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Oliver Lederer im SPOX-Interview: "Ich musste mich neu finden"

Von Fabian Zerche

© GEPA

Die ersten beiden Kapitel in Oliver Lederers Trainerkarriere könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf eine erfolgreiche Periode bei der Admira folgte das Scheitern in St. Pölten. Kapitel drei nützt der 40-Jährige, um nachzudenken. Über Selbstzweifel, Fehler, Entwicklungen im Fußball. Abseits der Scheinwerfer feilt Lederer als Cheftrainer des Regionalligisten FCM Traiskirchen an seiner Spielphilosophie. Kapitel vier soll schließlich gut ausgehen.

Inzwischen analysiert Lederer Fußballspiele für DAZN. Seine nächste Partie: Das Europa-League-Duell zwischen Rapid und Villarreal (Heute LIVE und EXKLUSIV ab 18:55 auf DAZN). Im Interview mit SPOX erklärt der Wiener, wie sein persönlicher Match-Plan gegen die Spanier aussehen würde, warum Dietmar Kühbauer oft unrecht getan wird, was Heiko Vogel zum spannenden Trainer macht und wie ihn die Zeit in St. Pölten veränderte.

SPOX: Herr Lederer, Rapid war im Hinspiel gegen Villarreal heillos überfordert. Was haben Sie für Schlüsse aus dem Spiel gezogen?

Oliver Lederer: Die große Überschrift zur Niederlage in Villarreal ist für mich: ‚Das Projekt Dreierkette beziehungsweise Fünferkette ist völlig misslungen.' Und das mit einer Mannschaft, die schon lange nicht mehr dieses System praktiziert hat. Die ersten fünf Minuten waren noch ein Abtasten, ein Beobachten der gegenseitigen Automatismen. Dann hat Villarreal das Kommando übernommen und Rapids Schwächen beinhart ausgenützt. Das Zusammenspiel zwischen Barac und Bolingoli hat links überhaupt nicht funktioniert. Ohne den beiden eine Alleinschuld zu geben, aber die Abstimmung war nicht gegeben, Automatismen haben nicht gepasst. Dinge, die im Abwehrverhalten essenziell sind. Man hat anschließend in der Pause reagiert, Rapid war dann besser, Villarreal hat aber auch ein paar Gänge zurückgeschalten.

SPOX: Sie haben einige Problemzonen angesprochen. Wie würde Ihr Matchplan für Donnerstag aussehen, um ein ähnliches Desaster zu vermeiden?

Lederer: (lacht) Wenn ich die Entscheidungen treffen dürfte: Es ist bekannt, dass spanische Mannschaften das Spiel von hinten aufbauen. Und das am liebsten gegen Mannschaften, die nicht allzu intensiv pressen und viel Respekt vor dem Positionsspiel zeigen. Darum würde ich als Gegenmittel das Angriffspressing wählen, weil ich denke, dass man im Heimspiel mit den Zuschauern im Rücken einen gewissen Dominanzanspruch stellen muss. Villarreal, das in der Meisterschaft nicht gut dasteht, hat auch gezeigt, dass es verwundbar ist. Eine Option wäre, dem Gegner etwas aufzuzwingen, das er nicht will: Nämliche unkontrollierte lange Bälle in Sektoren zu spielen, in denen man Überzahl schaffen kann. Was ich nicht machen würde, ist, mich zurückzuziehen und über Konter auf Nadelstiche zu hoffen. Das heißt nicht, dass man als Mannschaft nicht kompakt verteidigen muss. Auch im Angriffspressing musst du deine Distanzen zueinander einhalten und gemeinsam verteidigen.

SPOX: War es problematisch, dass mit Deni Alar vorne ein Stürmertyp alleine isoliert war, der in der Vergangenheit gezeigt hat, dass er am besten neben einem physisch starken Mitspieler agiert?

Lederer: Physis ist ein Faktor von vielen und Deni Alar hat schon gezeigt, dass er im Spiel mit dem Ball Qualitäten hat. Vor allem im Zwischenlinienraum ist er für mich ein sehr guter Spieler, der noch dazu hohe Torgefahr ausstrahlt. Er hatte ja auch beim Stand von 0:0 eine gute Chance, insofern stellte er seine Gefahr durchaus unter Beweis. Im Spiel gegen den Ball ist es aus meiner Sicht oftmals eine Fehlinterpretation, dass du physisch starke Spieler benötigst, um Pressing spielen zu können. Es geht vielmehr darum, dass man an vorderster Front leitet, führt und das Anlaufverhalten wählt. Man gibt seiner eigenen Mannschaft dadurch eine Richtung.

