Größer als die Hand Gottes

Von Robert Arndt

Freitag, 24.06.2016 | 17:58 Uhr
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Er war ein Menschenfreund und Weiberheld, in Argentinien ist er bis heute beliebter als Diego Maradona: Juan Manuel Fangio. Die Geschichte von einem der größten Rennfahrer aller Zeiten, dessen Rekord erst von Michael Schumacher gebrochen wurde und der einst aus den Fängen Fidel Castros entkam. Am 24. Juni wäre der 1995 verstorbene Argentinier 106 Jahre alt geworden. Dieser Artikel erschien bereits am 24.06.2016.

Es ist dunkel und neblig, das Benzin wird knapp. Juan Manuel Fangio fährt an diesem Tag 1948 ein Langstreckenrennen quer durch Südamerika mit seinem Beifahrer Daniel Urrutia. Das Duo erreicht ein kleines Bergdorf.

Die Lichter des Chevrolets reflektieren von den Häuserwänden zurück. Fangio wird geblendet, er ist einen Moment unaufmerksam. Nach einer Linkskurve beginnt der Wagen zu rutschen. Die Zentrifugalkraft wirkt, Fangio verliert die Kontrolle. Das Auto überschlägt sich mehrfach, Gurte gibt es keine. Die Teile fliegen durch das Innere des Chevys.

Als der Wagen zur Ruhe kommt, herrscht Stille. Die Beifahrertür ist abgerissen, Urrutia wurde aus dem Auto geschleudert und liegt reglos auf der Straße. Später verstirbt er im Krankenhaus. Fangio bleibt beinahe ohne einen Kratzer und kommt mit dem Schrecken davon.

Urrutia ist nicht nur der Co-Pilot, er ist auch ein guter Freund des Argentiniers. Fangio zweifelt an sich, überlegt, das Fahren aufzugeben. Es kommt anders. Bereits ein Jahr später debütiert Fangio in der Formel 1.

Nur Schumi ist besser

Bei seinem ersten Start war Fangio bereits 39 Jahre alt, trotzdem entwickelte sich seine Karriere zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Am Ende standen fünf Weltmeister-Titel zu Buche, nur Michael Schumacher toppte das Jahrzehnte später mit sieben Titeln.

Dabei ging Fangio nur bei 51 Wettbewerben an den Start. Seine Siegquote von 47 Prozent ist bis heute unerreicht. 24 Mal stand er ganz oben auf dem Treppchen. Niki Lauda gewann einen Grand Prix mehr, brauchte dafür aber über 170 Rennen.

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Seine fünf Titel mit vier verschiedenen Teams sind einzigartig. 1951 siegte er für Alfa Romeo, 1954 wechselte Fangio während der Saison von Maserati zu Mercedes und gewann den Titel. Die Weltmeisterschaft 1955 war die letzte von Mercedes bis zum Jahr 2014, als Lewis Hamilton triumphierte. Doch der Reihe nach.

Ein Rennen im Taxi

Juan Manuel Fangio wurde am 24. Juni 1911 in Balcarce, 400 Kilometer südlich von Buenos Aires geboren. Der Junge war verrückt nach Fußball - und richtig gut. "El Chueco" (der Krummbeinige) hätte sogar beinahe einen Profivertrag unterschrieben.

Doch Fangio liebte eben auch Autos, entsprechend viel Zeit verbrachte er in einer Werkstatt. Nach der Schule schraubte er dort viele Nachmittage lang. "Ich wollte einfach mehr über Fahrzeuge lernen", sagte der Argentinier einmal.

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Gerade volljährig fuhr der Sohn einer italienischen Einwandererfamilie sein erstes Rennen. Er bestritt es in einem Taxi, dessen Außenhülle durch einen Eigenbau ersetzt und anschließend wieder zurückgebaut wurde.

