Der Siegeszug der "englischen Krankheit"

Von SPOX/Andreas Renner
Eine Illustration von 1874, die die Aufmerksamkeit des Betrachters aufs "Dribbling" ziehen möchte
© Getty

Nie wurde in Deutschland soviel über Fußball-Taktik diskutiert wie heute. Doch woher kommen 4-4-2 und 4-2-3-1 und ballorientierte Raumdeckung? Gemeinsam mit Sky-Kommentator und SPOX-Blogger Andreas Renner haben wir versucht, der Sache auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist die SPOX-Themenwoche: Die Geschichte der Fußball-Taktik in acht Teilen.

Anzeige
Cookie-Einstellungen
Vor 20 Jahren wäre die Geschichte der Fußball-Taktik sicher kein Thema für die Medien gewesen. Damals war Taktik in Deutschland fast ein Schimpfwort. Bis heute halten sich alte Klischees: Wenn ein Fußballspiel Fahrt aufnimmt, dann liegt das daran, dass die "taktischen Fesseln gesprengt" werden.

Ein "von der Taktik geprägtes Spiel" ist langweilig. Und dass die Einstellung wichtiger ist als die Aufstellung, hört man immer wieder, wenn es um die taktische Grundordnung einer Mannschaft geht. Hm, wenn die Ordnung einer Mannschaft unwichtig ist, warum gibt man ihr dann eine? Na ja, weil es nämlich sehr wohl darauf ankommt, wer wo und wie spielt.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich aber auch in Deutschland die Erkenntnis durchgesetzt, dass Taktik wichtig ist. Und dass wir im taktischen Bereich Nachholbedarf hatten und haben. Und selten wurde auch von den Fans so intensiv über taktische Fragen diskutiert wie während der Fußball-EM 2008. Sollten Jogis Jungs im 4-4-2 spielen oder doch lieber im 4-2-3-1. Und was ist eigentlich der Unterschied?

SPOX geht dem Thema ausführlich auf den Grund. Denn die Geschichte der Fußball-Taktik ist schließlich auch die Geschichte des Sports an sich. Wozu das gut sein soll? Nun, jede taktische Innovation im Fußball baut logisch und konsequent auf dem auf, was vorher war. Um Zusammenhänge zu verstehen, muss man die historische Entwicklung kennen. Und die birgt durchaus überraschende Erkenntnisse.

Deshalb fangen wir ganz vorne an, als Fußball und Rugby noch ein und dasselbe waren. Wir werden sehen,...

...dass die Raumdeckung das erste Deckungssystem im Fußball war.

...dass das schnelle Spiel nach vorne aus den dreißiger Jahren stammt.

...dass die besten Trainer früher aus Ungarn kamen und die Brasilianer taktisch gar nicht so unbedarft waren.

...dass der Catenaccio von einem Argentinier geprägt wurde.

...dass Pressing schon in den 60ern "modern" war, und dass ein Schuhverkäufer die deutsche Fußballwelt ins Wanken brachte.

Doch genug der Vorrede: Los geht's mit dem 1. Teil der Geschichte der Fußball-Taktik.

Am Anfang war die Pyramide

Am Anfang war der Ball. Und sonst eigentlich nichts. Wobei, streng genommen war nicht einmal der Ball so, wie wir das heute gewohnt sind. Schließlich gab es keine festgeschriebenen Regeln. Deshalb waren weder die Größe des Spielfeldes, noch die Zahl der Spieler oder der Umfang und das Gewicht des Balls festgeschrieben. Am Anfang war Fußball eben noch nicht wirklich Fußball. Am Anfang war Fußball nämlich auch Rugby.

Und mit Anfang sind nicht irgendwelche mittelalterlichen Spiele gemeint, bei denen die Bewohner zweier Dörfer versuchten, ein ungefähr rundes Spielgerät durch die Stadttore des Gegners zu bugsieren.

Nein, der Anfang liegt im frühen 19. Jahrhundert, wo an Schulen und Universitäten ein Spiel betrieben wurde, das teils Fußball und teils Rugby war. Erst 1863 wurden nämlich Regeln für Fußball niedergeschrieben. Trotzdem gab es natürlich vorher schon Spiele. Und da jede Schule oder Uni ihre eigenen Regeln hatte, wurde meist einfach nach den Regeln des Heimteams gespielt.

Der entscheidende Anstoß zur Festschreibung einheitlicher Regeln war die Gründung des englischen Fußballverbands (Football Association, kurz: FA) im November 1863. Fünf Mal trafen sich die Herren, bevor sie sich einig waren, dass sie sich nicht einigen konnten. Und von da an gingen die einen ihres Weges und spielten Rugby. Und die anderen eben Fußball.

Streit ums Hacking: Hier geht's weiter