SPOX: Ich wollte darauf anspielen, dass die Abstände zwischen Deni Alar und seinen Mitspielern groß war - und das hat er als Spielertyp nicht besonders gern.

Lederer: Das ist genau richtig. Es ist egal, ob du dich für das Verteidigen im tiefen Block oder hohes Pressing entscheidest: Wichtig ist, dass alle mitmachen. Es gibt nur wenige Ausnahmen, ein Fake-Pressing, in dem man nur ein, zwei Spieler investiert. Das ist gegen spanische Mannschaften meiner Meinung nach aber nicht zielführend, weil sie diese ohne jegliche Probleme im Spielaufbau überwinden. Wenn du sie unter Druck setzen willst, musst du das Pressing gut vorbereiten und die ganze Mannschaft investieren. Die Definition von Pressing ist eine geschlossene Abwehrbewegung der ganzen Mannschaft und da gehört der Tormann auch dazu, denn wenn du hoch presst, muss er ebenfalls hochstehen. Es kann jedenfalls nicht sein, dass Deni Alar isoliert von der Mannschaft presst. Das macht gegen spanische Mannschaften keinen Sinn.

SPOX: Villarreal ist durch seine technisch hochqualitativen Spieler recht pressingresistent. Läuft man mit einem aggressiven Angriffspressing, das aus Zeitmangel womöglich nicht optimiert ist, nicht eventuell ins offene Messer?

Lederer: Ich glaube, bei jeder Art und Weise gegen den Ball zu spielen - Angriffspressing, Mittelfeldpressing, Abwehrpressing - lauern Gefahren. Du hast mich nach meiner persönlichen Meinung gefragt, aber klar, der Zeitfaktor ist ein großer. Wenn die Automatismen noch nicht stimmen, greifen viele zu Plan B und wählen tiefstehendes Verteidigen. Die Frage, die ich mir in diesem Zusammenhang aber stelle: Brauchst du tiefstehend nicht genauso viele Automatismen? Die Nachteile sind: Wenn du tiefstehend wartest, ist der Weg des Gegners zu deinem Tor sehr kurz und dein Weg zum gegnerischen Tor elendig lang. Für mich zählt Villarreal aktuell nicht zu den Top-Top-Mannschaften in Spanien. Sie sind nicht hundertprozentig sicher und versuchen, die ersten beiden Linien flach zu überspielen. Darum würde ich versuchen, sie hoch unter Druck zu setzen. Ein tiefer Block kann vielleicht dann funktionieren, wenn man einen Schobesberger zur Verfügung hätte, der mit einer hohen Geschwindigkeit Raum überwinden kann. Es gibt kein Falsch und Richtig, der beschriebene Ansatz ist ein rein persönlicher von mir. Kühbauer hatte bisher wenig Zeit und er wird die Winterpause benötigen, um der Mannschaft seine Handschrift zu geben.

SPOX: Blickt man auf die letzten Jahre, stellen Goran Djurcin und Dietmar Kühbauer in ihrer Philosophie einen Kontrast dar. Haben Sie bei Rapid seit Kühbauers Übernahme erste Änderungen erkannt?

Lederer: Die erste markante Änderung war im Spiel gegen Villarreal die Umstellung auf Dreierkette. Ansonsten muss ich sagen, dass ich noch nicht viele einschneidende Veränderungen gesehen habe. Das wäre aber auch unfair, wir hatten erst eine Länderspielpause, in der es offenbar darum ging, die Spieler körperlich in Schuss zu bekommen und zu regenerieren.

SPOX: Rapid war in der Auswahl der Trainer, was die Spielphilosophie betrifft, enorm sprunghaft. Barisic, Büskens, Canadi, Djuricin, Kühbauer - das waren immer Kehrtwendungen. Wie schwer ist es als Trainer, seine Philosophie zu implementieren, wenn die Mannschaft ganz anders kalibriert ist?

Lederer: (lacht) Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das durchaus zum Problem werden kann. Wobei ich glaube, dass es der Kader von Rapid ermöglicht - was die individuelle Klasse betrifft - flexibel zu agieren. Man kann verschiedenste Spielsysteme wählen. Bei Rapid kommt erschwerend hinzu, dass man beinahe in jedem Spiel gezwungen ist, Dominanz an den Tag zu legen. Im Augenblick reicht es bei Rapid, Ergebnisse zu bringen, egal wie. Aber in weiterer Folge bist du gezwungen, Spektakel abzuliefern. Das wissen wir Trainer. Darum ist es so schwer, bei Rapid zu funktionieren. Man ist gezwungen, das Spiel zu machen. Es sollte viel weniger darum gehen, welche Philosophie der einzelne Trainer hat - der Klub sollte sie sorgfältig definieren. Rapid hat da mehrfach gewechselt.