Fangio nahm den Motorsport immer ernster. Er wurde mehrfach Landesmeister in den unterschiedlichsten Klassen und nahm an Langstrecken-Rennen teil. Seinen ersten großen Triumph feierte er bei einem Rennen, das von Buenos Aires über die Anden und wieder zurück führte. Nach 13 Tagen siegten Fangio und sein Mitstreiter.

Fangio, der Menschenfreund

Der zweite Weltkrieg unterbrach die Karriere von El Maestro abrupt. Erst 1946 fuhr er wieder Rennen. Zwei Jahre später - im Alter von 37 Jahren - kam er erstmals über den großen Teich nach Europa. "Eigentlich nur für ein Jahr ", wie Fangio erklärte: "Ich hatte nie geglaubt, Rennen zu gewinnen."

Der Argentinier war von Beginn an unheimlich beliebt. Er war bescheiden und suchte die Nähe zu den Menschen. "Er war einfach ein Menschenfreund. Selbst eine Klofrau hat Juan nicht achtlos übersehen", verriet Hans Herrmann einst, der 1955 mit Fangio bei Mercedes im selben Team fuhr.

Unvergessen blieb dem Deutschen auch das Abschlusstraining beim Argentinien-GP. "Es waren nur mehr zehn Minuten Zeit, und die Reifen meines Silberpfeils waren am Ende. Fangio bekam das - wie alles eben - in der Box mit und ging zu unserem Rennleiter und bat: 'Herr Neubauer, geben Sie doch meinen letzten frischen Satz dem Kleinen!' Ich, 'der Kleine', wie sie mich nannten, war dem großen Fangio wichtig. So war er halt."

Fangio, der Frauenheld

Auch beim weiblichen Geschlecht erfreute sich Fangio großer Beliebtheit. Ein Jugendfreund erinnerte sich: "Er war immer einer der Letzten, der ging. Und er verließ ein Fest selten allein. Später habe ich wiederholt Menschen getroffen, die ihm verdammt ähnlich sahen."

Offiziell hatte Fangio lange Zeit keine Kinder. In den vergangenen Jahren wurde aber gleich zweimal die Vaterschaft geprüft. Die Leiche des Ausnahmekönners wurde exhumiert und tatsächlich: In beiden Fällen stellte sich heraus, dass Fangio der Vater war.

Der Beliebtheit taten derlei Eskapaden in seinem Heimatland keinen Abbruch. Umfragen zufolge ist der Rennfahrer bis heute sogar beliebter als Fußball-Held Diego Armando Maradona.

"Ich sah die Bäume auf mich zufliegen"

Man verzieh Fangio vieles. Nicht nur weil er nett, sondern eben auch unglaublich erfolgreich und gut war. Sein Gefühl für das Auto und die Situation halfen ihm dabei nicht nur einmal. Oft genug war auch ein Schutzengel notwendig.

So zum Beispiel bei einem Grand Prix in Monza, der nicht Teil der Formel 1 war. Am Tag zuvor fuhr Fangio noch ein Rennen in Frankreich, ein technischer Defekt eines Flugzeugs behinderte die Reise nach Italien anschließend extrem.

Von Paris aus legte Fangio die letzten 850 Kilometer selbst mit dem Auto zurück. Eine Strecke, die sogar heutzutage noch gute acht Stunden dauert. Eine halbe Stunde vor Rennbeginn erreichte er um 14 Uhr Monza. Es kam zur Beinahe-Katastrophe. "Um 15 Uhr befand ich mich im Krankenhaus - und durfte mich glücklich schätzen, noch am Leben zu sein", sagte Fangio rückblickend.

Bereits in der zweiten Runde geriet sein Maserati ins Rutschen: "Ich war zu müde und reagierte nicht schnell genug. Was dann passierte, weiß ich aber noch genau: Das Auto kam von der Fahrbahn ab, traf auf die Grasnarbe, hob ab und drehte sich in der Luft. Ich sah die Bäume auf mich zufliegen und wurde aus dem Auto geschleudert. Ich landete im Gras. Dann verlor ich das Bewusstsein. Es war mein schwerster Unfall."

