerweise würde man dieses Phänomen der 'Mittel- und Unterschicht' der Klubs zuweisen, aber selbst auf unserem Niveau und trotz permanenter Teilnahme an der Champions League sind wir streng genommen nichts anderes."

Seite 2: Ajax und Porto als Vorbilder

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