Vom Koma in die Königsklasse?

Von Nick Degner

Freitag, 10.11.2017 | 13:46 Uhr
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Robert Kubica galt bereits als kommender Formel-1-Weltmeister. Dann riss ihn ein Rallye-Unfall von einem Tag auf den anderen aus der Königsklasse des Motorsports und zerstörte eigentlich alle Träume. Doch jetzt, nach Jahren des Kampfes, könnte es doch noch mit einem Comeback in der Formel 1 klappen. Alle Hoffnungen ruhen auf Williams.

Runde 27 des Großen Preises von Kanada 2007. Robert Kubica fährt hinter Jarno Trulli auf die Haarnadel-Kurve des Circuit Gilles-Villeneuve zu. Im Windschatten setzt der Pole zum Überholen an. Trulli macht keine Anstalten, den BMW-Piloten vorbeizulassen. Und es passiert: Kubicas Nase berührt das Heck des Italieners, der BMW kommt bei Tempo 280 km/h aufs Gras und hebt kurzzeitig ab.

Ungebremst knallt Kubica mit seinem Boliden in die Mauer, prallt zurück auf die Strecke, überschlägt sich mehrmals und schlägt ein zweites Mal heftig gegen die Leitplanke. Erst in der Auslaufzone, auf der anderen Seite der Strecke, kommt der BMW auf die Seite gekippt zum Stillstand. Das Fahrzeug: komplett demoliert. Der Fahrer: regungslos im Auto. Binnen Sekunden rennen Erstversorger zum Wrack Kubicas.

Weil der damals 22-Jährige nicht reagiert, befürchten alle Beteiligten das Schlimmste, Erinnerungen an Ayrton Sennas Unglück werden wach. Doch ein paar Stunden später die große Erleichterung - Kubica bleibt bis auf einige Prellungen komplett unverletzt und kann bereits einen Tag später das Krankenhaus verlassen.

Erster Sieg in Kanada

Im folgenden Rennen in den USA setzte der Pole noch aus und verhalf so dem damaligen BMW-Testfahrer, einem gewissen Sebastian Vettel, unfreiwillig zu seinem Formel-1-Debüt. Nachdem Kubica schon einen Grand Prix später sein Comeback feierte, gewann er im Jahr darauf, ausgerechnet in Kanada, sein erstes und bisher letztes Rennen in der Königsklasse.

Warum es nicht mehr wurden: Der beschriebene Unfall in Montreal war der vielleicht spektakulärste, aber mit Gewissheit nicht der schlimmste in Kubicas Karriere. Denn im Winter 2011 crashte er so schwer, dass seine aussichtsreiche Formel-1-Karriere von einem Moment auf den anderen für immer beendet schien.

Rallye-Unglück beendet Formel-Karriere

Es war der 6. Februar 2011, als Kubicas Karriere eine bittere Wendung nahm. Während der Vorbereitung für die neue Formel-1-Saison verunglückte der WM-Vierte von 2008 bei der italienischen Rallye "Ronde di Andora" im Skoda Fabia S2000 schwer. Er kam von der Strecke ab und raste in eine Leitplanke, die sich in das Auto bohrte.

Kubica erlitt eine schwere Handverletzung, mehrere Arm- und Beinbrüche und lag vorübergehend im künstlichen Koma. Selbst über eine Amputation der kaputten Hand wurde diskutiert. Das Kapitel Königsklasse? Für ihn zum damaligen Zeitpunkt jäh beendet. "Ich hatte vor meinem Unfall eine starke Position in der Formel 1", sagte der ehemalige Teamkollege von Nick Heidfeld später: "Aber dann, von einem Tag auf den anderen, hat sich alles geändert. Das war nicht einfach."

Wie schwer ihn der Schicksalsschlag wirklich getroffen hat, zeigt allein die Tatsache, dass es Kubica zeitweise vermied, überhaupt an die Formel 1 zu denken. "Ich könnte auch zu den Rennen gehen und viele Kontakte und Freunde treffen, aber ich habe mich entschlossen, das zu vermeiden. Nicht, weil ich unfreundlich bin, sondern weil es mich an alte Zeiten erinnern würde", erklärte er einst.