SPOX: Wie jetzt bei Dietmar Kühbauer.

Lederer: Man wirft Didi immer vor, er wäre ein reiner Kontertrainer - aber er hat bisher auch noch keine großen Mannschaften trainieren dürfen. Jetzt hat er die Möglichkeit. Ich kenne ihn ja als Trainer und Mitspieler und weiß, dass er sehr wohl ein offensivorientierter Trainer ist. Sein System ist auf den direkten Weg zum Tor ausgelegt. Ihm wird oft unrecht getan, Dominanz ist ihm wichtig.

SPOX: Ihre Philosophie baut auf das Positionsspiel auf, Sie orientieren sich gerne an Bielsa und Guardiola. Traditionell sind Underdogs in Österreich mit Umschaltfußball erfolgreich. Wie ist es Ihnen damit ergangen, Ihre Philosophie "kleinen" Teams zu vermitteln? In Ihrer Abschlussarbeit schreiben Sie, dass das Positionsspiel keine Frage von Qualität ist.

Lederer: (lacht) Es ist schon so, dass mich die Zeit in St. Pölten geprägt und zum Nachdenken angeregt hat. Aber ich glaube noch immer, dass das Positionsspiel die wahrscheinlichste Variante ist, um zum Erfolg zu kommen. Es ist aber auch so, dass Qualität eine gewisse Rolle spielt - etwas, das ich in meiner Zeit bei der Admira nicht so eingeschätzt habe. In der Südstadt hatte ich mit Markus Wostry und Richy Windbichler - ich nenne bewusst die Defensivstrategen - Spieler, die in ihrem Naturell mehr Zweikämpfe gewonnen als verloren haben und dadurch spielentscheidend waren. Das war bei St. Pölten unglücklicher, weil wir viele Tore durch individuelle Fehler kassiert haben.

SPOX: Nun arbeiten Sie in Traiskirchen.

Lederer: Ich musste mich wieder neu finden. Aber ich glaube nach wie vor, dass der Fußball eine Sportart ist, die sich darum dreht, was mit den Ball passiert. Ich kann den gänzlichen Verzicht auf den Ball nicht nachvollziehen. Ich habe aus meiner Zeit in St. Pölten meine Lehren gezogen und versuche in Traiskirchen neue Dinge ins Training zu implementieren, weil ich weiß, dass manche Faktoren von der Qualität der Mannschaft abhängig sind. Ich versuche, der Mannschaft das Positionsspiel mitzugeben. Auch weil ich denke, dass es ein super Defensivmittel ist. Ich bin davon überzeugt, dass man im Fußball über zwei zentrale Themen sprechen muss: Den Ball und die Spieler. Alles andere sind nur Beilagen, auch wir Trainer. Die Medien genauso. Mittlerweile hat man aber das Gefühl, dass die Beilage wichtiger ist als das Hauptgericht. Und das Hauptgericht bleiben Ball und Spieler. Das will ich den Spielern mitgeben. Meine Zeit in St. Pölten war sehr prägend und ich hatte Selbstzweifel - seither sehe ich mich noch mehr als Dienstleister für meine Spieler, die ich noch mehr in den Mittelpunkt rücke.

SPOX: Nur wenige Trainer in Österreich machen ihre Spielphilosophie so zugänglich wie Sie und machen sich damit auch weniger angreifbar.

Lederer: Ich sehe mich selbst aktuell nicht so in der Öffentlichkeit. Als Bundesliga-Trainer hätte ich meine Abschlussarbeit vielleicht nicht auf Twitter veröffentlicht. Zum einen will ich zur Diskussion anregen, etwa über aktuelle Trends wie das Verzichten auf den Ball. Man darf im Nachwuchs- und Ausbildungsfußball nicht darauf vergessen, dass das Spiel mit dem Ball essenziell ist. Wenn sich da nicht der Fokus auf den Ball richtet, werden wir in ein paar Jahren - wenn der Trend wieder vom reinen Konter- und Umschaltfußball weggeht - jammern, dass wir einen falschen Schritt gesetzt haben. Ich will kein Besserwisser sein, aber dieser Punkt ist mir wichtig. Im Spitzenfußball werden nur Ergebnisse bewertet, aber darunter muss Entwicklung im Vordergrund stehen. In St. Pölten ist es mir nicht gelungen, etwas zu entwickeln. Das weiß ich und dem stelle ich mich auch. Das hat auch dazu geführt, dass ich sehr daran gezweifelt habe, was ich gemacht habe und meine Philosophie adaptiere.

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