Der Dominator der Königsklasse

Fangio erlitt schwere Verletzungen an der Halswirbelsäule, sein Comeback gab er erst zum Auftakt der darauffolgenden Formel-1-Saison. Drei Ausfälle musste er zu Beginn verkraften. Der Knoten platzte beim Saisonfinale. Ausgerechnet in Monza feierte das Stehauf-Männchen seinen einzigen Saisonsieg.

Im folgenden Rennjahr wurde El Maestro zum Dominator der Königsklasse. Bereits nach drei Rennen wechselte Fangio zum neuen Mercedes-Werksteam und fuhr mit dem legendären Silberpfeil W196 von Sieg zu Sieg. Er krönte sich zum doppelten Weltmeister.

"Diese Autos waren unheimlich zuverlässig. 1954 und 1955 zu siegen war einfach, weil der Mercedes jedem anderen Auto in jeglicher Hinsicht überlegen war", sagte Fangio über seine Mercedes-Zeit.

Meisterstück auf der Nordschleife

Weniger dominant war Fangios Maserati im Jahr 1957. Dennoch machte der Argentinier am Nürburgring bereits vorzeitig seinen fünften WM-Titel perfekt. Von der Pole startend lief im Rennen zunächst alles schief. Fangio verlor am Start die Spitzenposition und beim Boxenstopp unterlief der Crew ein beinahe folgenschweres Malheur.

Beim Radwechsel rollte die linke hintere Radmutter unter den Wagen und wurde erst nach einer halben Minute entdeckt. Fangios Rückstand auf die beiden Führenden Mike Hawthorn und Peter Collins vergrößerte sich um fast eine Minute.

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Nach zwei verhaltenen Runden, die die Konkurrenz täuschen sollten, flog Fangio schier über den Kurs in der Eifel, seine schnellste Runde blieb mit 9:17 Minuten sogar acht Sekunden unter der Bestzeit aus dem Training. In der vorletzten Runde überholte er die beiden Führenden und krönte eine der größten Aufholjagden der Rennsportgeschichte.

In Erinnerung an das Rennen sagte Fangio 1979: "Selbst jetzt spüre ich die Angst, wenn ich nur an dieses Rennen denke." Auch direkt nach dem Erfolg war sich der Siegreiche der immensen Leistung bewusst: "Ich bin in meinem Leben noch nie so schnell gefahren und ich glaube auch nicht, dass ich dazu noch einmal imstande bin."

Von Castro entführt

Fangio sollte Recht behalten. 1958 startete er noch einmal bei zwei Grand Prix, anschließend zog sich der fünfmalige Weltmeister aus dem Geschehen zurück.

Im gleichen Jahr hielt sich Fangio in Kuba auf, er sollte in Havanna ein Rennen fahren. Viele andere prominente Piloten waren vor Ort. Havanna galt damals als das Monaco Lateinamerikas, doch das Land war durch den wütenden Bürgerkrieg zerrissen. Das Rennen fand unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen statt, doch bevor überhaupt eine Flagge geschwenkt wurde, gelang es den Rebellen um Fidel Castro Fangio aus seinem Hotel zu entführen.

Die Nachricht ging um die Welt. Der Star wurde in drei verschiedene Verstecke geschleppt. Wie Fangio später berichtete, wurde er immerhin "gut behandelt". Er hatte sein eigenes Zimmer, sogar einen Fernseher. Fangio diskutierte sogar mit den Entführern und informierte sich geschickt über deren Ziele: "Ich habe ihnen erklärt, dass ich mich nicht für Politik interessieren würde. Ich sei nur Rennfahrer." 29 Stunden nach der Gefangennahme kam Fangio wieder frei, völlig unversehrt.

Wieder einmal hatte ihm seine spezielle Gabe geholfen: die Eigenschaft, mit Menschen umzugehen und sie zu verstehen. Juan Manuel Fangio war und ist eine Rennfahrer-Legende. Aber vor allem war er ein Mensch, den man mögen musste.

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