Doch ganz aufgeben wollte der ehrgeizige Krakauer dann doch nicht. Obwohl er 2012 durch einen Beinbruch beim Ausrutschen auf einer Eisplatte erneut zurückgeworfen wurde, kämpfte er weiter. 2013 startete Kubica für das Citroen Total World Rallye Team in der WRC2-Wertung. Im Folgejahr war er sogar in der Königsklasse des Rallyesports dabei, fiel jedoch in sechs von 13 Rennen aus.

Kubica: Testfahrten für Renault und Williams

Immer wieder gab es in dieser Zeit Spekulationen um ein mögliches F1-Comeback. Konkreter wurden diese bis dahin aber nicht. Zu lädiert war Kubicas rechte Seite. Die extremen Lenkbewegungen, die hohen G-Kräfte - all das wäre für ihn zu viel gewesen.

Doch aufgeben? Das kam für den 76-maligen GP-Teilnehmer nie in Frage. Sein Kämpferherz hörte nie auf zu schlagen, sein unbändiger Wille, doch noch in die Formel 1 zurückzukehren, wurde nie gebrochen. Und jetzt, am Ende des so langen und dunklen Tunnels scheint tatsächlich wieder Licht. Kubica ist einem Formel-1-Cockpit so nahe wie seit seinem Rallye-Crash vor beinahe sieben Jahren nicht mehr.

Renault ließ ihn vor der diesjährigen Sommerpause zwei komplette Renndistanzen zurücklegen. Zwar war Kubica mit seinem Speed nicht ganz zufrieden, doch blieb er über die 142 Runden schmerzfrei. Allerdings: Das Franzosen-Team entschied sich für die Saison 2018 gegen Kubica und setzt stattdessen auf Nico Hülkenberg und Carlos Sainz Junior.

Doch der Pole weiß, dass viele Wege nach Rom - oder in dem Fall in die Formel 1 - führen. Mit Williams hat nämlich nach Felipe Massas Rücktrittsankündigung noch ein weiteres namhaftes Team einen Fahrerplatz zu vergeben. Und tatsächlich: Das Traditionsteam aus England ließ Kubica in einem 2014er-Modell in Silverstone testen - mit Erfolg. Unbekannte Stimmen aus dem Fahrerlager verrieten, dass Kubica so wertvolle Infos für das Williams-Team geliefert haben soll, dass sein Input sogar ins Setup für die Stammfahrer Massa und Stroll geflossen ist.

Nico Rosberg als Manager: "Er hat's drauf!"

Außerdem hat Kubica ein besonderes Ass im Ärmel - Nico Rosberg. Der Weltmeister von 2016 hat vor wenigen Monaten das Management übernommen und will seinen einstigen Rivalen zurück in die Formel 1 bringen.

"Neben Lewis (Hamilton; Anm. d. Red) ist er der schnellste Fahrer, dem ich in meinem Leben begegnet bin. Der Typ hat's sowas von drauf! Mich würde es freuen, wenn er nächstes Jahr wieder im Cockpit sitzt", schwärmte Rosberg gegenüber Sky von seinem Schützling.

Doch bei allen Träumen muss auch ein Rosberg realistisch bleiben. Top-Favorit für das Williams-Cockpit sind aktuell Ersatzfahrer Paul di Resta, der schon beim Ungarn-GP in diesem Jahr zum Einsatz kam, und der geschasste Toro-Rosso-Pilot Daniil Kvyat. Auch Pascal Wehrlein soll in Verhandlungen mit den Briten stecken, wenngleich dessen Chance wegen des Sponsoren-Deals von Martini, das neben Lance Stroll einen mindestens 25-jährigen Fahrer sehen will, gegen null gehen.

So oder so: Für Kubica heißt es nun abzuwarten. Er hat alles getan, was in seiner Macht lag, um das größte Comeback seit Michael Schumachers Rückkehr 2010 zu feiern. Und sollte es am Ende nicht klappen, wird Kubica das verkraften - der heute 32-Jährige hat schon Schlimmeres in seiner Karriere erlebt.

"Ich wäre nicht enttäuscht, wenn es nicht klappt, denn ich sehe sehr realistisch auf die Situation", fasste Kubica treffend zusammen.

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